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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-05 · Heft 18 (5.5.1893) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 18 (5.5.1893)
Date
1893-05-05
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
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210 heißt: aus der Ursprungstiefe der Dinge — um diesem, aus jenem, verbrauchten und jetzt zum Dienste seiner Natur verwandelten Material die Hülle zu weben, die ihn irdisch darstellbar und erscheinungsfähig macht. Jener Stoff ist nur der Faden, an den cs sein nnsterbliches Gewebe knüpft; aber er wird hineinvcrsponnen und existirt nicht mehr als er selber, sobald jenes ist. Eine dramatische Gestalt muß, um ideal zu sein, von allgemeinem Gehalte sein; aber wenn sie nicht von eben so individuellem Reichthum und von einer gleichen Naturfülle der Persönlichkeit ist, so ist sie, trotz ihres allgemeinen Gehaltes nur ein idealer Schatten. Sie soll die Gattung zur vollen Erscheinung bringen; aber eben zur wirklichen Erscheinung bringt sie dieselbe nur in der Fülle individueller Natur. Dies zu vermögen, ist die eigentliche Gabe der Forin, die wahre dramatische Schöpferkraft — diese allein bringt ideale Gestalten hervor, die diesen Namen verdiene», und deren Schönheit echt ist, weil sie eben so wahr als schön, weil sie die Schönheit der Wahrheit ist. Ein Meister dieser Form ist Lessing; gerade diese dramatische Schöpferkraft hat er besessen. Darauf beruht die Originalität seiner Personen; und das; er ein so großer Charakteristiker ist. Seine Gestalten sind kein Mosaik aus aufgespeicherteu Beobachtungen des Alltaglebens — sonder» sie sind Schöpfungen des Genies: innere ewige Anschauungen der urbildlich menschlichen Natur. Und aus dieser seiner Force, charakteristisch zu individualisireu, stammen auch die Flecken, die er, eben weil sie der urbildlich menschlichen Natur keineswegs fremd sind, hie und da seinen Personen giebt — die mehr oder weniger leichten Flecken, wie sie Saladin, Sittah, der Tempelherr, der Derwisch an sich haben und die dramatisch von so glücklicher Wirkung und von so hohem Reiz sind. Am dunkelsten sind diese Schatten im Tempelherrn. Aber für die Wirkung, welche Huld und welcher Reiz dadurch, daß cs zugleich das heiße Blut seines Stammes, seiner Familie ist — der er entfremdet und die er ja wiederfinden soll — was ihm zu schassen macht — und welcher Familie! — Das nämliche, das ebenso in Saladin braust — man denke nur an die letzte Szene, lvenn der Jüngling ihn aufbringt — daß zwischen Beiden auch die Temperamentsverwandtschaft existirt, nur anders kolorirt in Ohm und Neffen nach Alter, Reife, Weltstellnng; — daß Sittah es ist, die auf den Einfall kommt, dem Juden die Falle zu stellen — nicht Saladin, wie in der Boecaz'schcn Fabel der Sultan — sondern daß die Schwester hier dies Manöver ersinnt, das nicht allzu lautere, daß dies in den Bereich ihrer Menschlichkeiten füllt. All' diese Züge — und das Werk wimmelt davon und gerade Sittahs Rolle ist so reich daran — sind Mcisterstrichc. Welch individuelles Leben, welche Wirklichkeit und Natur kommt dadurch in die Gestalten! Und alles das ist so ersonnen und gefügt, so aus dem Guten und Großen, aus dem Kern menschlicher Tüchtigkeit hervorwachsend und immer noch im harmonischen Zusammenhänge damit bleibend: daß nichts zu einem Mißton, nichts grell oder gewöhnlich wird — Alles dies poetisch vornehm bleibt und hold. Es verringert weder den menschlichen noch den idealen Werth der Personen - vor der Weisheit löst es sich auf in ein Lächeln ihrer milden Ironie — nur menschlich näher werden sie uns durch diese Menschlichkeiten gebracht, und doch aus ihrer idealen Höhe auch nicht um ein Haar dadurch herabgezogen. Legt doch