Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1893)
- Date
- 1893-05-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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sie noch ihr Schicksal mit einer Bitte, welche sie an den Zar nach Petersburg richteten. In dieser Bitte hoben sie hervor, daß auf den Glückwunsch, den sie vor einigen Jahren an den Kaiser am 17. Oktober bei seiner glücklichen Rettung au§ Todesgefahr gesendet, sie die Antwort bekommen haben: „Ich danke den Einwohnern der Stadt Jusowo" Der beste Beweis also, daß Jusowo eine Stadt und kein Dorf sei. Diese Bitte ist auch berücksichtigt worden, und den Juden ist jetzt der Aufenthalt in Jusowo von Neuem gestattet. — In Joruha (Gouvernement Podolien) versuchten Cbristen die jüdischen Häuser zu plündern, und wäre nicht der Jspravnik mit Polizisten zur rechten Zeit gekommen, so konnte sich wieder eine von den bei uns bekannten schrecklichen Szenen abgespielt haben. — In der jüdischen Handwerkerschule für Taubstumme in Minsk befinden sich jetzt 16 Schüler, welche vorzügliche Fortschritte wie im Sprechen, Schreiben, Lesen, so auch in verschiedenen Arbeiten machen. — In Warschau sind bis jetzt von der jüdischen Gemeinde 70 Kinder für die Sommerkolvnien ausgenommen worden. £ Petersburg, 5. Mai. Das Centralkomitee für die Auswanderung der Juden nach Argenliuien, welches das Hirsch'sche Projekt in Rußland zu leiten hat, beginnt nunmehr mit der Gründung von solchen Komitees in der Provinz. In erster Reihe werden solche Komitees in denjenigen Gouvernements gegründet, wo Auswanderergruppen sich bereits zusammengethan haben. In Kischinew, sowie vielen anderen Städten Bessarabiens haben die Komitees ihre Thätigkeit bereits begonnen und für den Sommer steht eine geregelte Emigration bevor. Mittlerweile laufen hier fortwährend Nachrichten über den Stand der Dinge in Argentinien ein, welche das Publikum mit gesteigertem Interesse entgegennimmt. Demnach hat die Heuschrecke in den Kolonien auf die Maisernte nur nachtheilig gewirkt, im Allgemeinen aber ist schon in diesen: Jahre eine reiche Ernte zu erwarten. Der Oberst Goldsmid, welcher der Leiter der Kolonien ist, theilte dem Baron Hirsch mit, daß er nunmehr die Geldunterstützung den Kolonisten nicht wie bisher Allen in gleicher Höhe gewähren wird, sondern je nach ihren Leistungen. In der Kolonie Mauritia sind alle Häuser bereits fertiggestellt, wobei der Ban jedes Hauses 200 Pesos kostete. Was die innere Organisation der Kolonien anbetrifft, so ist man bis jetzt noch zu keinen endgiltigen Beschluß hierüber gekommen, indem der Oberst Goldsmid mit den bisher gemachten Borschlägen und unterbreiteten Vorlagen sich nicht einverstanden erklärt. In Bezug auf diesen Punkt aber möchte man in Rußland so schnell wie möglich Aufschluß haben, indem viele Gruppen bereits vorhanden sind, welche auf eigene Kosten answandern wollen und der organisatorischen Thätigkeit des Barons bedürfen. Auch in den westlichen Gouvernements entstehen gegenwärtig selbstständige Auswanderergruppen, welche, sobald das Werk des Baron Hirsch in seinem ganzen Umfange beginnen wird, sich zur Auswanderung nach Argentinien auf eigene Kosten anschicken. Nach einer weiteren Meldung, welche der Kandidat der landwirthschaftlichen Wissenschaften, Herr Bertenson aus London, mitgebracht hat, ist der Baron Hirsch geneigt, die innere Administration in den Kolonien einem Ausschuß, aus drei Personen bestehend, einem Rabbiner, Ingenieur und Agronom zu übergeben, über welche der Oberst Goldsmid stehen wird. Herr Bertenson ist vom Baron für das Amt eines Agronomen ausersehen worden. Von Nah und Fern. — In der Pfingstwoche sollen zwei antisemitische Parteitage stattfinden: ein solcher der deutsch-soziale:: Partei in Hannover und ein solcher der antisemitischen Volkspartei in Marburg. Zweck der beiden Parteitage ist die Stärkung der Organisation und die Aufstellung eines Arbeitsplanes für die nächste Zeit. — Herr Schwennha gen tauchte am Freitag wieder aus seiner Versenkung auf und hielt eine Rede, in der er Ablwardt übertrumpfte und Caprivi, Miquel, kurz die gesammte Regierung als vom „jüdischen Einfluß" beherrscht darzustellen suchte. Auch Ahlwardt giebt wieder Vorstellungen zu 20 Pf. Entree In einer derselben sagte er: „Wir hoffen, wenigstens 15 Antisemiten in den Reichstag zu bringen. Wenn wir dies erreicht haben, dann werden wir durch Stellung von Anträgen es bewirken, daß mindestens alle