Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1893)
- Date
- 1893-05-12
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Tode erblühte stets die jüdische Litteratur. Ein flüchtiger Blick auf ihren Entwicklungsgang mag dieses Urtheil bestätigen. Auf die biblisch-talmudische Periode — eine Zeit des vollrüstigen Schaffens und der Hervorbringung von gewaltigen Originalzeugniffen — folgte die saboräisch-gaonäische (um 500—1000 n. Ehr.), die Epoche des emsigsten Sammelfleißes und vornehmlich reproduktiver Geistesarbeit. Der erste Lenz und Sommer der jüdischen Litteratur war dahin, und in ihrem Gefolge kam die trübe Herbstzeit heran, die neben der reifen Frucht schönerer Tage nur noch ein graues Stoppelfeld sehen ließ, das aber noch gut genug war, als Nährboden für die Mystik zu dienen. Noch war das Sonnenlicht der ersten Glanzzeit der jüdischen Litteratur nicht ganz erblichen, aber schon senkten sich, tief und drohend, die Abendschatten hernieder. Und dennoch sollte die Nacht nimmer hereinbrechen. Noch in die Dämmerung dieser Periode hinein tönt der Hahnenruf des jungen Morgens einer neuen Zeit, in welcher der reiche Segen der spanischarabisch-jüdischen Poesie und Wissenschaft erblühen sollte, ein Segen, dessen Fülle bezeichnend genug erläutert wird durch die Thatsache, daß seine Unterbringung eine unverhältnißmäßig längere Kette des Epigonenthums erforderte, als es jene war, die das große Werk der ersten Ernte vollbracht hatte. Freilich, die Früchte dieser Ernte, die Bibel und der Talmud, hörten auch später nicht auf, den Gegenstand der emsigen Bearbeitung unter den Inden zu bilden. Man kann es sogar als den prägnantesten Charakterzug der jüdischen Litteratur hinstellen, daß zu allen Zeiten Bibel und Talmud ihr als Mittelpunkt gedient habe», daß die beiden gewaltigen Denkmäler der ersten Blüthezeit die vollsaftige Lebensquelle bildeten, aus der die geistige Thätigkeit innerhalb der Litteratur zu allen Zeiten ihre beste Kraft schöpfte. Die jüdischen Schriftsteller dieses Zeitraumes, sie mochten Grammatik oder Philosophie, Kabbala oder Poesie, Exegese oder Mathematik, Astronomie oder Medizin treiben, griffen immer wieder auf Bibel und Talmud zurück, welche beide ihnen als reich gefüllte Schatzkammer galten, ans der die kostbarsten Jdeenperlen hervorgeholt, entsprechend umgeformt und dann dem übrigen Schmuck angereiht werden konnten. Neben dieser Ausbeutung von Bibel und Talmud zu Hilfszwecken für die verschiedensten Wissenszweige ging die selbstständige Behandlung beider behufs Ergründung ihres eigensten Wesens her, wobei sich jedoch ein merkwürdiger Anachronismus ergab, indem der Talmud früher Gegenstand der selbstständigen Forschung wurde als die Bibel. Ein wesentlich anderes Gepräge enthält das eben in bloßem Umriß gezeichnete Bild seit jener neuerlichen Renaissance innerhalb der jüdischen Litteratur, welche von dem großen Philosophen aus Dessau, Moses Mendelssohn und seiner Schule, inaugurirt und von dem mächtigen Dreigestirn Rappaport-Zunz-Lnzzatto im ziveiten lind den folgenden Dezennien unseres Jahrhunderts siegreich durchgeführt wurde. — Die letztgenannten drei großen Führern der neuern jüdischen Wissenschaft hängen zwar nicht eigentlich von Mendelssohii ab, der in Anbetracht des Wissensstoffes noch tief im Mittelalter steht, indem für ihn der Mittel- und Wendepunkt alles Wissens noch immer die Theologie allenfalls auch die von ihr gegängelte Philosophie bildet, währeiid ihm jür Geschichte und Pragmatik und die darauf fußenden Wissenschaften jeglicher Sinn fehlt. Bor dem Mittelalter voraus hat Mendelssohn eigentlich blos die Nüchternheit des Urtheils und einen ästhetischen Formsinn, Vorzüge, die, so sehr sie für den neuen Aufschwung der jüdischen Litteratur unentbehrlich waren, ihm selbst doch mehr unbewußt eigneten und darum gar nicht in seinen eigentlichen Schülern, sondern erst in jenen Pfadweisern der neuen Epoche zu bewußter Entfaltung gelangten. Die nunmehr zum Siege geführte historischkritische Richtung, die