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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-28 · Heft 17 (28.4.1893) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 17 (28.4.1893)
Date
1893-04-28
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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Nachdem ich die Krenz- und Quergassen des jüdischen Viertels durcheilt und dabei mich zur Genüge überzeugt hatte, daß in ihnen ungemein viel Noth und Elend, aber nichts von dem in Deutschland von den Antisemiten den Juden angedichteten Kapitalismus, der ihnen ja überall eigen sein soll, zu finden ist, geleitete mich mein Führer vor ein ganz unansehnliches Haus, dessen kleiner Hofraum überschritten und darauf eine leiterartige Treppe bestiegen werden mußte, um dann ein kleines dunkles, in Bezug auf Reinlichkeit herzlich viel zu wünschen übrig lassendes Zimmer betreten zu können; ich stand nun dessen Bewohner, einem j 80jährigen Greis, gegenüber, der sich mir als der gesuchte Ober- Rabbiner zu erkennen gab. Die Unterhaltung, unter Hinzuziehung eines seiner jüngeren Verwandten geführt, war eine recht schwerfällige, theilweise in dem fast gänzlich unverständliche» jüdisch-deutschen Jargon. Der Greis erzählte mir u. A., daß er schon oft von europäischen Glaubensbrüdern ausgesucht worden sei. indeß aus dem angegebene» Grunde konnte die Unterhaltung nicht in Fluß kommen und ich schied von ihm, indem ich noch für seine Armen „schnoberte" und dafür , mit einem schriftlichen Scholem Aleclieni ausgestattet wurde. Wiederholte Besuche der Judenquartiere bewiesen mir, daß die j große Masse der hier wohnenden Juden in den denkbar schlechtesten Verhältnissen lebt und überwiegend geistigund wirthschaftlich noch eine sehr tiefe Stufe einnimmt. Dieser ungemein! traurige Eindruck prägte sich wohl Allen ein, die kürzlich Jerusalem besuchten; um so mehr danke ich dem glücklichen Zufall, der mir am vorletzten Tage meiner Anwesenheit in Jerusalem Gelegenheit bot, diesen ersten Eindruck doch zu etwas modifiziren. In Gemeinschaft mit Herrn I. in Nizza, früher Mitchef eines bedeutenden Hauses in; Belfast, suchte ich unter Begleitung meiner Frau die Gründungen! der Alliance israelite auf. Wir fanden bei dem Leiter derselben, Herrn Nissim Behar, einem eingeborenen fein gebildeten Mann, überaus liebenswürdige Aufnahme. Unter seiner Führung besichtigten : wir mit lebhaftem Interesse die zahlreichen Werkstätten, die sich auf! einem großen Komplex vereinigt finden imb in denen an 200 junge! Leute aus Palästina, Syrien, Aegypten, den Donaufürstenthümern und einigen andern benachbarten Ländern zu tüchtigen Handwerkern i herangebildet werden. Ich sah ihnen Allen an, wie wohl sie sich hier i in den verschiedenen Berufszweigen fühlten; Alles arbeitete mit! Lust und Liebe in den rationell eingerichteten Werkstätten für Schuhmacher, Tischler, Schneider, Schlosser, Kupferschmiede u. m. a. Handwerke, und noch fortwährend wird an der Erweiterung der Beschäftigungszweige gearbeitet. Mit berechtigtem Stolz erzählte uns Herr j Behar, daß die Arbeiten der unter seiner Leitung stehenden Eta- 1 blissements bereits so große Anerkennung fänden, daß Aufträge! nicht nur von Seiten der Glaubensgenossen, sondern auch; von den Bekennern anderer Religionen, sogar auch von Kirchen, z massenhaft einliefen, so daß es an lohnender Arbeit nicht mangele. Herr Behar hatte die Freundlichkeit, uns auch in das unter der Vcr-! waltung des Herrn Dr. Lazar Grünhut stehende Waisenhaus zu! führen, der in freundlichster Weise uns die vortrefflichen Einrichtungen desselben zeigte. Unweit davon befindet sich das Hospiz Rothschild, herrlich gelegen. An