Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1893)
- Date
- 1893-05-05
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
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211 „Wir können's aber auch gut mit einander," meint der Peter, als er mit ihr geendet hat. Wie der Tanz vorüber ist und man heimwärts geht durch das stille Dorf, da heißt's überall: „Arg schön war's! Und eine lustige Rauferei ist auch gewesen. So 'was gehört her, denn sonst wür's nit völlig, das ist gewiß." IV. Am andern Morgen ist das Dörtle der Bäuerin immer wie ein Schatten gefolgt, von den Milchtöpfen zum Herdfeucr, in den Keller und ans den Speicher — cs hat gar nichts Selbständiges a»zufangcu gewußt. Wie die Frau sich für einen Augenblick in den Sorgenstuhl seht, ist das Mädel an ihrer Seile. „Ist auch gut, Mültcrle, daß es einmal ein' Fleck gicbt, wo Du ansrnhen magst," sagt's mit denr schmeichelnden Ton. „O Du!" lacht Rösle, „Du bist ein Geschcidtle! Dein' Füße schnicrzen, jag's auch nur!" „Erst nit, Frau Mutter! Aber mit Dir reden inöchl' i — und weiß nit was!" Die Bäuerin zieht die Brauen ein wenig ziisannncu — was kann das Mädel auf dem Herzen haben. „hat Dir der Bater nix erzählt?" forscht Dörtle. „Freilich wohl! Und daß Du mit dem Christophle gewesen bist!" „O, der!" thut das Mädchen nachlässig. Aber die Schwaderin weiß, daß das Berstellen zu den fraueiizimmerlichen Geschäfte» gehört. „Und lvas der alte Nanz ist," führt sie fort, „so thät der freilich nix dawider haben, wenn sein Christophle —" „D Mutter, i thu ja auf ein' Prinzen warten," lacht Dörtle, „Du iveißt's doch, der Christoph Nanz, schau auch — er schwätzt so wenig Gescheidt's, daß i vermeinen muß, i sei klüger, als er. Und das soll doch wohl nit sein — i mein in einer Eh'!" Rösle hustet und hat ein kluges Lächeln um den Mund. „Mädcle, so ist's meist! Scheint vor der Eh' immer, als ob die Dirn klüger ist. Die Burschen lassen sie halt schwätzen. Später konnut's anders — nach der Heirath ist allemal der Mann der klügst'!" Dörtle wiegt das blonde Köpflein, als finde dieser Ausspruch in demselben nicht den rechten Glauben. „Schon oft Hab i dacht, daß es bei Dir und dem Bater gut hergeht mit dem Auskommen! Bei Euch heißt's nit, daß Ihr miteinander steht, wie die Spehrcr mit den Koustauzern!" Die Schwaderin hat an ihren Haubenbändern zu schaffen, deshalb antwortet sie nicht. „Hat der Bater Di nimmer kränkt?" „D Mädle, Tu auch!" weist die Mutter sie ab. Aber Dörtle darf viel wagen. „Nimmer, wie er jung gewesen ist, ihn i meinen?" „Kind!" kommt cs fast unwillig heraus, „auf der Welt ist Keiner, dcn's nit einmal überkäm', daß er ein' Jrrthum beging." Das Mädchen legte den blonden Kopf an die Schulter der Mutter. „Einmal hat's mi verzürnt! Da hat die Höschlerin zur Aiglerin gesagt: Ja, die Schwaderin, das ist Eine, die thnt sich einmal berühnien mit ihrem häuslichen Friede»! Ta klagen andere Leut', denen ist's ein Verlangen, ihr Herz ausznschütten gegen gute Freund'! Hat Eins von Euch schon das Rösle klagen hören? I nimmer! Aber, ob's just inwendig in der Brust so sauber geputzt ausschaut, das kann auch Keiner verrathen! Und Jeder trügt halt sein Päckle und sein Kreuzle mit sich herrnn, das steht einmal fest. — Mütterle, mich hat's verzürnt, wie i das so im