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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-12 · Heft 19 (12.5.1893) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 19 (12.5.1893)
Date
1893-05-12
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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226 „Hat er nix gesagt?" forscht Dörtle und wendet dabei die Blicke ab. Ihr pocht das Herz, sie möchte wohl wissen, ob der Bartel von dem Streit gesprochen hat — und wer die Ursach war. „Nein, er hat nix gesagt," ist die Antwort der Lea. Dörtle ist schon wieder gutes Muthes. So schlimm wird's nicht sein, denkt sie, was ein rechter Bursch ist, der muß auch einmal einen rechten Tanzbodenstreit haben — freilich, sie lächelt verächtlich — der Bartel, der gehört nicht zu den Rechten. Lea steht geduldig harrend, was die Bauerntochter begehren mag. „'S Geld will i bringen für die Schlupf," sagt Dörtle. „Was uiacht's, damit i Di nit länger aufhallen ihn." „D, Tn auch," antwortet Lea, „dafür giebst nix, die hat kein' Preis!" „Das ist einmal ein dummes Geschwätz," begehrt Dörtle ans. „staust Hab i sie, Hab drin getanzt." „Wenn» Di gefreut hat, mir ift’§ gewiß recht," spricht das blasse Mädchen ganz traumhaft. „Gefreut, o!" fällt Dörtle ein, „arg, und beneidet haben sie ini drum, das ist der schönst' Spaß gewesen vom ganzen Tag." Lea wischt mit beiden Händen über ihr Gesicht, und während das Dörtle einen kleinen Jauchzer ausstößt, seufzt sie tief auf. „Wenn's Ti gefreut hat, mir ist's schon recht," spricht sie. „Und mehr thät i hergebcn, läg der droben nit so elend. Vom Bartel ist die Schlupf gewesen, der hat sic mir gebracht — aber i — i tanz ja nimmer!" „Bom Bartel!" Ganz dunkelroth sind die Wangen Dörtle's. „Geschenkt will i nix, apart nix, was der gebracht hat," ruft sie hastig. „Sag mein Sach — und i will heim!" Lea hat die Hände über einander gelegt und schüttelt traurig! den Kopf. j „Was thust so wüst, Dörtle — bist eh nit so gewesen. Und j wenn Du ein Zorn hast, schau, i hab'n Kummer."! „D, Du auch!" aber der Zusatz stirbt dem gelbhaarigcn Mädel! auf der Zunge, denn sic fühlt plötzlich eine Angst auf der Brust! und fragt kleinlaut: „Du, er hat's wohl gestern heimbracht das Lieber?" „'s Fieber und noch mehr!" antwortet Lea und hat den Thürgriff in der Hand, als habe sie Eile. Dörtle weicht auch zurück, nach der Straße zu. „Nun, wenn das Alles ist," meint sie und thnt muthig dabei, „l'o'it Streit, aus dem macht sich Eins nix!" Lea schüt elt den Kopf und dann treten sie Beide hinaus, Dörtle weiß gar nicht mehr, daß sie das Geld noch in der Hand hat und wieder heimtragen auch. „Wenn der Doktor von ungefähr nach der Schwaderin sehen sollt, da schick ihn herüber," bittet Lea noch von der Stiege herab. Und Dörtle nickt dazu »ud hat kein Acht, daß ihr Scheitel naß wird. „Der" — flüsterte sie, „der Tanzelesjud!" „Ja, freilich, den Namen wird er nun nimmer los! Und's wird so arg nil sein!" setzt sie hinzu, um sich über ein unangenehmes Gefühl hinweg zu helfen. Wie sie rechts schaut, sieht sie ein einspännig Wäglein herankonnnen. „Ist meiner Treu der Herr Doktor! Muß der gerad daher kommen, den Leut' ein Gefallen zu thun. Ein Salbader wär auch gut genug gewesen," spricht sie, bleibt aber stehen und wartet, daß der Wagen heranrollt. Der Doktor nickt ihr mit dem rothen, runden Gesicht freundlich zu und will vorüber. Eine Sekunde schwankt sie, ob sie das