Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1893)
- Date
- 1893-05-12
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 gebracht wurden. Auch sehen die Eltern, in deren Familie oft noch kein Handwerksmeister gewesen ist, gar nicht ein, daß ihr intelligenter Sohn, ebenso gut wie ein gewöhnliches anderes Menschenkind, vier Jahre lernen soll, sondern sie glauben, ihren Knaben gegen eine einmalige Zahlung von einigen Hundert Mark in einer sogenannten Lehrlingszüchterei in zwei Jahren zu einem vollständigen Fachmann ansbilden z» können. Dieser Treibhansjüngliug wird vielleicht ein guter Kaufmann, der vom Schraubstock weiß, daß er eine Schraube hat, aber ein Handwerksmeister von denen, auf welche sich das Sprichwort bezieht: „Handwerk hat goldenen Boden", wird er nicht. Die anderen Kinder nun, welche die Berechtigung wegen Dummheit oder Faulheit nicht erlangen konnten, werden uns von den unglücklichen Eltern zwar sehr gern zugefühlt, aber diese eignen sich noch weniger zu der Stellung, welche die Eltern für ihre Kinder im Auge haben. Das können zwar ganz gute Arbeiter werden, aber sie kommen in dem Fache nicht weiter, bringen es zu keiner Stellung, lind verlassen daher früher oder später diese Thätigkeit. Fälle, wo diese Art Leute den Platz eines Gesellen, der nie Meister wird, einen ihnen zukommenden Platz im menschlichen Leben, innehalten, sind sehr selten; mehr oder weniger werden sie durch sich selbst oder wohlmeinende Verwandte auf einen anderen Lebensweg geschoben. Ein fernerer Grund, weshalb noch immer Wenige aus unseren Kreisen ein Handwerk lernen, ist der noch nicht ganz ausgestorbene Dünkel der Familie. „Unser Kind soll ja ein Handwerk lernen, aber nur ein besseres Handwerk", höreich sehr oft von Leuten, welche mich in solchen Angelegenheiten um Rath fragen. Wenn ich diesen Fragern nun anseinandersetze, daß jedes Handwerk, welches Denjenigen, welcher es betreibt, ernährt, ein gutes ist, so geben die Meisten dies ja zu. wollen aber doch schließlich nur ein „besseres" Handwerk wühlen. „Elektrotechnik" ist heute der Wahlspruch ^der Eltern, und jeder Vater sieht schon in leicht verzeihlicher Eitelkeit seinen Sohn als zweiten Siemens oder Edison. Man vergißt eben zu leicht, daß auf eine Million Durchschnittsmenschen kaum ein Genie kommt, und daß wer heute Elektrotechniker in der beliebten Weise „ein halbes Jahr in der Werkstatt, zwei Jahre auf irgend einer Technikerpresse" werden will, wahrscheinlich das Feld überfüllt finden wird, wenn er mit seinen sogenannten Studien fertig ist und der Heer das Patentanwälte, um einem tiefgefühlten Bedürfnisse abzuhelfen, größer macht. Wenn der Junge mit 14 Jahren in eine Werkstatt kommt, wenn er das Klempner-, Mechaniker-, Schlosser- oder ein anderes Handwerk tüchtig erlernt, so kann er, wenn er auch noch weitere Ausbildung als Geselle genießt, mit Sicherheit darauf hoffen, daß er dereinst als 25 jähriger Mensch mit Hilfe von einigen hundert Thalern durch Einrichtung einer Werkstatt zu denen gehören wird, welche dazu berufen sind, die Ideen eines Siemens ec. praktisch auszuführen. Langsam geht es freilich, aber sicher dem erstrebenswerthen Ziele zu, eine Familie in bescheidenen Ansprüchen zu ernähren, und für das Alter ein „procul negotiis“ erwarten zu können. Natürlich darf er sowohl, wie seine Frau, nicht gar zu große Ansprüche ans Leben stelle», dies Kapitel der Ansprüche an das Leben ist ja auch ein Punkt, an dein viele Existenzen scheiten,. Der Handwerksmeister darf eben in den ersten Jahren seiner Thätigkeit nicht die Ansprüche stellen, >vie sie sein etwaiger Nachbar, der Kaufmann, zu stellen gewohnt ist, dafür kann er aber auch sicher sein, in den seltensten Fällen schweren