sich der Form nach ganz der modern-europäischen Litteratur anschloß, hatte zwar auch schon früher einige bemerkens werthe Vertreter, so namentlich den Deutsch-Italiener Elia Levita und den Lombardenser Asarja dei Rosst (beide im 16. Jahrhundert), die aber ohne nachhaltige Wirkung blieben, während von de» bedeutendsten Nachzüglern der Mendelssohn'schen Zeit Salomo Maimon und Nachinan Krochmal, beide Polen, unglückliche, in sich zerfallene Geister waren, deren beste Kraft im aufreibenden Kamps, mit sich selbst erschöpft wurde. — Auf weite Strecken hinaus wa> das Gebiet der jüdischen Litteratur von Unkraut überwuchert worden: es urbar zu machen, erheischte verdoppelte Kräfte und, in Ermangelung eigener Arbeiter, holte sich die aufstrebende jüdisch, Wissenschaft solche von außerhalb, vermuthlich blos mit der alleinige» Tendenz, die Kunst des Anbaus zu erlernen, nicht um fremde» Samen auf ihrem Acker einsenken zu lassen. Es steht diese Erscheinung nicht vereinzelt da in der Geschichte der jüdischen Litteratur; einmal schon war dasselbe Manöver mit vielem Glücl ausgeführt worden: damals war es die griechisch-arabische, jetzt sollt, es die modern-europäische Kultur sein, nach deren frischem Quellwasser die einigermaßen in Versnmpsung gerathene jüdische Litteratur begehrte; im Nebrigen aber wollte sie sich durchaus von ihrer eigene» Ftuth tragen lassen. Nebenbei bemerkt war der Liebe Lohn seiten,- der jüdischen Litteratur längst, schon im Vorhinein, in Gestalt der Bibel an die gesanunte Weltlitteratnr abgeführt worden. Also war der Pakt abgeschlossen; die jüdische Litteratur lieh die innere Fornr lind wohl auch manche gestaltende Idee von der europäische» Kultur und entledigte sich gleichzeitig zru» größten Theile ihrer bis dahin fast ausschließlichen Gewandung, der hebräischen Sprache. Wie kam es nur aber, daß es in diesem Kampfe um die Vereinigung so still herging, daß er fast nicht wie ein Kampf empfunden wurde Gewiß, diese Thatsache bedarf der Erklärung und findet sie auch, wie es so oft bei geistigen und litterarischen Umwälzungen der Fall ist, in den geänderten sozialen und politischen Zuständen. War nicht soeben, obzwar noch lange nicht zur Thal geworden, aber doch in nicht zu ferner Ausschau am Horizonte auch den Geächtete» der Gesellschaft die allgemeine Befreiungsidee emporgetaucht, die köstlichste Frucht wahrlich, welche die Gedankenarbeit des vorige» Jahrhunderts hervorgebracht und der von der französischen Revolntio» heraufbeschworene Völkerfrühling zu zeitigen versprochen hatte? Während die christliche Renaissance des Mittelalters fast spurlos an der jüdischen Litteratur vorüberging, weil, — von allem Anderen abgesehen — die auf beiden Seiten grundverschiedene Gesinnung und Gesittung allein schon eine unüberbrückbare Kluft zwischen Judenthum und Christenthum bildeten, lvurde die modern-europäische Kultur von Seiten der Juden mit offenen Armen empfangen, und Sieger dünkte» sich die Besiegten. Es >var ein Freudentaumel, welchen der Anblick der aufgehenden Sonne des neunzehnte» Jahrhunderts verursachte, von den« sich die mit dem Volkshasse und der allgemeinen Verachtung Beladenen die Erleichterung, wo nicht die völlige Entlastung von ihrer schweren Bürde versprachen. Allein fast wäre die neue Wonne zur Quelle neuen Jammer, geworden. Es war zwar an der Zeit, daß der Systeinatik und Methode, der kritischen Anschauung und pragmatischen Darstellungskunst innerhalb der jüdischen Litteratur die ihnen gebührende Stelle eingeräumt werde; haben doch mit ihrer Hilfe die Begründer der zweiten jüdischen Renaissance ihre Wissenschaft erst zur vollen Kunstentfaltnng gebracht. Immerhin aber ist die künstlerisch regelrechte Anlage eines Werkes ein vorzüglich äußeres Moment, das unbeschadet des Ideengehaltes seine Entfaltung finden kann und soll. Dieser Wahrheit waren das bereits genannte jüdische Schriftsteller-Triumvirat, allenfalls auch einige wenige Epigone» sich wirklich klar bewußt, und darum athnien ihre grundlegenden Werke