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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-05 · Heft 18 (5.5.1893) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 18 (5.5.1893)
Date
1893-05-05
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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208 dafür sind wir aber in eine weit größere, in eine weit längere Knechtschaft gerathen: in die der Vorurtheile und der grundlosen Gehässigkeit. Dort war es Ein Volk, Ein Land, das uns geknechtet, hier knechtet uns mit ihren Vorurtheilen eine ganze Welt; dort hielt die Knechtschaft blos oierhundert Jahre an, hier währt sie mit ihren Vorurtheilen und grundlosen Gehässigkeiten schon Jahrtausende lang; dort haben unsere Vorfahren ein Pithom und Ramses aus Stein und Eisen aufgebaut, hier hat man uns ein Pithom und Ramses von Vorurtheilen aufgebaut, das noch länger den zerstörenden Einflüssen der Zeit getrotzt, als jenes aus Stein und Eisen. Diese Labyrinthe und Pyramiden müssen wir abtragen. Dazu gehören viele Menschenalter. Ein guter, vielverheißender Anfang dazu ist ja schon seit zwei Menschenaltern gemacht. Die Nothwendigkeit und das Bestreben zum Ein- und Aufgehen in die Sprache und Kultur der verschiedenen Länder ist eine Erkenntniß, welche die Zeiten längst in uns geweckt, und die bereits seit Jahrzehnten ans unserer Mitte zum Nutzen, zur Ehre und zur Förderung der großen Allgemeinheit viele gute Früchte getragen. Alle aber unter uns müssen mithelfen, den Cyktopenbau der Vorurtheile gegen Juden und Judenthum abzutragen, sonst wird man mit der Ungeheuern Arbeit niemals fertig. Und wer ist dazu mehr geeignet und berufen, hier mitzuarbeiten, als gerade unsere Gebildeten, unsere „Studirten", unsere Gelehrten und Künstler? Der kalte Jndisferentismus gegen ihr Judenthum bei den meisten dieser höheren Gesellschaftsklasse giebt den Vorurtheilen gegen uns weit mehr Nahrung, als wenn irgendwo ein Jude irgend eine ungerechte Handlung begeht. Denn es giebt Einsichtige genug im Lande, die aus der allgemeinen täglichen Erfahrung in den verschiedensten Kreisen so viel gelernt haben, die üble Handlung des Einzelnen nicht der Gesammtheit seines Stammes, seiner Glaubensgenossen oder seiner Gesellschaftsklasse aufzubürden; aber die kalte, indifferente Zurückhaltung und Entfremdung voni Judcnthum seitens eines Gebildeten und Studirten erweckt den Verdacht, als ob dieser nicht etwa aus möglicher Abneigung gegen Religion überhaupt, sondern aus direkter Abneigung gegen das Judenthum sich von diesem fernhielte. Das Vorurtheil, mit dem gewöhnlich die Verläumdung Hand in Hand geht, ist ja wie jene sagenhafte, vielköpfige Schlange, der, wenn man ihr einen Kopf abschlägt, dafür wieder zwei andere hervorwachsen. Wenn es Rabbinern und Lehrern, den Vereinen zur Abwehr, den vielen erleuchteten Rednern, Gelehrten und Schriftstellern auch manchmal gelingt, dem Vorurtheil einen Kopf abzuschlagen, die kalte Entfremdung vom Judenthum seitens einer großen Zahl von gebildeten Juden läßt ihr wieder zehn andere hervorwachsen. Um diese vielköpfige Schlange Vorurtheil völlig zu bannen, dazu gehört, wie jener bekannte Held der Sage es mit der lernäischen Schlange gethan, indem er die immer wieder keimenden, giftigen Stümpfe mit Gluten ausgebrannt und dann mit Felsblöcken völlig erdrückt hat: die freie, offene Herzenswärme aller gebildeten Juden für das Judenthum, welche ja das erdrückendste Argument gegen das Vorurtheil wäre. Wir haben eine große Anzahl Studirender und Studirter, die aus bloßer Scheu, man könnte sie für religiös oder gar für jndenthümlich halten, das ganze Jahr die Synagoge nnd die jüdische Gesellschaft ängstlich meidet, und dieses Verhalten bringt dem einen und dem andern oftmals das höchste beschämende und unglückselige Kompliment ein: „Ja, wen» alle Juden so wären wie Sie, oder wie Du." Hierbei bewährt sich