Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1893)
- Date
- 1893-05-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 mitgerechnet, und heute Nachmittag 3 Uhr wurden in 6 Waggons über 300 Personen, ebenfalls die Kinder nicht einbegriffen, befördert. Die Zahl der beförderten Personen, einschließlich der Kinder, dürfte annähernd 700 gewesen sein. Tie meisten Auswanderer begaben sich zuvörderst nach Bremen oder Rotterdam, um von da nach Amerika zu kommen. Für die Fahrkarten nahm die hiesige Stationskasse am heutigen Tage an 10,000 Mark ein. U.1 Breslau, 30. April. Der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Breslau schloß vorigen Montag (den 24. April) mit einem gut besuchten Diskllssionsabend das erste Semester seines Bestehens. Dem Vereine gehören zur Zeit 142 Mitglieder an Der Vorstand besteht aus den Herren: Geh. San.-Nath Dr. Wollner und Dozent Dr. M. Brann als ersten und zweiten Vorsitzenden, Buchhändler Hugo Jacobsohn und Privatdozent Dr. Pakscher als ersten und zweiten Schriftführer, Partikulier L. Wollenberg als Schatzmeister, Dozent Dr. Nosin, Rabbiner Dr. Guttmann, Rabbiner Dr. Rosenthal, Oberlehrer Dr. Toeplitz, Kaufmann Bernhard Cohn, Rechtsanwalt Carl Joel als Beisitzer. Es wurden an vier großen Versammlungsabenden Vortrüge durch die Herren Dozent Dr. Brann, Rabbiner Dr. Guttmann, Dozent Dr. Rosin, Rabbiner Dr. Rosenthal gehalten. Vier Diskussionsabende vereinigten zahlreiche Mitglieder und Gäste zu anregender Unterhaltung über bedeutende Fragen aus dem Verein naheliegenden Gebieten der Wissenschaft. Die Schrift: „Der Talmud" von Em Deutsch wurde von einem Mitglieds des Vorstandes in 75 Exemplaren zur Gratisvertheilung unter die Mitglieder des Vereins zur Verfügung gestellt. Breslau — durch das Wirken eines Joel und seiner Nachfolger Guttmann und Rosenthal als Stätte des religiösen Friedens bekannt — ist in allgemein jüdischen Dingen im höchsten Grade indifferent. Um so bemerkenswerther ist das rasche Aufblühen unseres Vereins, das in erster Reihe der einmüthigen Unterstützung unserer Rabbiner und Lehrer, sodann der Energie und dem Interesse des Vorstandes, insbesondere des ersten Vorsitzenden, des Herrn Geh. San.-Rath Dr. Wollner, zu verdanken ist. Zum Herbst wird der Verein seine Thätigkeit wieder aufnehmen. * LandSberg a. W., 28. April. Ein antisemitischer Agitator ist hier als ein gemeiner Schwindler gefährlichster Sorte entlarvt worden. Im Januar trat hier ein Schriftsteller Schröder aus Dresden auf, der hier die antisemitische Bewegung energischer in Fluß bringen wollte. Zu einem öffentlichen Vortrage, den er zu halten gedachte, kam es jedoch nicht. Er gab sich für einen Mitarbeiter der „Dresd. Nachr." aus, und seine Visitenkarten lauteten auf „Adolf Schröder, Leut, der Res. im Holst. Feld-Art.-Regt. Nr. 24". Als er abgereist war, kam es an den Tag, daß er in zwei hiesigen Geschäften Zechprellereien verübt hatte und namentlich dem Oberkellner Schostag vom „Hotel zum goldenen Lamm" mit einer Schuld von 38 Mk. durchgebrannt war, auch einem Kellnerlehrling im „Hotel zur Krone" ein Paar Hosen entwendet hatte. Heute wurde er vom Schöffengericht wegen der Vergehen zu sechs Monaten Gefäugniß und ein Jahr Ehrverlust, wegen unberechtigter Führung des Offizierj titels zu 14 Tagen Haft verurtheilt, da sich seine sämmtlichen Angaben als Schwindel erwiesen und er wegen Zechprellereien in Frankfurt a. O. bereits zwei Vorstrafen erlitten hatte. z. Dessau, 1. Mai. Vor der Herzoglichen Strafkammer stand heute der Fabrikbesitzer Braun aus Zerbst, um sich wegen Beleidigung einer Anzahl jüdischer Einwohner in Zerbst zu verantworten. Der genannte Herr glaubte seinem Gefühle dadurch kräftigen Ausdruck geben zu muffen, daß er in einer öffentlichen Zeitungsanzeige eine Anzahl jüdischer Einwohner gelegentlich der letzten Stadtverordnetenwahlen als Kandidaten empfahl. Es gelang der Herzoglichen Anklagebehörde unschwer, dem Angeklagten nachzuweisen, daß jener Empfehlung lediglich eine ironische Absicht zu Grunde lag, denn eine Reihe von Zeugen — der Kreisdirektor Dr. Witting, Oberbürgermeister Hünefeld, Oberlehrer Professor Krause, Stadtrath Cassirer, der Landtagsabgeordnete Hernig u. A. — bekundeten übereinstimmend, daß jene Empfehlung j Niemand für Ernst genommen, sondern dieselbe allgemein als ein „dummer Scherz", um die Zerbster Juden der Lächerlichkeit preiszugeben, angesehen wurde. Nachdem der erste Staatsanwalt, Geheimer Justizrath Siegfried, in einer glänzenden Rede das Beleidigende solchen Vergehens nachgewiesen und das antisemitische Treiben als tief unsittlich und höchst verwerflich bezeichnet — er sagte auch, daß man in der Gegenwart wohl auf die bloße Nennung von Namen schon Rücksicht zu nehmen habe, da die Juden sich im Kampfe befinden, — beantragte er eine Geldstrafe von 200 Mk., die der Gerichtshof auf 50 Mt. event. 