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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-12 · Heft 19 (12.5.1893) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 19 (12.5.1893)
Date
1893-05-12
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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228 Litterarrsche Mittheilungen. In Paris sind in den letzten Tagen zwei sehr interessante Werke erschienen. Zunächst das Buch von Anatole Leroy-BeaulLeu: „1^68 .iuifs et l’antisemitisme“. Einzelne Kapitel daraus hatte die „Revue des Deux Mondes" bereits gebracht. In der Vorrede sagt Leroy-Beaulieu: „Dieses Buch hat ein Christ- und ein Franzose geschrieben. Frankreich muß seiner Tradition der Gerechtigkeit und Freiheit treu bleiben, das ist die einzige Größe, der einzige Reichthum, das uns das Waffenglück nicht raubeil kann. Der Antisemitismus entspricht weder unseren Prinzipien, noch unserem Nationalgeist Im Antisemitismus findet man alles Mögliche, Altes, Neues, Mittelalterliches neben chimärischem Sozialismus, reaktionäre Instinkte und revolutionäre Leidenschaften. Wir müssen wieder einmal gestehen, das; wir zu viel von der Vernunft erwartet, der Civilisation zu sehr vertraut hatten." Ferner heißt es in der Schrift: „Wenn alle Juden aus Frankreich verbannt, aus Europa verschwunden wären, Frankreich wäre darum doch nicht wohler. Der Antisemitismus täuscht und blendet uns und will uns glauben machen, das Nebel sei au erhalt) unseres Körpers. ''Aber es ist in uns selbst." LerorpBeaulieus Buch, auf dos wir noch zurückkommen, zeigt weder günstige, noch ungünstige Voreingenommenheit gegen die Juden, es behandelt die Judenfrage mit Kälte, aber von hohem Standpunkte. Außerdem ist in Paris vor Kurzem der vierte Band von Ernst Renans „Geschichte des Volkes Israel" ausgegeben worden. Er zeigt, wie Israel unter persischer Herrschaft, als Nation besiegt und jedes nationalen Strebens beraubt, mehr und mehr seinen religiösen Bestrebungen sich hingiebt. Eine ausführliche Anzeige hoffen wir bald bringen zu können. „Die Weisheit des Brahmanen oder des Kriegers?" ist der Titel eines Essays, den R. Garbe im Maihefte von „Nord und Süd" veröffentlicht, und der eine Frage von hohem kulturgeschichtlichen Interesse in einer überraschenden Weise löst. Garbe weist nämlich nach, daß die höchste Blüthe indischer Weisheit nicht der Priesterkaste, sondern der Kriegerkaste entsprossen ist, so daß man statt von der Weisheit des Brahmanen von der Weisheit des Kriegers reden muß. Außer dieser hochinteressanten 'Abhandlung bringt das Maiheft von „Nord und Süd" folgende Beiträge: „Der General." Eine erlebte Geschichte von Franz von Schönthan < Schluß); „Victor Tilgner" von Ludwig Pietsch; „Goethe, Gries uud Friedrich Karl Meyer von Karl Theodor Gaedertz. — Ein ungenannter, aber augenscheinlich sehr gut informirter Autor liefert eine vortreffliche Charakteristik des Königs Karl von Rumänien; Laura Marholm plaudert, anknüpfend an das Buch von Johannes Prölß, in ihrer geistvollen Weise „vom alten Jungen Deutschland", wobei sie namentlich Gutzkow's Bedeutung von ganz neuer Seite beleuchtet. Paul Lindau beendet in einem zweiten Artikel seine lehrreichen „Bemerkungen über Regie und Jnscenirung", uiib Otto Royuette entfaltet in der Novelle „Meines seligen Onkels Stiefelsammlung" seinen liebenswürdigen Humor. Das Heft ist mit einer ausgezeichneten Nadiruug von Krauskopf geschmückt, die uns das Portrait des Wiener Bildhauers Victor Tilgner nebst seinem Mozartdenkmal vor Augen führt. Die Nr. 19 der „ Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Ahlwardts Ende? — Jüdische Deutsche in der Berliner Justiz und die Kreuzzeitung. — Die Juden und die Kriminalstatistik 1. - Zur Abwehr. — Aus dem antisemitischen Lager. — Briefkasten. — Sitzung des Reichstages vom 25. April 1893. Stenographischer Bericht. K Sprechsaat. Geehrter Herr Redakteur! Möchten Sie nicht als Ergänzung zu dem Artikel des Herrn Dr. H. Meyer Cohn, über Kriminalstatistik, die folgenden Mittheilungen bringen, die der neueste Band der „Kriminalstatistik für das deutsche Reich" auf das Jahr 1890 über die Betheiligung der Juden an Verbrechen enthalten. Ich halte dieselben für sehr wichtig, denn sie bestätigen ausdrücklich die geringere Kriminalität der Juden. Dort heißt es nämlich (II. 19): „Nach den Ermittelungen