der Dichter seinem Saladin das tiefe inhaltsschwere Wort in den Mund: Mich dünkt, ich weiß, aus welchen Fehlern unsere Tugend keimt. Ja, aus welche»! Das ist der Punkt. — Zum Schluß möcht' ich in aller Kürze »och auf die Art und Weise ausmcrksani machen, wie Lessing das Geld behandelt. verständiger und realer — und poetischer und geistig vornehmer zugleich ist dieser uervus reiutn nie im Drama behandelt worden, als von ihm. Die Gewalt dieses Bettels und der Bettel l dieser Gewalt — der Respekt, der ihm gebührt, und die Ironie, die dieser Respekt verdient! In der „Minna von Barnhelm" läßt er es seine Rolle spielen und im Nathan auch. Wie Saladins Manier, damit umzugehen, sich in seinen Mamelucken fortsetzt, ist prächtig — cs ist die echt morgenländische — Art; das Exempel des Firdnsi kann Einem dabei einfallen. Ich führe das nicht aus, sondern merke es nur an, als eine Eigenthiimlichkeit Lessings — und vor Allein darum: weil die Art, wie er es mitspielen läßt, den kolossalen Unterschied zwischen der Rührung, auf die er ansgeht, und der, welche in den sogenannten riihrenden Schauspielen stattfindet, auf's Schärfste wiederspiegclt. Daß in den meisten Von ihnen Geld und Rührung sich bedinge», ist bekannt; — und gerade so real nun in ihnen das Geld bleibt, so relativ und ordinär ist ihre Rührung; bei Lessing, wo es seine Währung durch den Geist empfängt, ist es ideal — und die Rührung und ihr Gefühl von absolutem Gehalt. Gin hundertjähriger Prozeß ohne Ende. Bon Rabbiner De. A. Eckstein in Bamberg. (Schluß.) Zu spät mußte Lobkowitz einsehen, daß er in dem „ehrlichen Makler" Friedrich von Ansbach sich geirrt und sich selbst in die Hand des Gegners überliefert. Der Markgraf, der mit dem Bischof freundnachbarliche Beziehungen unterhielt und mit dem Bisthum 1187 ein Bündniß geschlossen hatte/) stand allem Anscheine nach bei der „Tagleistung", bei welcher Lobkowitz durch seinen Schwager Schlick und der Bischof durch seinen Hofmeister Dietz von Thüngcn verlreten war, auf der Seite seines Freundes. Der bischöfliche Delegirte zog sich einfach auf die Behauptung zurück, es liege ein Falsifikat vor, und wollte „in den Sachen weiter ichts oder nichts handeln"; zum Beweise seiner Behauptung wollte er nun noch den „Eideshelfer" stellen, d. h. so oft Lobkowitz einen Zeugen für die Echtheit des Schuldbriefes austreten zu lassen in der Lage ist, so oft wolle der Bischof einen andern Zeugen für die Uuechtheit dagegen stellen, bis der letzte Zeuge siegreich das Recht erstritten?) So mußte der Tag resultatlos verlausen und die Gegensätze nur noch mehr verschärfen. Lobkowitz ist wüthend. Er schreibt (1490) an den Markgrafen: „Ich bin nicht gewillt, die Sachen länger anzustellen, noch ruhen zu lassen .... Denn ich will nicht glauben, daß man solchen vollkommenen Brief mit fremden, unausführlichen Einfüllen und Behelfen verwerfen und unkräftig machen werde." Während er nun den Markgrafen um Neutralität im Falle einer Fehde bittet, versichert dieser dem Bischof, falls Lobkowitz Gewaltmaßregeln gegen das Bisthum ergreifen sollte, so wüßte er, was er als gut Freund uud Nachbar zu thun hatte. Lobkowitz ließ seinem Zorn die Zügel schießen und schreibt an den Bischof: „Er sei Jude oder Heide, so soll man ihm seine Gerechtigkeit folgen und widerfahre» lassen; das aber an Euch erspart lvird." Es wäre ja unerhört, daß die vollkommen unversehrten Jnsirgel von so viel Rittern und Adligen an einem falschen Brief hängen sollten, und er wäre außer Zweifel, daß alle Verständigen und Unparteiischen auf seiner Seite stehen würden. st S. Jäck: Geschichte Bambergs S. 97. ch liebet das Institut der „Eideshelfer" vgl. Götzinger: Reallexiko» der deutsche» Alterthümer. 2. 146.

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