Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1893)
- Date
- 1893-05-12
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
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Eine solche Schöpfung tvird niemals Lebensfähigkeit besitzen, und es ist ein Glück, daß sie cs nicht kann. Denn es würde alsdann nicht lange dauern können und die jüdische Kultur wäre — gewesen. — Giebt es denn aber eine eigenartige jüdische Kultur? Gewiß! So es wahr ist, daß ein eigener Stil (im weitesten Sinne des Wortes) eine eigene Kultur bedingt und voranssetzt, dann könne» wir trotz Einer von der jüdischen Kultur sprechen. Allein mag es darum stehen wie immer, und gäbe cs selbst in Wirklichkeit keine jüdische Kultur, dann mußte eine geschaffen werden, wenn anders man noch von einer jüdischen Litteratur und Wissenschaft als solcher zu sprechen befugt sein soll, weil sie sonst naturgemäß aufhören müßte, eine selbstständige Wissenschaft zu bilden and zur Stufe eines von den Zweigen der Geschichte der Weltlitteratur herabsinken würde. Nun ist die Befürchtung, daß eine solche Fügung der Dinge sich ii absehbarer Zeit einstellen möchte, durchaus nicht ganz unbegründet. Die sogenannte jüdische Litteratur hat in unseren Tagen — äußerlich ingesehen — zwar einen nie geahnten Aufschwung genommen. Die bibliographischen Uebersichten, in de» diesem Fache gewidmeten Revuen schwellen von Jahr zu Jahr mehr an, aus dem großen Weltmärkte oer Bücher besitzen die Führer der jüdischen Litteratur bereits ügene Standplätze. Die Einzelforschung treibt ihre höchsten Blüthen, and der Park, den diese Gewächse bilden, ist schier von unübersehbarer Ausdehnung. Allein man lasse sich doch einmal diese Früchte schmecken! Man muß nicht gerade ein litterarischer Gourmand sein, am herauszufühlcn, daß wie die Hülse, so auch das Fleisch auf durchaus fremde Pfropfung Hinweisen und blos das einzelne Körnchen da drinnen die eigentliche Descendenz verrüth. Darum ist nun in der That — das Wort in einem andern Sinne gebraucht — eine Descendenz in der jüdischen Litteratur wahrzunehmen statt einer Krescendenz. Oder giebt es heute etwa noch jüdische Bücher und nicht vielmehr blos jüdische Texte, an denen professionsmäßige und gelegentliche Editoren ihr nicht selten verschlimmbesserndes Handwerk üben? Welche Gesichtspunkte giebt es noch in dieser Litteratur außer dem philologischen und allenfalls auch dem litteraturgeschichtnchen? Die Summe aus dem Gesagten ziehend, so ist zwar die üidische Litteratur unserer Tage recht wohl bestellt, aber die Wissenschaft des Judenthunis geht dabei völlig leer aus. Hier ist das Wort Zschokkes: „Wonach er faßt, riecht der Hafen", in negativem Zinne anwendbar. Nun liegt uns nichts ferner, als jene Zeit herbcizusehnen, da die Theologie, wie in manchen Kreisen heute noch die Philosophie, als die Wiffenschaft der Wissenschaften verherrlicht wurde, in tvelche alles Andere wie in ein großes Becken einmünden mußte, wenn es anders auf einige Beachtung Anspruch erheben wollte. Allein ist es nicht eine Ironie des Schicksals, daß dem Judenthum, diesem anerkannten Urquell alles positiv-religiösen Denkens, selbst die Existenz einer eigenen Theologie abgesprochen wird? Freilich besitzt es eine solche nicht, weil — nun, weil sie noch nicht geschrieben ist. Ueberhaupt ist die spekulative Seite der jüdischen Wiffenschaft in letzterer Zeit in bedauerlicher Weise vernachlässigt worden. Der warm und lebhaft empfindende, aber des historischen Sinnes baare S. R. Hirsch, der weitausblickende, aber zu stürmische Geiger, der tief und edel denkende Steinthal — sie sind so ziemlich einsam ragende Blöcke in einer weiten, sie umgebenden Steppe, und Bücher, wie die wirklich kostbare, in der formellen Anlage aber nicht gelungene Schrift D. Hoffmanns über das Berhältniß des