5 Tage Gefängniß und Tragung der Kosten festsetzte. Schwerwiegender als die gerichtliche ist die moralische Verurtheilung, welche sich der Antisemit zugezogen, denn letztere war eine vollständige. - Der Angeklagte hatte auch Herrn Landgerichtsrath Kraus als Beisitzer wegen Verdachts der Befangenheit abgelehnt, da genannter Herr den Aufruf des Vereins zur Bekämpfung des Antisemitismus unterschrieben Hai PI Vom Rhein, im April. Der Vorstand der Synagogen Gemeinde zu Neuwied versendet folgende Einladung: „Von hervorragenden Persönlichkeiten ist die Gründung eines Pr o v i nz i al -V e r b a n d e jüdischer Gemeinden der Rheinprovinz angeregt worden. Diese Verein soll die Fürsorge für den Religionsunterricht in kleinen und Land gemeinden, die Beseitigung der Wanderbettelei, die wünschenswerthe Ge j staltung der Gottesdienste, die Anstellungsverhältnisse jüdischer Gemeinde lehrer, die wirksame Abwehr antisemitischer Angriffe u. s. w. bezwecken Die außerordentliche Bedeutung dieser und anderer Gegenstände trit gerade zur Jetztzeit derart in den Vordergrund unserer idealen Interessen, daß die Juden in der Gesammtheit zu den einzelnen Fragen Stellung zu nehmen verpflichtet sind. Zur Gründung eines Provinzial-Verbandejüdischer Gemeinden der Rheinprovinz soll in Neuwied, am Mittwoä den 24. Mai d. I. Nachmittags 3 Uhr beginnend, im Hotel Rubens eine Versammlung stattfinden, wozu wir hiermit in der Hoffnung au zahlreichste Betheiligung die Herren Vorstände, Rabbiner und Lehrer de^ jüdischen Gemeinden Rheinlands ergebenst einladen. Anmeldungen unv Anfragen wolle man an den Unterzeichneten Vorstand richten, welchegern bereit ist, jede gewünschte Auskunft zu ertheilen." Es ist zu hoffen daß nicht nur die Vorstände, sondern auch die Rabbiner und Lehren Rheinlands der herzlichen Einladung zahlreich Folge leisten, damit dn Gründung des Verbandes unter allgemeiner Mitwirkung vollzogei j werde. a. Mannheim, 2. Mai. Ich mache Sie auf eine Notiz aufmert sam, welche sich in Nr. 13 der „Blätter des Badischen Frauenvereins" findet: „Unser Frauenverein hat anfangs dieses Monats (März) durcl den Rücktritt des Herrn David Aberle sen. von seinen verschiedenen Funktionen den Verlust eines seiner bewährtesten Mitarbeiter zu beklagen Genannter Herr sah sich infolge körperlicher Leiden gezwungen, sein. Aemter als Beirath und Rechner der Abtheilungen 111 und I V — Privat pflegestation und Armenunterstützung — niederzulegen und als Mitglied dec Gesammtvorstandes auszuscheiden. Mit tiefem Bedauern wurde allseitig der nothgedrungene Entschluß dieses warmen Freundes unserer Sache auf genommen, welcher seit langen Jahren in geradezu mustergiltiger Weist sein freiwillig übernommenes Amt versehen und selbstlos und nimmer ermüdend den beiden sehr viele Mühe verursachenden Abtheilungen vor gestanden hat. Sein liebenswürdiger Charakter machte uns den Mit arbeiter noch werther, und nur die Hoffnung, daß er, fern von den Geschäften, die Gesundheit wieder erlangen werde, erleichtert uns den Gedanken, den treuen Mann nicht mehr mit uns im Dienste der Humanität vereint zu wissen. Die Abtheilungen 111 und IV haben Herrn Aberle ihre Dank barkeit durch ehrende Zuschriften kundgegeben, der Gesammtvorstand er nannte ihn in einer ähnlichen Adresse zu seinem Ehrenmitgliede, um auch ferner mit demselben durch ein äußerliches Zeichen der Zusammen gehörigkeit verbunden zu bleiben. Seitens Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin, der hohen Protektorin des Badischen Frauenvereius, erhielt Herr Oberrath Aberle ein sehr anerkennungsvolles Schreiben, worin sich folgender Passus befindet: „Ich kann diesen Anlaß nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen meinen herzlichen Dank für alle die ersprießliche lind unermüdliche Thätigkeit, welche Sie im Dienste der Wohlthütigkeit lange Jahre bewährt haben, von Neuem auszusprechen". — Möge es dem um die Verwaltung der israelitischen Gemeinde (Herr Aberle war viele Jahre Vorsitzender des Synagogenraths) und zahlreicher Wohlthätigkeits vereine unserer Stadt hochverdienten Manne vergönnt sein, noch eine lange Reihe von Jahren sich des Bewußtseins zu erfreuen, daß sein edles Wirken ihm die allgemeine Anerkennung erworben hat. n. Stuttgart, 25. April. Heute Abends 6 Uhr fand unter zahlreicher Betheiligung auch seitens nichtisraelitischer Kreise die Beerdigung des Synagogenverwalters Herrn Herrm. Mannheimer statt, der ein Alter von kaum 62 Jahren erreichte und seit ca. 2 Jahren kränklich von einer Erholungsreise ohne Erfolg heimkehren mußte. — Er stand 29 Jahre im, Dienste der Gemeinde, die seine Verdienste und Tüchtigkeit