Woche einmal die Judenfrage im Reichstage debattirt wird. Das deutsche Volk dürfte dadurch derartig antisemitisch werden, daß wir bei den nächsten Wahlen die Mehrheit im Reichstage erlangen werden. Ist dies aber erst geschehen, dann werden wir auch dafür sorgen, daß das jüdische Vampyr-Volk nicht länger in Deutschland geduldet werde." (Stürmischer Beifall.) Das würde, wenn er sich nach den Ideen des Herrn Ahlward: gestaltet, ein netter Reichstag werden. — Am 3. Mai feierte der feil 42 Jahren der jüdischen Gemeinde in Strelno vorstehende Rabbiner Joachim Stern sein 50jähriges Amtsjubiläum. Der im 84. Jahre befindliche Jubelgreis ist sehr rüstig. Die Gemeinde zeichnete denselben durch Ovationen und Geschenke aus — Die Ahlwardtstraße in Löbtau ist übrigens vom Gemeinderath in Gohliserstraße umgetauft worden. Der Name ist nicht mehr da, aber die Erinnerung ist geblieben. — Nach dem 33. Jahresbericht über die israelitische Waisen Erziehungs-Anstalt für Knaben und Mädchen aus Westfalen und Rheinland zu Paderborn wurde das Waisenhaus von 62 Zöglingen besucht, davon 34Waisen aus Westfalen und 28 aus Rheinland. Entlassen wurden 8 Knaben und 3 Mädchen; ausgenommen wurden 16 Waisen. Die Einnahmen betrugen 40,279 Mk., von denen 32,101 Ml verausgabt wurden. Die israelitische Gemeinde Altona wählte beit Rabbiner Dr. Deutsch aus Burgpreppach (Baieru) zum Oberrabbiner. - In der 42. Versammlnug deutscher Philologen und Schulmänner in Wien wird der gelehrte Dr. Jacob Tauber, Oberrabbiner zu Prerau, einen Vortrag halten über „Darlegung der geschichtlichen Thatsachen zu den Proverbiis". — In Wien ist am 2. d. M. Regierungsrath Prof. Dr I. Schnitzler gestorben, der Direktor der Allgemeinen Poliklinik, eineder angesehensten und bedeutendsten Aerzte. An seinenr Grabe sprachen u. A. . Oberrabbiner Dr. Güdemann und Prof. Dr. Benedikt. — Der Kaisen hat den Oberlieutnant im Generalstabe Heinrich Porges in Wie:: zum Oberst ernannt. Das Mai - Avancement brachte von Glaubens genossen die Beförderung zweier Oberstabsärzte erster Klasse, mehreren Stabs- und Oberärzte und einer größeren Zahl Oberoffiziere in allen Waffengattungen - Der Bischof Lobos in Tarnow sagte jüngst einer Deputation der dortigen Gemeinde: „Es freut mich, an diese: j Stelle neuerlich betonen und erklären zu können, daß ich für ein ein! trächtiges Zusanunenleben mit den Mitbürgern mosaischer Konfession > stets warn: eingetreten bin und jede Animosität gegen diese unsere gleich berechtigten Landeskinder, dem erhabenen Gebote der Nächstenliebe ent sprechend, entschieden perhorrescire." — Wie zuverlässig verlautet, steh: eine Verfügung des kurländischen Gouverneurs bevor, wonach zwet Drittel Juden Libau im Laufe dieses Jahres verlassen müssen Infolge dessen herrscht große Bestürzung in kommerziellen Kreisen, da viele Juden dem Großkaufmannsstande angehören. — Das deutsche Kaiser paar ist auf seinem Ausflug nach der Villa Este in Tivoli bei Rom von einem Israeliten begrüßt worden, der dort die Honneurs machte Cardinal Hohenlohe weilt nämlich jetzt im Auslande und beauftragte er daher den jüdisch-amerikanischen Bildhauer Ezechiel, dem er schor seit Jahren Gastfreundschaft gewährt, das deutsche Kaiserpacu in seinem Namen zu begrüßen und zu bewirthen. — Anläßlicb der silbernen Hochzeit des italienischen Königspaares wurde in der catalanischen Synagoge in Rom ein Festgottesdienst ab j gehalten, bei dem Rabbiner Asearelli eine Ansprache hielt. -! In Neapel besteht bereits eine ansehnliche jüdische Gemeinde, die aunahezu tausend Seelen besteht. Vor einigen Tagen hat dort ein Ballfes stattgefunden, dessen Reinerträgniß zur Renovirung des kleinen Tempel bestimmt war, und konnten 9000 Lire diesem Zwecke zugeführt werden Das Stadtviertel Mareato hat in der Person des jüdischen Gemeinde rathes Pacifico Asearelli einen Vicebürgermeister erhalten. — Der ägyptische Premierminister Riaz Pascha ist ein Jude, der erste seit Joseph und noch einflußreicher als dieser, da er nicht wie dieser unter, sondern infolge des englischen Einflusses über seinem Pharao steht. — In Amerika erregt es großes Aufsehen, daß Theodor Seligmann, der Sohn vov Jesse Seligmann, einem der angesehensten Männer Amerikas, von de::: „Union League Club", dem sein Vater seit dreißig Jahren angehörte, zurückgewiesen wurde,^und zwar blos darum, weil er Jude ist. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für d:e Redaktion- Mar Bauchwitz in Berlin.