das Prophetenwort: „O, denen, die sich weise dünken in ihren Augen, die denken, uns wird kein Nebel treffen." Und doch harrt das Judenthum seiner Erlösung von allen ungerechten Kränkungen und Vorurtheilen gerade durch die Einsicht, Erkenntniß und Weisheit in seinem eigenen Kreise: „Es wird auf ihm ruhen der Geist des Ewigen, der Geist der Weisheit und Einsicht, der Geist des Rathes und der Kraft, der Geist der Erkenntniß und der Gottesfurcht." Diejenigen Weisen und Gebildeten in Israel, die sich bisher gegen ihr Jndenthum gleichgiltig verhielten, sollten es doch nun einsehen, was die gegenwärtige Zeit als gebieterische Nothwendigkeit von ihnen fordert. Der Zeiger der Erkenntniß des Judenthums zeigt bei dem einen etwas zurück, bei dem andern etwas vor, alle sollten aber über die heutige Zeit einig sein, als über eine „Einheitszeit", die eine volle Vereinigung der Kräfte erheischt, um den Anfechtungen der Lüge wirksam entgegen zutreten. Es ist die Ehren- und Standespflicht gerade der gebildeter Juden, dem Stamme, dem sie durch Geburt und Glaubensgenossen schüft angehören, ihrem von Kränkungen und Vorurtheilen geknechtete, Judenthum, wenn auch blos durch ein wärmeres Verhalten gegen dasselbe und durch freundliche Betheiligung an seinen Interessen ihre Ritterdienste zu leihen. So würden wir dann die Weissagung verwirklicht sehen: „Deine Söhne eilen herbei — und deine Zer störer, deine Verwüster ziehen von dir ab;" desgleichen auch das schöne Wort der Weisen: „Deine Kinder sind deine Erbauer" - sie tragen den alten Pyramidenbau, von dem Jahrtausende alt Vorurtheile herniederschauen, ab, führen den Ehrentempel des Juden thums auf, „denn mit Weisheit wird das Haus erbaut", und kröne, ihn mit dem Glanz der Liebe, des Ruhmes und des Friedens. „Lehr uns unsere Tage zählen, auf daß wir weisen Herzens werden/? Are drei Ringe. Von Karl Werder. (Schluß, Und mm die Szene selbst! So wundervoll sie ist — sie ist di: äußerlich hervorstechendste Partie des Stücks, die umfangreichste Szeu deffelben und der Glanzpunkt in der Rolle des Nathan. Von Allen was im Stücke vorkoimnt, prägt diese Erzählung — wie Lessing si giebt — sich am meisten dem Zuhörer ein; sie in ihrer Besonderhei: steht Jedem sogleich vor der Seele, so wie vom Nathan die Rede if:, und erscheint demgemäß als der Repräsentant des Ganzen. Abc: der Schwerpunkt des Stückes liegt doch nicht in ihr. Die Szene bildet, so zu sagen, die Hauptstation, den Knotenpuin für die Wege des Stückes: in die Person des Sultans laufen al/ Fäden des Gewebes, das die Handlung entwirrt, zusammen. Dun: seine Befreundung mit Nathan wird die andere weitere mit den: Ritter, wird für den und für Recha des Sultans und Sittahs Interesse gegründet und vorbereitet. Die Stimmung des Endes fr: Alle wird hier eingeleitet. Nathan vor Allem, der Fremde, uno doch der eigentliche Vater der Familie, die hier, durch ihn, znsammc, und sich selber wiedergebracht wird, darf dem Sultan, dem web' lichen Oberhaupt derselben, kein Fremder sein. Und der Geist, dun > den er ihn gewinnt und sich befreundet, dieselbe höhere Macht ist c - — nicht der Verstand und die Taktik der Novelle, die nur negatio und prosaisch ausgeht — sondern dieselbe Seele und dasselbe Thun, kraft welcher er im innersten Grund und in der Wahrheit der Vatcc Aller ist. Die wirken aus ihm, auch hier — das, was Lessings Er findung ist: seine Seele und ursprüngliche Eigenart — und darum wirken sie so warm, so innig, und so unwiderstehlich und überwältigend auf den Sultan. Aber der Schwerpunkt des Stückes liegt dennoch nicht hier und nicht in dieser Aktion. In Nathans Charakter liegt er! Abc, der gerade, so herrlich er sich auch in dieser Szene entfaltet — in seiner innersten Tiefe offenbart er sich nicht hier. Denn hier steh! er zunächst als Fremder dem Fremden gegenüber, ja einem der ihn

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