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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-12 · Heft 19 (12.5.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 19 (12.5.1893)
Date
1893-05-12
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 eines Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen anzuregen. Einsender dieser Zeilen ist weit entfernt davon, sich bei einer so hervorragend humanitären Angelegenheit in einen unnützen Prioritätsstreit einzulasfen, allein im Interesse der Sache erscheint eine Richtigstellung dringend geboten. In Wahrheit handelt es sich um Bestrebungen, welche seit Frübjahr 1889 Schritt für Schritt und zielbewußt in Angriff genonnnen sind, tis man nach Ueberwindung der größten Schwierigkeiten, unter denen die ^orurtheile gerade von jüdischer Seite nicht an letzter Stelle 51t nennen sind, aus dem kleinen Kreise heraus trat und weitere Schichten der israelitischen Bevölkerung zu gewinnen suchte Das ist gelungen, nachdem der!hatsächliche Beweis geliefert war, daß jüdische Mädchen alle Eigenachaften des Geistes und des Herzens besitzen, welche zur Ausübung des ,'denso schweren als schönen Berufes der Krankenpflegerinnen befähigen, '-nnen erneuten Anstoß hat jener beherzigenswerthe Artikel allerdings dir die Sache gegeben. Es ist zu wünschen, daß der junge Verein, nachdem er sich konstituirt hat, seine Ziele und die Wege, auf welchen er 'ie zu erreichen bestrebt ist, öffentlich in der Presse klarlegt. Oesterreich - Angarn. * Wien, 7. Mai. Was wir in der Landtagssitznng vom ver- -vichenen Freitag im alten „Stündehause" zu Wien vernommen, hat selbst ihr „Ahlwardtismus" bisher noch nicht zu Wege gebracht. Zur Verhandlung stand die Erneuerung der seit vielen Jahren vom Lande Niederffterreich dem „Deutschen Schulverein" gewährten Subvention. Daß die Antisemiten dagegen wetterten, kann nicht überraschen; der Schulverein -t ja eine Schöpfung der Liberalen. Er trägt zur Unterhaltung des Deutschthums bei und fördert Wissen und Aufklärung — Grund genug 'ür unsere Antisemiten!, den Verein wüthend zu befehden. Doch nicht in diesem Kampf gegen den Deutschen Schnlverein, auch nicht in der maßlosen ednerischen Judenhehe, die bei dieser „guten" Gelegenheit von unseren Herren Antisemiten einmal wieder betrieben wurde, lag das Neueste und verblüffendste. Unserem Herrn Ernst Schneider, dem persönlichen Freund Ahlwardts, war eine Leistung Vorbehalten, wie selbst er sie bislang noch nicht vollbracht hat. Dieser „Erwählte des Volkes" erzählte mit unerhörtem Zynismus ohne jede Veranlassung, daß er neulich in Kolin gewesen und >eute wieder dahin reise, „ans Gründel:, die Sie vermuthen werden", fügte <r zu den Abgeordneten gewendet hinzu. Tie Letzteren riefen „Aha!" ind lachten. Sie lachten, obgleich es da wahrhaftig nichts zu lachen siebt. Daß Antisemiten und zumal ein Herr Ernst Schneider zu derartigen: mqualisizirbaren Thun befähigt sind, könnte freilich nach Allem, was in iefer Richtung schon bekannt geworden, kaum mehr verwundern; daß 'ber ein Abgeordneter in öffentlicher Landtagssitzung mit einem solchen Treiben sich noch brüstet — das ist doch noch nicht dagewesen! Und diesem . Reisenden in Ritualmord" kann das Handwerk nicht gelegt werden? .. . Während aber der Landtag sich damit begnügte, Ernst Schneiders höhnische Geständnisse zu belachen, kommen ans Kolin und Umgegend fortwährend Alarmrufe. Die Hetze dauert fort und gewinnt sogar an Ausdehnung. -Die Judenschaft der ganzen Gegend, die treu zum Deutschthum hält, sieht 'ich bedroht und verfolgt und fürchtet das Aeußerste, wenn nicht rechtzeitig und energisch ben Ruhestörern von Seite der öffentlicher: Gewalten ein .Halt!" zugerufen wird. * Prag, 5. Mai. Im böhmischen Landtage sind die antisemitischen Exzesse in Kolin zur Sprache gekommen. Statthalter Graf Thun erklärte in Beantwortung einer an die Regierung gerichteten Interpellation, die Exzesse seien durch die böswillige Aus- 'treuung veranlaßt worden, daß eine bei einem Juden bedienstete Magd das Opfer eines rituellen Mordes geworden sei. Die gerichtliche Obduktion habe ergeben, daß nicht die geringsten Spuren von Gewaltthat am Leichnam vorgefunden worden, vielmehr ein Selbstmord vorliege. Die Sicherheitsbehörden hätten nichts versäumt, was im Interesse der Dicherheil der Person und des Eigenthums verfügt werden könnte; dieselben seien überall mit aller Entschiedenheit ausgetreten, wodurch es ihnen gelungen sei, die Wiederholung und Ausbreitung der Exzesse zu verhindern. Der Statthalter erklärte, er verurtheile die Bewegung aufs schärfste, welche eine ganze Klasse gleichberechtigter Staatsbürger ihrer gesetzlich gewährleisteten Rechte berauben wolle und sich hierbei von blindem Rassenhasse leiten lasse. Alle Regierungsorgane