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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-28 · Heft 17 (28.4.1893) · p. Seite 204

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 17 (28.4.1893)
Date
1893-04-28
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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204 Literarische Mittheilungen. — Spinozas Erkenntnißlehre in ihrer Beziehung zur modernen Naturwissenschaft und Philosophie. Von Martin Berendt und Julius Friedländer. Berlin 1892. Mayerä?Müller. Nur selten erscheinen heute philosophische Werke, welche über die engen Fachkreise hinaus ein Interesse erwecken können. Mit desto größerer Befriedigung ist es zu begrüßen, wenn Schriftsteller es unternehmen, auch ein größeres Publikum wieder einmal für philosophische Fragen zu erwärmen. Unter diesen Werken nimmt das hier gu besprechende unserer Ansicht nach einen bedeutenden Rang ein. Indem es die Erkenntnißlehre Spinozas bearbeitet, zeigt es doch zugleich auch, daß in ihr die Grundzüge der modernsten Erkenntnißlehre enthalten sind und behandelt somit ein Problem, das keinem Gebildeten heute fremd bleiben darf. Gleich im ersten Kapitel führen die Verfasser in überzeugender Weise durch, wie Spinoza, indem er seinen ersten Erkenntnißgrad, die Imaginativ, die unzureichende Erkenntniß, wie die moderne Naturwissenschaft, hauptsächlich auf Sinnestäuschungen und subjektive Sinnesempfindungen stützt, auch in der Durchführung dieser Ideen im Einzelnen mit der neueren Naturwissenschaft frappant übereinstimmt. Es ergiebt sich dabei, daß das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien und eine Reihe anderer fundamentaler Lehren der heutigen Naturwissenschaft von Spinoza (wenn auch in Anlehnung an Cartesius) in genialer Anticipation vorweggenommen worden sind. Im zweiten Kapitel wird mit zwingender Beweiskraft dargethan, daß der zweite Erkenntnißgrad Spinozas, die Ratio, in der man früher eine Art aprioristischer Vernunftserkenntniß sehen wollte, nichts ist, als die rationelle Naturerkenntniß im Sinne der modernen Naturwissenschaften, die Zurückführung aller Naturerscheinungen auf Bewegungsvorgänge in den kleinsten Elementen der Körperwelt, d. h. mit einem Wort, die mechanische Erklärung aller Naturerscheinungen. Es ist den Verfassern durchaus gelungen, die Fäden aufzudecken, die von den Definitionen und Lehrsätzen Spinozas zu unfern modernen Begriffsbestimmungen herüberreichen. Im folgenden Kapitel gehen die Verfasser dazu über, das Wesen des dritten Erkenntnißgrades Spinozas, der Intuition, sestzustellen, die nach dem Philosophen in unmittelbarer Anschauung das eigenthümliche Wesen der Dinge erkennen soll, während die Ratio nach ihm als eine allgemeine Erkenntnißart nur die Eigenschaften der Dinge in logischem Räsonnement begreift. Bei diesen Untersuchungen ergiebt sich beit Verfassern Gelegenheit, ein Problem zu behandeln, das eine Kardinalfrage des Denkens der Gegenwart bildet. Es ist das die Frage, wie neben der naturwissenschaftlich-mechanischen Auffassung der Natur noch eine höhere ideale Anschauung Bestand haben könne, die auch den Forderungen des Gemüths Rechnung trägt. Die Verfasser wollen zeigen, daß Spinoza in der Art, wie er sich das Verhältniß der beiden Erkenntnißgrade der Ratio und Intuition zu einander dachte, dieses Problem auch für unsere Zeit vorbildlich gelöst hat, daß es ihm gelang, eine Formel der Weltauffassung zu finden, welche den idealen Forderungen des Gemüths und des religiösen Empfindens gerecht zu werden sucht, ohne mit der Empirie in Widerstreit zu gerathen. In den folgenden Kapiteln führen die Verfasser die intuitive Erkenntniß Spinozas mehr in ihren einzelnen Zügen durch; sie stoßen dabei auf eines der tiefsten Probleme der Philosophie, auf die „Seelenwanderung". Ueberaus geschickt wissen sie diesen Begriff in unfern modernen Anschauungskreis neu einzuführen. Mit großer Beherrschung der allgemeinen Geschichte und der Kulturgeschichte führen sie die Idee durch, daß bei aller Verschiedenheit ihrer räumlichen und zeitlichen Erscheinungsweise die Individualitäten der Geschichte im wesentlichen Kern ihres Charakters stetswieder- > kehren, daß die Geschichte im Wesentlichen auf der Wiederkehr gewisser Typen! von Charakteren in immer neuen Erscheinungsformen beruht. Schließlich bildet diese Idee den Durchgangspunkt zu dem letzten Ergebniß der Untersuchung, daß die Intuition Spinozas diejenige Betrachtungsweise ist, die die ewigen Typen der menschlichen Charaktere corporis essentia sub specie aeternatis (Spinoza) in unmittelbarer Anschauung erfaßt, mit einem Wort, daß diejenige Erkenntnißart, die