geschäftlichen Kalamitäten ausgesetzt zu sein. Ich will nur noch bemerken, daß der Vorzug, nur ein Jahr dienen zu müssen, vielfach überschätzt wird. Lilas die Kosten betrifft, so behaupte ich, daß der junge Mann in dem Jahre, welches er weniger dient als sein Kamerad, niemals so viel verdienen kann, als das Jahr als Einjähriger kostet. Ist die aktive Dienstzeit vorbei, so ist kein Unterschied mehr zwischen den, früheren Einjährigen und dem Dreijährigen (der mit guter Führung fast regelmäßig mit zwei Jahren entlassen wird), so lange den Juden das Avancement so sehr erschwert wird. Und kostet die Zeit zwischen dem 14. Jahre und dem 17. nicht auch genug? Wobei noch zu beachten ist, daß der zum Handwerl verdorben ist, der bis zum 17. Jahre die Schulbank drückt. Auch oie Klagen, daß für jüdische Knaben so schwer eine Lehr stelle zu bekomme» ist, dürfte daraus resultiren, daß die Eltern sie!, in der Regel erst darauf besinnen, ihr Kind ein Handwerk (ein besserenatürlich) lernen zu lassen, wenn sie sehen, daß er die Berechtigui»! zum einjährigen Dienst nicht erlangen kann und daher in ein kauf männisches Geschäft, in welchem er, zum Kopiren der Briefe und zu Botengängen nach der Post, dieser Berechtigung dringend bedarf, nicht eintreten kann. Der Punkt zwei meiner Ausführungen erledigt sich aus Obe» gesagtem fast von selbst. Ich will mich auch nun nicht mehr weite: ansdehnen und nur noch kurz bemerken, daß die selbständigen Hand Werker nicht immer die Unterstützung in unseren Kreisen genieße» welche ihnen eigentlich gebührt. Ich schließe mit den Worten: Laßt Eure Kinder ein Handwerl lernen, wie es unsere Alten ja verlangen, aber gründlich und tüchtig laßt die jungen Menschen nach der Lehre mehrere Jahre durck Arbeiten in den größten Werkstätten, oder sagen wir, um auch de» Müttern gerecht zu werden, in den Ateliers des In- und Auslandes Festigkeit in ihrer Thätigkeit gewinnen; laßt Eure erwachsenen Söhn« die Freistunden, welche ihnen die Arbeit läßt, durch eifriges Lerne» ausfüllen, dann werdet Ihr tüchtige Menschen heranbilden, welche, wenn sie im Alter von 25 bis 30 Jahren selbständig werden, sich auch überall Geltung verschaffen werden, sowohl im gesellschaftlichen, wie im geschäftlichen Lebe». U Böhmische Briefe, in. Eine Ausnahme von der in den letzten Jahren ziemlich volle» beten Akkomodation der Juden an die nationalen Verhältnisse der Bezirke, in welchen sie wohnen, inacht nur die Landeshauptstadt Prag. Ich muß hier gelegentlich bemerken, daß der Begriff national trotz der vortrefflichen Definition, welche Professor Lazarus in der bekannten Broschüre „Was heißt national?" gegeben hat, ein ganz schwankender ist. Je nach dem Bedürfniffe dessen, der dies Wort gewöhnlich mit viel Pathos und wenig Verständuiß im Munde führt, soll es ein ethnographischer, politischer oder linguistischer Begriff sein. Bei uns in Böhmen ist es in den großen Kämpfen, die das gesammte Volk von oben bis unten allein bewegen, ein rein sprachlicher, und das unterbindet die Lebensadern der in vieler Hinsicht gesunden Bewegung, die für Böhmen eine ähnliche Selbständigkeit anstrebt, wie sie, nicht zum Schaden der Gesammtmonarchie, Ungarn erhalten hat. Aber wenn die Söhne desselben Elternpaares, Brüder durch Abstammung und Erziehung, wie dies nicht selten der Fall ist, Führerrollen in den beiden feindlichen Lagern einnehmen, ja als Abgeordnete an der Spitze zweier feindlicher Volksstämme sind, wird der geringe innere Gehalt der Worte Nation und national denn doch zu sehr ad oculos demonstrirt. Dies habe ich nur zu dem Behufe auseinander gesetzt, um zu zeigen, daß das Wechseln der Nationalität für die Religionsgenossen gar nicht so entschieden unnatürlich anzusehen ist, als dies