seien verpflichtet, schon in der Ausübung der Vorsorge für die allgemeine Aufrechterhallung der öffentlichen Ruhe dieser Bewegung die vollste Aufmerksam' keit zu widmen und, wo immer ein Anlaß sich biete, derselben auf das Entschiedenste entgegenzutreten, damit alle Bewohner Böhmens ohne Rücksicht der Nationalität, der Konfession und des Standes den Vollgenuß der staatsbürgerlichen Rechte und den Schutz der berechtigten Interessen genießen. Es könne aber nicht die Sache der Sicherheitsbehörde sein, gegen die verbreiteten Anschauungen und Tendenzen zu Felde zu ziehen, sondern ihre Thätigkeit könne der Hauptsache nach nur eine repressive sein und erst dann einrreten, wenn solche Ideen in konkreten Thatsachen den gesetzwidrige:: Ausdruck fänden. «Lebhafter Bei-! fall.) So weit der uns vorliegende Bericht, der ganz gut und schön j klingt, aber in: Grunde genommen auf die alte Weisheit hinausläuft,! n:an muß den Brunnen zudecken, nachdem das Kind hineingefallen ist.; Holland. g. Amsterdam, 7. Mai. Unter den Regierungen, welche stets auch auf das Wohl ihrer israelitischen Unterthanen bedacht sind, wird mit I Recht auch die holländische geschätzt. Seit einer langen Reihe von Jahren läßt die Königin den jüdischen Wohlthätigkeitsvereinen beträchtliche Summen zufließen. Die hohe Frau steht nicht an, selbst die engen schmutzigen Gassen aufzusuchen, um sich nach den: Wohl und Wehe ihrer armen israelitischen Unterthanen zu erkundigen Bor drei Jahren besuchte die Königin die Falkenburgstraße, hörte vom Eingänge der Synagoge : den Gebeten und Gesängen zu und beschenkte alsdann die Synagoge mit l einem rein silbernen Becher, auf den: ihr erlauchter Name eingravirt! war. So beehrte auch die Königin Karoline jüngst gleich nach ihrer 'Ankunft in Amsterdam die von Baron Rosenthal gegründete israelitische ' Schule (Bewaar Schule) und nahm mit huldvollem Tanke die ihr von der jüdischen Jugend überreichten Blumensträuße an. 'Auch spendete sie : der Schule, die ihre Gunst erworben hatte, 100 Gulden. Die Schuldirektion vertheilte unter den Kindern Bilder der Königin, unter welchen:; „Zur Erinnerung an den Besuchstag der Königin 14. April 1893" zu lesen ist. — Unter denjenigen, denen die Königin Audienz gewährt, befindet sich jährlich auch unser Rabbiner Dr. Dinner, welchen die Königin als Vertreter des Judeuthums huldreichst begrüßt. Philipp Elte, der Redakteur des ,,N. Israelitisch week blad“ empfing durch den Königlichen Sekretair für einen Leitartikel, den er zu Ehren der Ankunft der Königin geschrieben und ihr zugesandt hatte, ein Dankschreiben. — j Ich erwähne gar nicht die vielen Auszeichnungen, die die Regierung den : jüdischen Militairs zu Theil werden läßt. — Die in vielen Blättern wiedergegebene Nachricht vom Ableben Moritz Scharf's ist erfunden — : höchstwahrscheinlich von den antisemitischen Blättern . . . welche sich; jedenfalls auf diese Weise eine billige Gelegenheit verschaffen wollten, j die Blutbeschuldigungsgeschichte von Tisza Eslar mit den irrsinnigsten Randglossen wiederzugeben. Moritz Scharf lebt und arbeitet auch jetzt! noch nach wie vor als Diamantschneider (nicht Diaumntschleifer, wie; einzelne Blätter berichteten). — Das Komitee zur Unterstützung russischer; 'Auswanderer, welches von: 22. Juni 1892 bis 1. Februar 1898! 33,472 30 fl. verausgabt hat, hat nunmehr seine Thätigkeit eingestellt. Nußland. j M. E. Dt. Petersburg, 5. Mai. Auch in Sibirien, wohin! bekanntlich Diebe, Mörder, Nihilisten re. hingeschickt werden, dürfen die! Juden nicht mehr wohnen. 'Wie es scheint, gehören die Juden zu den : größten Verbrechern, so daß selbst Sibirien für sie als Strafe nicht mehr! genügen kann. Laut einen: neuen Gesetze u:üssen sämmtliche Juden, die j keine Ausenthaltsschein aufweisen können, aus den: Gouvernement Tomsk i (Südfibirien) binnen Kurzen: ihre Heimath verlassen. In der Stadt Tomsk allein sind n:ehr als 5000 Juden ausgewiesen. Die Lage der Ver- 1 bannten spottet jeder Beschreibung: die ineisten von ihnen sind auf die j Wohlthätigkeit ihrer Glaubensgenossen angewiesen. Sogar in Jusowo | (Gouvernement Jekaterinoslaw) wollte :nan die Juden nicht haben. Da! aber Jusowo zum jüdischen Rayon gehört, so haben die Antisemiten ein! Manöver gernacht, welches ihnen in anderen Städten vielfach gelungen 1 ist; sie verwandelten nämlich die Stadt in ein Dorf, und weil, wie; bekannt, den Juden der Aufenthalt ans den: Lande verweigert wird, so i müßten sämmtliche jüdische Einwohner die Stadt verlassen. Bei der! großen Kälte, die in: Winter herrschte, ist die Frist der Verbannung auf I einige Monate prolongirt worden. Diese Zeit benutzten die Juden,! Hilfe zu suchen. Endlich, als ihnen aber Alles mißlungen war, versuchten

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