jüdischen Gesetzeskodex zu Andersgläubigen, oder wie das bändereiche, gelehrte Werk M. Güdemanns über die jüdische Erziehungsgeschichte sind nicht minder zu den Seltenheiten zu zählen. Die auf streng wissenschaftlicher Basis ruhende und in umfassender Weise zu bewerkstelligende Erforschung des Judenthums und seiner Lehre auf ihren inner» Gehalt hin ist eine Aufgabe, die noch des Bearbeiters harrt. Und doch wäre eine solche, aus den ersten Quelle» geschöpfte Darstellung des Lehrinhaltes des Judenthums eine durchaus nothwendige, ja man kann sagen, eine in manchen Beziehungen rettende That. Nur zwei dieser Beziehungen seien hier angcdeutet. Es ist für den unbefangenen Beobachter eine deutlich erkennbare Thatsache, daß das Gepräge der modernen allgemein-europäischeu geistigen und litterarischen Strömung ein wesentlich revolutionäres ist. Die europäische Litteratur kann seit einiger Zeit nicht zu ruhiger Entwickelung gelangen, denn Putsch auf Putsch, ein Pronunziamiento auf das andere folgt in nur zu geringen Zwischenläuften. Diesem krankhaften Zustande ist es denn auch zuzuschreiben, wenn die jetzt beliebten plötzlichen Invasionen aus der Fremde einen so geringen Widerstand seitens einer Litteratur finden, wie wir ihn gegenwärtig in der deutschen beobachten können gegenüber dem alliirten französisch - skandinavisch - russischen naturalistischen Einfall. Wäre es nun etwa ein unzeitgemäßes Beginnen, dem im Bannkreise von Männer» wie Engen Dühring und Friedrich Nietzsche und in demjeniren des rohesten Materialismus und des unnatürlichsten Naturalismus befangenen Theile der Menschheit einen Spiegel vor Augen zu halten, in welchem das Abstoßende, Unnatürliche und Unmögliche solcher Anschauungen klar erkannt werden könnte? Für solche Verwendung aber scheint in diesem Momente nichts geeigneter, als ein muthigeS Hervortreten mit den ewigen Wahrheiten, die das Judenthum und seine Litteratur verkünden, darin gleichsam auf spektralanalytischem Wege die Verschrobenheit des antimoralistischen und des so besser benannten innatnralistischen Spuks gezeigt werden könnte. Die Bibel ist doch wohl natürlich, aber sie ist nicht naturalistisch. Ihrer sexuellen Moral, welcher selbst manche „fortgeschrittene" Geister Geschmack abgcwinnen mögen, stehen ihre Lehren über das allgemein menschliche Denken und Empfinden gegenüber, ein Muster, das wie geschaffen dazu scheint, um gerade unserer Zeit vor Augen geführt zu werden, damit sie sich daran bilde. Renans Darstellung ist in diesem Punkte nicht nur ungenau, sondern geradezu verkehrt, ja sic ist eine Farce der thatsüchlich bestandenen Verhältnisse, deren wirklich objektive Schilderung denn als eine gebieterische Pflicht erscheint. Oder soll man noch weiter den Einfluß der neuerlich wieder mehr in Schwang gekommenen buddhistischen Moral fortwirken lassen, etwa in der Gewandung, wie. sie sich uns bei dem jüngst gar auf den „Reclam"-Markt gekommenen Schopenhauer darstellt? Genug, der revolutionären Strömung auf dem Gebiete des Denkens und des litterarischen Geschmacks muß endlich einmal ein Damm entgegen gesetzt werden, der stark genug ist. den schmutzigen Gewässern der anstürmenden innatnralistischen und immoralistischen Fluth erfolgreichen Widerstand zu leisten. Ein solcher Damm aber würde zwar nicht leicht, jedoch um so sicherer ans jüdischem Material hergestellt werden können. An solchem Material ist wahrlich kein Mangel: liegt es doch in gewaltigen Schichten aufgestapelt in Bibel, Talmud und dem späteren Schriftthum. Zurück also noch einmal zu den alten goldhaltigen Quellen! Dieses Zurück bedeutet keineswegs einen wirklichen Rückschritt oder gar die Hemmung der freien Gedankenarbeit. Es war der Zweck der einleitend gemachten flüchtigen Bemerkungen über die Entwickelungspcriodcn der jüdischen Litteratur,