der Spitze desselben steht Herr Dr. I. G. d'Arbela,! ein überaus tüchtiger und interessanter Mann, der über ein Jahri zehnt Leibarzt des Sultans von Sansibar und oberster Militair-Arzt! der sansibarer Truppen war. Durch Herrn Behar wurden wir auch bei ihm — einem geborenen Römer — und seiner liebenswürdigen Gattin, einer Oesterreicherin, eingeführt. Auf das Geschmackvollste in echt orientalischer Weise eingerichtet und von allem Komfort umgeben, beehrte» uns Herr Dr. d'Arbela nebst Gattin mit einer Einladung zu einem Diner für den folgenden Tag; leider mußten wir in letzter Stunde noch ablehnen, da der von Jaffa gemeldete Sturm, der unsere Abreise um einen Tag verzögert hatte, sich inzwischen gelegt hatte. Für den Abend bat uns Herr Behar zum Thee. Wir folgten der Einladung mtb lernten in dieser Gesellschaft einen größeren Kreis von Herren und Damen unserer gebildeten Glaubensgenossen kennen, unter ihnen auch den aus Baiern stammenden Herrn Dr. med. Albert Feuchtwanger, sowie Herrn E. den Jehuda, den Redakteur der in Jerusalem erscheinenden jüdischen Wochenschrift „Haor". Die Unterhaltung war eine außerordentlich fesselnde und gar mancherlei Interessantes kam uns jit Gehör; auch die in letzterer Zeit regierungsseitig verordnten Erschwerungen bezüglich des Erwerbs von Grund und Boden durch Israeliten kam dort zur Sprache. Eigenartig war uns zugleich die Erzählung des dem Freisinn huldigenden und für diesen in seinem Blatte wirkenden Herrn den Jehuda über seine Thütigkeit, die ihm wiederholt den in Jerusalem noch existirenden Bannfluch der Rabbiner daselbst znzog. Aber er hat sich ans diesem anscheinend nicht viel gemacht, denn voller Begeisterung erzählte er, daß er durchaus nicht erschlafft sei, sondern nach wie vor dafür kämpfe, die noch vielfach in geistiger Beschränktheit dahin lebenden Glaubensgenossen aus ihrem Schlaf auszurütteln, um sie zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Die Erreichung dieses schönen Zieles muß aber mit angebahnt werden durch Unterstützung der jerusalemitischen Rabbiner, deren Einfluß noch immer ein bedeutender, nicht aber stets ein segenvoller ist. Nach dieser Richtung bleibt noch so viel zu thun übrig, daß die europäischen Glaubensbrüder auch diesbezüglich ihren Einfluß gelten machen müssen; denn mit Geldopfern allein ist nicht genützt; sie können sogar schädlich wirken, wenn sie dazu dienen, den alten Schlendrian zn stützen. Nur ungern trennten wir uns aus dem anregenden Kreise, der uns in letzter Stunde noch den Beweis lieferte, daß erfreulicherweise lebhafte Bemühungen stattfinden, um das geistige und leibliche Wohl unserer Glaubensgenossen in Jerusalem zu heben. Mögen die wackcrn Männer, die daran arbeiten, trotz der Schwere der Aufgabe nicht erschlaffen! Tags darauf erfolgte die Rückreise nach Jaffa. Wir fanden noch sehr lebhafte See vor und die Einschiffung mittelst der kleinen Boote war eine so schwierige, ja gefahrvolle, daß wir dem Schöpfer dankten, als wir erst wieder den Fuß auf unser» Dampfer setzen und nunmehr die Rückreise in die Heimath antreten konnte».? FEUILLETON Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Be ly. (Fortsetzung.) „Nit so wild hat man damals getanzt," erzählt Schwadcrer, „war mehr eine rrchige Weis', aber gut ist's auch gegangen!" „O freilich ist's auch gut gegangen!" entgegnete Nanz, und dann haben sie lange einander wieder nichts zu sagen. „Der Lotter-Geiger, der braucht arg Zeit für sein' Schoppen," meint Dörtle zu ihrem Tänzer gewendet, denn cs zuckt ihr schon wieder in den Füßen. Der junge Christoph ist aber nicht minder gemächlich wie sein Vater.

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