Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-28 · Heft 17 (28.4.1893) · p. Seite 202

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 17 (28.4.1893)
Date
1893-04-28
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228004--49743-3271323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

202 „O, da kann Eins aber einmal recht verschnaufen!" antwortete er. „Ich möcht alleweil tanzen, von früh bis spät," schwätzt die lustige Dirne. „O du Herrgöttle, so was auch!" ruft Christophle, „das thät i nit wünsche», seine Ruh' muß der Mensch anch haben. ' Dörtle sieht ihn ein wenig geringschätzig an; so gar genau nimmt er ihren Ausspruch, wie's nicht einmal gemeint ist. „Tanzen ist eine Arbeit!" stöhnt Christoph und reibt sein Gesicht noch immer mit einem großen, bunten Tuch. „Hi, da müßt's Dir doch auch recht sein," lachte Dörtle, „zum Arbeiten ist man auf der Welt." „Ja, aber ein' gute Kost und ein Ansruhn gehören auch dazu!" sagt er. Weil die Babett Höschele da gerad neben ihr steht und neidige Blicke auf das blaßblane Band wirft, so faßt Dörtle nach ihrem Arm, uniwandert mit ihr die Linde und erzählt ihr, wie sie zu dem stolzen Besitz gekommen ist; und weil die beiden reichsten Mädchen solch ein Beispiel geben, machen es die andern ihnen nach, und bald sind die Burschen allein und ein langer Zug von Dirnen bewegt sich in der Runde um den alten Baum. „Schau auf," sagt da die Babett, welche um zehn Jahre älter ist und bleich »nd unansehnlich dazu, „schau, ein Städtischer stzht dort drüben und lugt herüber. Der möcht' auch wohl mitthun!" und sie nimmt eine gezierte Miene an und thut, als wolle sie sich recht benierklich machen. Dörtle hebt die Blicke und ruft: „Der! ist freilich ein Städtischer — aber," setzt sie spöttisch lachend hinzu, „aus dem. Ditzinger Judenhäusle!" Die Babett hält das für Spaß, und als der Fremde näher kommt, macht sie eine Schwenkung, so daß sie an ihm vorüber müssen. „Grüß Gott, Dörtle!" sagte Bartel. Das Mädchen erwiedert nur halblaut, sie weiß nicht, warum sie einen Zorn hat. Mit der Lea ist sie allzeit gut gestanden und mit der alten Frau auch. Nun kommt der so „apart" daher, daß Keiner im Dorf mit ihm Stich hält, und ihr Vater doch der Reichste — das ärgert sie — und auch, daß sie ihm den Beinamen dankt und er sie gestern gleich damit angeredet hat. „Jst's lustig?" fragte Bartel. „Mußt selber wissen, wie sich das für einen anschaut, der mit dazu gehören thut!" antwortet sie schnippisch. „Aha!" spricht Bartel, „wenn's nur um's Mitthun ist!" Und weil gerade drüben der Geiger und der Bläser die ersten Töne wieder erklingen lassen, so fragt er die Babett: „Wie wär's einmal mit uns Beiden?" Und die sträubt sich nicht lang lind tritt mit ihm an. Sic weiß wohl, daß es der Bartel ist ans dem Kramlüdle, aber der ist mit den Dorfkindern zum ABC gegangen, warum soll er jetzt nicht einmal mit ihnen gemeinsam tanzen? Wie Dörtle die Beiden sieht, wird sie blaß vor Zorn. Wenn der Bartel schon tanzen wolli', warum fragt er sie nicht? Aber um sie zu kränke», hat er die Babett genommen! Sie geht zum Christoph hinüber. „Nun," meint der, „etwas verschnaufen hat man schon können." Dörtle bemerkt gar nicht, daß er sich bereit hält, sie zu umfassen. Sie sieht nur das Paar tanzen. Wie das hergeht, wie der Bartel die Dirne schwenkt, sonst ist sie so schwerfällig — und Alle schauen zu, und der Platz