zeigen die Katholischen im Allgemeinen eine größere Kriminalität als die Evangelischen und die Christen eine größere als die Juden. Auf 100,000 Personen der strafmündigen Civü bevölkerung gleicher Kategorien kommen: 1038.8 evangelische 1238,1 katholische 1108.8 überhaupt christliche 867,4 jüdische Berurtheilte. Besonders ungünstig für die Katholiken stellt sich das Ve - hältniß bei gefährlicher Körperverletzung, bei welcher die Juden ebenso wie bei den Diebstahlsdelikten eine auffallend geringe Betheiligung an weisen. Die Juden stehen dagegen ungünstig und übertreffen die Christa in der Kriminalität bei den Deliktsarten Beleidigung, Erpressung, Betrug uud Urkundenfälschung. Alle diese Ergebnisse jedoch auch nur zu einen größeren Theile auf die Religion oder Konfession der Ve> urthe ilten zurückzuführen, erscheint nicht angängig. Die in der vorliegenden Statistik berücksichtigten Religionen und Konfessionc i unterscheiden sich in den Grundlehren der Moral, soweit wenigsten ' europäische Kulturstaaten und insbesondere das Deutsche Reich in Frac - kommen, nicht so weit, daß man es unternehmen könnte, die Unterschied ' in der Kriminalität auf solche des Bekenntnisses zurückzuführen. Wiu man daher überhaupt in der Religion und Konfession einen Einflug auf die Kriminalität ihrer Bekenner suchen, so muß man sich doch vei gegenwärtigen, daß daneben andere, so mächtige Faktoren wirken, bcn diejenigen der Religion dagegen verschwinden und man statistische Bei gleiche in dieser Beziehung nur dann mit einiger Sicherheit anstelle' dürfte, wenn man Personen desselben Geschlechts, desselben Alters, desselben Berufs, derselben Provinz nach ihrem Bekenntniß neben einander stellt , d. h. also die anderen Faktoren der Kriminalität eliminirte; und bauwäre noch zu erwägen, daß die innere Religiosität und Konfessionstren — denn diese wären es doch, welche je nach ihrer Verschiedenheit in vn schiedenstem Maße vor Verbrechen und Vergehen bewahren sollten —sic auch nicht beurtheilen lassen aus den Nachweisungen dieser Statisch, welche nur in äußerer Weise erkennen lassen, ob ein Verurtheilter sich zn christlichen oder jüdischen Religion oder zur evangelischen oder katholischem Konfession hinzugerechnet habe. Die oben mitgetheilten Erscheinungen können daher in ihrer Allgemeinheit nicht die Kriminalitätsverschiedenheiten der nachgewiefenen Religionen und Konfessionen zum genauen Ausdrm bringen. Frühere Untersuchungen, welche für kleinere Bezirke mit möglich' gleichmäßiger Vertheilung der Bevölkerung auf die Konfessionen u. s. n angestellt wurden, haben ergeben (vgl. Statistik des Deutschen Reichc Neue Folge, Bd. 30, S. II. 22 fg), daß in überwiegend katholischen Gegenden unterschiedlich eine hohe und eine geringe Kriminalität vor kommt, also die Konfessionen in ihrem Einfluß durch die Landes- (Volks Natur (Temperament) überwogen wird. So wird die höhere Kriminalito der Katholiken durch ihre Verbreitung im Osten erklärt, wo überhaup. eine hohe Kriminalität herrscht ebenso die Mehrbelastung der Katholike bei gefährlicher Körperverletzung. Die hohe und den christlichen Krimi nalitätsantheil überwiegende Kriminalität der Juden bei Beleidigung. Erpressung, Betrug unb Urkundenfälschung stimmt überein mit eine hohen Betheiligung an diesen Deliktsarten der im Handel und Verkehr Berufsthätigen, zu denen die Juden ein hohes Kontingent stellen." Leipzig, 5. Mai. Ergebenst L. F...r * Sehr geehrter Herr Redakteur! Wer sich nur einigermaßen mit der Lektüre der Septuaginta beschäftige kennt deren Ungenauigkeit und Inkorrektheit, die theils aus Unwissenheil theils aus parteiischer Tendenz entstanden. Im Buche Esther, das nach znlesen ich heute besondere Veranlassung hatte, wimmelt es ganz besondervon Unrichtigkeiten, die man ebenfalls theils der Tendenz, theils bei Unwissenheit zuschreiben könnte. Aber es kann doch wohl nicht Unwissen heit schuld sein, daß sie die Worte II, 16 am 2NN2 ilÜ2SD wiedergeben Tip öoHhzäup tajvl 1-gxlv .1Öan nach III < ■"HK BHn Kin ItPl? DW EHPI und welche Tendenz sollte dabe? obgewaltet haben? Ich hoffe, daß es nicht bei einem sein Bewenden haben, sondern von irgend einer Seite eine Antwort erfolgen werde. Oppeln, 28. April. Hochachtungsvoll Dr. Wiener. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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