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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-28 · Heft 17 (28.4.1893) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 17 (28.4.1893)
Date
1893-04-28
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
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200 Welche unendliche Schwierigkeiten mag die Errichtung der Pyramiden verursacht haben? Betrachtungen gar mancherlei Art tauchen in dem Besucher des in seiner Art einzig dastehenden Alterthumsmuseums auf. Hier steht selbst der unwissendste Laie staunend still, wenn er sieht, was an dieser Stelle Wunderbares aus weit zurückliegenden Jahrtausenden den Museumsbesuchern gezeigt wird. Jener König Ramses, der so und so vielte seiner Dynastie, Jahrtausende als Mumie wohlverwahrt in herrlichem Sarkophag in gutverschlossenen Pyramiden-Gräbern, hat sich gewiß dermaleinst nicht träumen lassen, daß er heutzutage gegen ein Eintrittsgeld von 10 Piastern den prosaischen Blicken aller Welt preisgegeben sein würde! Von alledem zu berichten, was die merkwürdige Nilstadt und deren Umgebung nns bot, würde zu weit führen, doch mag erwähnt werden, daß es uns ungemein interessirte, anläßlich des Besuches der Insel Roda, auf welcher sich der Nilmesscr befindet, die Stelle gezeigt zu erhalten, an der angeblich die Tochter Pharaos den Moses fand. Wie wunderbar wechselvoll ist doch das Geschick der einzelnen Menschen, Familien und selbst gar mancher Völker, die früher eine Rolle in der Weltgeschichte spielten! Das zeigt sich so recht in Aegypten. Wo sind die Nachkommen jener alten Aegypter geblieben, die vormals in der Knechtung der Israeliten so Hervorragendes leisteten? Sie, deren Ahnen zu herrschen gewohnt waren, bilden heute die unterste Schicht der Bevölkerung, es sind die Fellachen; in erbärmlichen Nilschlammhütten wohnend, in Schmutz und Elend lebend und hart arbeitend, erwecken sie die Theilnahme und das Mitleid des Fremden, während die Eingeborenen, an den Anblick der Bejammernswerthen gewöhnt, theilnahmslos an ihnen vorüber eilen. Wahrlich, unsere modernen Antisemiten könnten, wenn sie überhaupt wollten, aus den lehrreichen Blättern der Weltgeschichte unendlich viel lernen! Noch alle Völker, die sich zur Verfolgung der den einzigen Gott anbetenden Anhänger Israels selbst erniedrigten, haben hart dafür büßen müssen; möchte doch endlich im Interesse des^Allgemeinwohls dauernd die Herrschaft der Humanität und Toleranz gefestigt werden, und sicherlich alle Welt wird sich wohl dabei befinden! Möge der freundliche Leser diese vom Hauptthema abschwcifende, aber nahe liegende Betrachtung verzeihen. 0 Programmmäßig führte uns „Fürst Bismarck" am 4. März nach Jaffa, dessen gefährlicher Hasen gefürchtet ist und den auch wir später noch von seiner bösen Seite kennen lernen sollten; bei unserm Eintreffen zeigte er erfreulicherweise sein freundliches Gesicht und die Ausschiffung der Passagiere erfolgte ohne jeden Unfall, obwohl die außerordentlich vielen Klippen, die ans dem Meere hervorragten, uns zur Genüge klar machten, daß es mitunter recht schwer werden kann, das gelobte Land zu betreten. Gar manches Schiff hat hier schon viele Tage lang kreuzen müssen, rnn ruhige See zur Ausschiffung abzuwarten, und es ist auch nicht selten, daß die Schiffe die harte Geduldsprobe verlieren und ohne Landung ihren Kurs fortsetzen. Uns tvar min der Meeresgott gnädig und wohlbehalten erreichten wir Jaffa, wo aber länger zu verweilen uns leider nicht vergönnt war, sodaß ich zu meinem lebhaften Bedauern den geplanten Besuch der berühmten jüdischen Ackerbauschule unterlassen mußte, weil das Londoner Reisebürean Cook, unter dessen Leitung der überwiegende Theil der Passagiere lmd so auch ich verkehrte, die sofortige Fortsetzung der Reise nach Jerusalem mittelst Eisenbahir vorgesehen hatte. Diese erst seit wenigen Monaten dem Betriebe übergebene Bahir ist primitivster Art, erreicht nicht entfernt die deutschen Bahnen, die der Volksmund als „Bimmelbahnen" bezeichnet, geschweige, daß sie unfern Normalbahnen ähnelt; mit beiden hat jene