Spinoza in seiner Intuition vorschwebte,! wenn auch ihm selbst vielleicht noch unbewußt, die künstlerische Auffassung der Welt ist, und sie gehen den Spuren der intuitiven Erkenntniß auf dem vielgestaltigen Gebiete der Kunst, der Staatskunst und der Philosophie in unleugbar feinsinniger Weise nach. Aber denjenigen, die auch heute noch in dem Zeitalter der Naturwissenschaft und der kritischen Forschung an ihrer idealen Weltanschauung, an den geistigen Gütern der Väter festhalten, die aber auch nicht an Luftgebilde, an bloße Phantasiegemälde sich anklammern wollen, sondern zu einer Weltanschauung sich bekennen, die den Zweifeln und Forschungen der Wissenschaft gewachsen ist, dürfen wir dieses Buch angelegentlich empfehlen. W. U Spreckjsaal. 0.,,r m h ... , Sofia. 20. März. Lobl. Redaktion! Die fruchtbare Anregung, welche in den Aufsätzen über die Stellung der jüdischen Wissenschaft im sozialen Leben der Juden von Herrn I. Singer in Ihrem vielgelesenen Organe gegeben wurde, legt es mir nahe, mit Verlaub der verehrlichen Redaktion auf dieses Thema zurückzukommen. Man muß mit Freuden und Dank konstatiren, daß bei der gegenwärtigen Lage des Judenthums im Allgemeinen und der jüdischen Wissenschaft insbesondere es noch Männer, selbst Frauen giebt, welche wie einst die Propheten Worte der Mahnung wie der Belehrung an ihre Brüder und Schwestern richten und nach Angabe von Wegen und Mitteln trachten, die eine Ein- und Umkehr in die verlassenen Geleise ermöglichen. Wissen wir Juden ja schon aus dem Munde unsers königlichen Sängers, wie erfolgreich eine derartige Konkurrenz der Rathschläge in vielen Fällen sich erweist. Es kommt aber stets auf die Kritik der vorgeschlagenen Rathschläge wie bei dem Arzte auf die Auswahl seines Kurplanes bei Heilung schwerer und verwickelter Krankheiten, an. Wie vortrefflich auch die Ideen der Anlegung einer oder mehrerer hebräischer Druckereien, die Herausgabe des Talmuds, die Verlegung hebräischer Klassiker und so manches Andere auch sind, so scheinen sie mir doch noch nicht realen Boden genug zu besitzen, wie ähnliche Institutionen bei andern Kulturvölkern. Der Herr Verfasser jener Artikel konnte sich die Frage aufwerfen: Wie sotten denn jene Männer resp. Abnehmer sein, welche die besten hebräischen Werke und zu den billigsten Preisen selbst verlangen? Wer von uns weiß nicht, wie es seit drei Dezennien in den Bibliotheken aussieht, wo alle jüdischen Werke auf die Proskriptionsliste gesetzt, wo jedes hebräische und talmudische Wort längst vergessen. Wie die Vernachlässigung des Hebräischen betrieben wird, kann der jüdische Buchhandel am klassischsten darthun. Sollte wirklich die Zeit gekommen oder nicht mehr fern sein, an welcher Israel sein Selbstbewußtsein erlangt und sich die Frage auflegt „Sein oder Nichtsein", und wenn die Wahl auf das „Sein" fällt, dann muß in allererster Linie der Untergrund gelegt werden — und zwar im Herzen und im Munde der Kinder unseres Stammes. Das Hebräische muß zu Ehren gebracht werden, gerade so wie bei den übrigen Nationen ihre Litteratur und ihr Sprachschatz. Wie es im Mittelalter einen weltumspannenden Verein zur Auslösung der Gefangenen gab, muß auch heute ein ähnlicher weltumspannender jüdischer Litteratur-Verein gegründet werden, um den gefesselten jüdischen Geist in allen seinen Aeußerungen zu entfesseln und ihn flügge zu machen. Jeder Jude, welcher noch Ehrgefühl im Leibe besitzt, jeder Jude, dem das Märtyrerblut seiner Ahnen, das diese vergossen für die Geistesschätze Israels, in Erinnerung ist, muß die Erhaltung jenes überlieferten Kleinods als die heiligste Pflicht erachten und ihr seine Kräfte opfern. — Geschieht das, gelingt es, Israel aus der Lethargie zu reißen, dann werden die Ideen des Herrn I. Singer als selbstverständlich ins Leben treten und auf eine große Universalität rechnen dürfen. Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnet Dr. Rüben Vierer. 9 In dem unter dem Titel „Isaak No<" Mannheimer" erschienenen Artikel kommen manche Druckfehler vor, von denen ich einige zu berichtigen mich veranlaßt fühle. Anstatt: „Wie jedes große Ereigniß, wirft die bevorstehende Geburt" u. s. w., soll es heißen: „Wie jedes große Ereigniß, wirft dies der bevorstehenden Geburt seine Schatten voraus." Anstatt: „jüdisch-kulturellen", „Kulturlebens," soll es heißen: „jüdisch-kultuellen", „Kultuslebens." Anstatt: „Die Unterstützung Mannheimers in Anspruch zu nehmen bemüht waren," soll es heißen: „bemüßigt waren." Wien, 16. April. E. Baumgarten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion- Mar Bauchwitz in Berlin.

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