ist denen für eine kurze Weile allein überlassen. „Uih!" sagt selbst der geichgiltige Christoph, „uih, der hat'S Tanzen aber verstndirt. Sakerment, das geht! Und die Babett lacht dazu. O Jegerle!" Dörtle beißt die spitzen weißen Zähne in die Unterlippe — es ist ihr wahrhaftig nicht recht, daß man am meisten nach ihr guckt. Neben dem Christoph steht Peter Aigle, der Haupttänzer der Babett, der hat augenscheinlich ebenfalls seine Freude an dem Paare. „Guck nur, guck auch nur!" spricht er. Das wird dem blonden Dörtle zu arg. Sie lacht hohnvoll auf. „-O Du, da stehst, Du Zipfel Du, und schaust, wie man Dir Dein' Tänzerin nimmt und leidst's — bist ein rechter Kerle Du!" „Ja, was ist denn auch?" fragt der gutniüthig. „Einer aus der Stadt —" Aber das Dörtle läßt ihn gar nicht ausreden. „Was ist? Auf keinem Dorf darf so der Erst' Best' mitthun, das solltest auch wissen! Und der ist noch nit einmal ein Städter! O, Ihr Schlanle, Ihr! Seht Ihr denn nimmer, daß es der Bartel ist drunten aus dem Judenhäusle!" „Nun, i mein' —" der Peter will noch einmal sagen, daß er auch dem ein Pläsir gönnt, zumal, wo er selber sich schon arg müde getanzt Hab, da füllt die Dirn wieder ein: „Und gewahrst denn nit, daß er Dir zum Hohn tanzt? Schau nur die Leut', der versteht's, sagen sie — und daß Du's nimmer so kannst, das weißt selber, und wenn Du nachher wieder anfängst, da lachen sie Dich aus!" „Sakerment, Dirn!" ruft Peter und sein Gesicht wird roth. Die Blicke des Mädchens funkeln ordentlich. „I sollt nur ein Bu' sein, nur für ein Weil! Der da hätt' mir ausgetanzt und hätt' mi nur einmal gehöhnt." „Recht hast!" schreit Peter und die Zornader auf seiner Stirn schwillt an. „Mädle, Du bist Eine!" und dann ist er mit einem Satz bei den Tanzenden. „Halt mal!" ruft er. Aber die Beiden gleiten an ihm vorüber, sie hören nichts als die Tanzmusik. „Halt auch, sag i!" schreit Peter Aigle auf's Neu'. „Mit der Dirn tanz' i und kein Anderer! Am wenigsten solch' ein Jud'!" Da steht der Bartel mit einem Ruck still, läßt die Babett los und sieht dem Peter mit den schwarzen Augen gerade in das erhitzte Gesicht. „Suchst Streit, Peter? Wie wir niit einander in die erste Schul' gegangen sind, schau, da bist gut gewesen — hast inzwischen das Schimpfen gelernt?" „Eins ist's, eins, wo's i gelernt Hab', mein Mädel läßt und tanzen tbust da nimmer!" ruft der Bllrsch' mit heiserer Stimme und erhebt drohend die Faust.' Bartel blickt um sich, lauter wohlbekannte Gesichter umgeben ihn, er sucht keinen Streit, aber er möchte auch sein Recht. „Ich gehör' zu Euch," will er sagen. Drüben aber hat das Dörtle den Christoph am Arm gezupft. „Weißt, die sind Alle feig, die Juden, jagt ihn fort von der Lind'. Und dann soll er einen Namen haben — Tanzelesjud, was? das klingt lustig!" Und Christoph, der sonst nicht gerade zu den Muthigsten gehört, ist aufgestachelt und tritt neben den Peter. „Naus sollst, Tanzelesjud!" schreit er. „Schimpft nicht — und schämt Euch!" sagt Bartel, „als kleine Buben habt Ihr Friede und Einigkeit gehalten, wollt Ihr als Männer weniger werth sein?" „Oho, oho!" brüllt Peter, „willst predigen, Jnd?" Dörtle nickt dazu, sie hat ihren Willen. Bartel wirft den Kopf zurück und schaut ruhig um sich. „Wollt Ihr spaßig sein, so kann Eins doch nicht drüber lachen, 's giebt bessere Spüß, besinnt Euch nur drauf."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.