zulassen soll, dann sagt sie:! „Nit nach der Mutter schaun, Herr Doktor?" „Benöthigt sie inich?" fragt er. „Es pressirt mir. Der Windlcr hat einen schlimmen Beinbruch —" Roth schießt es dem Mädchen ins Gesicht, aber seinen Stolz kann es nicht beugen, „'s ist der Mutter immer ein Trost, wenn der Herr Doktor nach ihr schaut. Und wenn sie auch gerad nit arg klagt, in der linken Schulter reißt's halt wieder." „Nun, geh Lies!" ruft der Doktor und will die Peitsche heben, denn das Thier kennt den Schwadercrhof, wo es oft eingestellt wird. „Und der Mutter sag, i komm auch baldigst." Muß sie's nun doch von den Judenleuten besonders sagen? - nein, dem Dörtle kommt rasch noch ein anderer Gedanke. „Soll i die Lies einstellen?" fragt's und lächelt, „beim Windle: habt Ihr nit Platz und zum Adler ist weit und schaut her, die Mäh: vcrsteht's auch, und dann, fast hält i's vergessen: Der Herr Doktor mög auch drüben in dem Häusle nachschaueil." Nlir so über die Schultern deutet sie dabei. „Wird doch der alten Sarah nix sein?" meint der Doktor und springt vom Wagen. „Nun, dann stell die Lies nur ein!" Und davon ist er, Dem Kranken zu, der des gebrochenen Beinewegen nach ihm geschickt hat. Dörtle ist zufrieden, sie hat's durchgesetzt, daß sie ihren Willei hat und den Doktor mir so von ungefähr dort hinüber schicken kann Sie ruft den Knecht und heißt ihn auf das Pferd achten und Uv selber die Riemen mit und steht dann wieder und wundert sich, wn: auch dem Bartel sein mag. Sie geht drauf ins Haus, sucht die Bäuerin wie vorhin ii Keller und Küche und sagt ihr endlich auf dem Speicher, der Dokto: käme nach ihr zu schau». „Ist auch so oft nit nöthig," meint die, welche nun von eine»: besondern Geschäft, deni Wüschezählen, ablassen muß, und geht, mr sich eine frische Haube ausznsetzen. Dann sucht Dörtle den Vater. Er steht neben einer Kuh, du daS Fressen weigert, und Dörtle bekommt auf eine Frage, ob bet Vater meint, daß sich das Wetter wieder bessert und sie nach Weil dem Dorfe, kann, eine unwirsche Antwort. „Guck auch!" sagt sie und wirft trotzig die Lippen auf, „du haben's gut, aber einmal komm i auch ans Befehlen!" Und es muß wohl eine Vorempsindung davon sein, die sich jetzt in ihr regt, denn sie tritt neben Binele hin, die mit einem Spreuen korb hantirt, schaut ihr zu, stößt dann nach dem Korb und rufl: „Daiiiit konnt'st auch ein andern Platz suchen, der Doktor komnit gleich daher, dann stäubt's." Die Magd bückt sich und füllt den verstreuten Spreuer wiede> zusammen, sie meint, die Dirne spricht von dem Viehdoktor, den» was kann jetzt anders, ihrer Meinung nach, den Sinn der Hausleute erfüllen, als daß Bräunele das Fressen weigert. „O der!" sagt sie deshalb, „der ist zu arg fein nit gewöhnt." Dem Dörtle schießt ob dieser Rede das Blut ins Gesicht, cs stemmt die Hände in die Seiten und ruft: „O, Du Wüste, Widerhaarige Du! Solch ein Gegenspiel willst halten! Und i bi» die Tochter vom Schwaderer! Schau, daß D» da fortkommst, sonst helf i! Hub das ist gewiß," setzt sie hinzu und zeigt die weißen Zähne und ihre Atigen blitzen, „wenn erst die Reihe an mir ist mit dem Befehlen, da weiß i auch schon Bescheid! Für alte wüste Dinger hat's da keinen Platz hier!" Binele steht und blickt auf den ihr zugewendeten Rücken und bewegt deit Mund erst zweimal vergeblich, eh' sie die leisen Worte hervorbringt: „O, Du mein Herrgöttle, Du!"

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