Weinberg neben dem nnsrigen Hab' reden hören. Gell, ist ein Geschwätz! Du trägst nix mit Dir herum?" Sie ist ganz heiß und athcmlos bei dem Reden geworden, aber die Bäurin bleibt gelassen und sagt nur: „Ach, die Leut', die wollen immer viel klug sein!" Dörtle sitzt ein Weilchen still, dann sagt sie ganz unvermittelt: „Gelt auch, nimmer können Judenleut' so viel gelten als wir!" Das bringt nun die kluge Bäuerin in eine Verlegenheit. „I hab's nit prüft, Mädele," spricht sie endlich. „Aber weißt, Menschen sind's auch halt doch. Und Brave muß es auch darunter geben, sonst hält' unser Herrgott wohl nimmer just unter ihnen die Maria und den Josef anserwählt, daß der Heiland zu denen kommen sollt'." „O Mütterle," sagt das blondeMädchen und blickt ganz drcistdrein. „Wie Du auf solche Gedanken kommen magst," spricht die Fra» weiter, „das sind Geschäfte, um die muß sich ein Pfarrer kümmern, Du nit und i nit!" Ja, wieso sie darauf gekommen ist, das wird Dörtle nicht vcrrathen. Sie hat doch am Morgen ein unsicheres Gefühl gehabt, ob's recht war, daß sie den Tanzbodenstreit angeregt hat. Und überdies hat sie geträumt, daß dem Peter Aigle seine Hände von Blut getropft haben, wie einem Metzger seine, und sie ist vöüig davon bespritzt worden. Wenn die Mutter nicht darüber zürnen thät, so möcht' sie's wohl sagen; aber die ist allemal friedfertig und mag so was nicht hören. Sie hat deren Natur nicht, sie muß schon mehr auf den Vater arten, denkt sie. „'s wird regnen," meint Rösle, den bewölkten Himmel anschauend. Dörtle aber hat eine neue Frage. „Mütterle, i Hab' ein' Zorn über mein gelbes Haar! Schau, wenn i schwarzes hätt', wie Du, da könnt man mi nit die Eichkatz nennen. Und auch Dein' Augen, die gefallen mir besser, die sind glänzender als die meinen. Warum auch schau ich wohl so arg verschieden aus von Dir?" „Mädele!" spricht die Bäuerin und kneift die schmalen Lippen zusammen. „Sechs Geschwisterle Hab i gehabt?" fragt Dörtle weiter. „Ja!" „Und so jung sind's gestorben? Und weil i nun gar allein da bin, deshalb magst mi wohl arg?" „In!" Die neugierige Dirn' endet gar nicht mit dem Fragen. „Haben die Anderen Dir geglichen?" „I weiß nimmer!" Die Manier der Schwaderin ist sonst nicht so kurz ab, sie schiebt das Mädchen von sich und geht hinaus. „Heut ist mir auch nix recht," spricht Dörtle vor sich hin und tritt ans Fenster. Sie sieht lange ins Leere, dann auf den kleinen Laden drüben. „Ja so, mein'Schlupf! Schuldig bleiben will i den Judenlenten erst nix. Aber nun Hab i rim's Geld zu fragen vergessen —" Sie trippelt hinaus und streift Binele, die einen Zuber wäscht. „Schau, Acht geben kannst auch," herrscht sie die alte Magd an, „daß Du nit so herumspritzen thust. Mein Kleid ist beinah naß." Binele schaut etwas blöd' in die Höh'. „Ist mir arg leid," murmelt sie. Dörtle hört nicht auf die Entschuldigung, sie lehnt sich an den Thürpfvsten und sieht der Arbeitenden zu. „Binele, weißt auch, daß Dein Haar ausschaut, wie Stroh und so dick ist's einzeln auch! Gelt, wie kann Eins solch ein Haar haben?" „Freilich, wahr ist's," sagt Jene sanft. Dörtle schlägt mit den Fingern gegen ein Blech, das zum Trocknen aufgehängt ist, aber die Musik gefällt ihr auch nicht. „Binele," forscht sie, „Dir ist wohl niinmer Einer gut zu gewesen?"