Schienen, Wagen und Lokomotive gemein, jedoch die ersteren sind herzlich dünn, die Wagen ähneln denen unserer Pferdebahnen und letztere ist liliputartig konstruirt; die Leute, die sich dieser „Eisenbahn" anvertrauen, werden unterwegs hin- und hergeworfen wie Schiffspassagiere, sodaß man. wenn auch nicht gerade seekrank, so doch bahnkrank werden kann lind froh ist, nach 3Vs ständiger Fahrt das Endziel — Jerusalem — zu erreichen; allerdings immer noch besser, als wenn man mittelst Wagen auf der fürchterlich staubigen Landstraße fast zwölf Stunden lang fahren muß. Wir laugten gegen 2V2 Uhr Nachmittags in Jerusalem an und bei dem sonnigen Wetter machte dieses vom kleinen Bahnhof aus einen recht freundlichen Eindruck; bereitstehende Wagen fiihrten uns dann zur Stadt hinauf, die wir alle mit höchsten Erwartungen betraten. Naturgemäß boten die wenigen vorhandenen Hotels für die ankommenden 250 Personen nicht Raum, auch dann nicht, als sogar einige derselben, und unter ihnen das einem Glaubensgenossen gehörige Hotel Jerusalem, Zelte in den Vorhöfen anfschlligeir, und so wurde denn durch den Vertreter Cooks einer größern Anzahl von Theiluchmern Unterkunft in der den Franziskaner-Mönchen gehörigen Casa Nova angewiesen; die Gastfreundschaft dieser, allerdings nach dem Glaubensbekenntnis; nicht fragenden Mönche wurde auch mir zu Theil, was hoffentlich bei dem freundlichen Leser keinen Anstoß erregen wird. Der Aufenthalt in Jerusalem war auf 5—6 Tage berechnet, für ein eingehenderes Kennenlcrnen der Stadt und Umgegend wohl etwas knapp bemessen, indeß genügend, um sich wenigstens oberflächlich zu orientiren. Von diesem Gesichtspunkt aus wurde nun zur Besichtigrnrg des vielen Sehenswerthen geschritten, ab und an eine anstrengende Arbeit. Jerusalein ist so oft nnd auch bis in alle Einzelheiten beschrieben worden, daß es überflüssig sein wird, heute abermals damit zu kommen und dadurch den Leser zu ermüden. Es genügt, zu bestätigen, daß jeder Besucher dieser altehrwürdigen Stätte — gleichviel ob er Katholik, Protestant oder Jude ist — mit höchstem Interesse den geheiligten Boden betritt und — schließlich recht enttäuscht ist, wenn er, was meistens der Fall, seine Erwartungen zu hoch gespannt hat. Die religiöse Art der Bewohner, die naturgemäß aller Orten in den Vordergrund tritt, erscheint bei näherer Betrachtung denn doch zu geschäftsmäßig, um dauernd ehrfurchtgebictend zu sein, und — der Wahrheit die Ehre — auch unsere Glaubensgenossen machen hierin keine Ausnahme. Oder sollte wirklich das Jammern und Wehklagen der orthodoxen Israeliten an der berühmten Klagemauer vielen derselben aus dem Herzen komme»? Gar mancher Augen- und Ohrenzeuge vermag es nicht zu glauben, wenn er die zweifelhaften Gestalten vor sich sieht! Früher, in einer wohl weit zurückklingenden Zeit, mag's anders gewesen sein, indeß heute läßt die kalte Prosa wenig Raum für poesievoll angehauchte Religion dort, wo sonst die Völkerschaften aller möglichen Glaubensbekenntnisse um die Herrschaft kämpften und die hinterlassenenSpuren der Verwüstung zeigen. Ueber unsere jerusalemitischen Glaubensgenossen einiges zu sagen, ist hier wohl am Platze. Selbstverständlich sind die verschiedenen Schattirungen der Israeliten, deren Anzahl annähernd V» der circa 45,000 Einwohner zählenden Stadt betragen mag, vertreten; sie besitzen eine Reihe von Synagogen und Bethhäusern, in denen nach mehr oder weniger von einander abweichenden Riten Gottesdienst abgehalten wird. Es war mir vergönnt, am 4. Mürz d. I. zum Ausgang be* Sabbaths drei der größten Synagogen zn besuchen, und zwar in Gesellschaft des Herrn Dr. Arnold Weisse aus Hamburg, der hervorragendes Redaktionsmitglied des „Hamburger Fremden-Blattes" mrd Verfasser der fesselnd geschriebenen Reisebriefe über „Fürst Bismarck's" Orientreise ist. — Wir fanden bei den Glaubensbrüdern freundliche Aufnahme, jedoch konnten nns diese nicht darüber hinwegtauschen, daß die Art und Weise des Gottesdienstes in alle» Bctstätten wenig Anziehendes,;a, eigentlich nur Abstoßendes für uns

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