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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-28 · Heft 17 (28.4.1893) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 17 (28.4.1893)
Date
1893-04-28
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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Aber die praktischen Nachtheile der einseitig-czechischen Bildung der Jugend brachten es mit sich, daß in Städten, die seit zwei Jahrzehnten keinerlei deutsche Schulen mehr hatten die deutsch-israelitische» Volksschulen mit 1—5 Klassen weiterexistirten, ja, sogar nicht selten von Christen, namentlich zugezogenen Offiziers- und Beamtenkindern, besucht werden. In ihrem äußern Gebühren schlossen sich die Juden, nur im Allgeineinen langsamer, der slavisirenden Bewegung an. Da sie Bürgerschulen, Gymnasien und andere höhere Lehranstalten nicht besitzen, muß die Zugend nach Absolvirung der Judenschule in die czechischen Anstalten übergehen, was selbstverständlich zur Folge hatte, daß die jüdischen Volksschulen trotz der deutschen Unterrichtssprache dem Unterrichte im Czechischen volle Sorgfalt zuwenden, nur damit ihre Schüler und Schülerinnen ohne Aufenthalt in die böhmischen Anstalten übergehen können. Diese trotz aller Anfeindungen, ja trotz der auch bei den Juden der czechischen Bezirke nach und nach eingekehrten, aufrichtigen und theilweise heftigen Natioualistrung beibehaltene Zweisprachigkeit im Gegensätze zu der in den letzten Jahrzehnten herangewachsenen christlichen Jugend derselben Bezirke hat de» Juden unendliche Vortheile gebracht. Nicht nur konnten sie nach Absolvirung der Gymnasien frei, an welche Universität sie wollten, ziehen, während ihre christlichen Kollegen auf die überfüllte czechische Universität und Technische Hochschule in Prag angewiesen waren; sie hatten, was wichtiger ist, im Leben freie Bahn in alle Gegenden des Landes und Reiches. Die Zweisprachigkeit in einem Lande mit zwei sich bekämpfenden Nationalitäten ist für jeden Stand von so hoher Wichtigkeit, das; man hierauf gar nicht weiter hinzuweisen braucht. Bekannt ist, welch hohen Prozentsatz die Juden im Uuterfffizierkorps der österreich-ungarischen Armee stellen, und wie sich ein aaher Verwandter des österreichischen Kaisers, der in der Armee aer höchsten Verehrung genießt, lobend über dieses Material ausgesprochen hat. Schreiber dieser Zeilen hat selbst aus dem Munde eines der höchsten Offiziere unseres Landes in amtlicher Eigenschaft das lickhaltloseste Lob der Nüchternheit, Verläßlichkeit, des Ernstes und >er Ehrenhaftigkeit der jüdischen Mannschaften gehört. Aehnlich steht es mit den jüdischen Beamten, deren es trotz der ivtorischen geheimen Ordre des Justizministers, die nach zuverlässigen Berichten die Losung ausgegeben hat, nicht mehr jüdische Beamte uzulassen, als nach dem Prozentsatz der Bevölkerung auf ihr Theil wmmt. eine ganz beträchtliche Anzahl auf allen Gebieten des Staatsebens giebt. Ich bin nicht berufen, ihre sonstige Eignung im Vergleiche mit hren christlichen Kollegen zu prüfen, aber die vollkommene Verrauchest mit beiden Landessprachen hat ihnen die Carriere bedeutend rleichtert. Diese Thatsache und die Erwägung, daß die Abschließung der zechischen Jugend von deutschem Wissen und deutschem Wesen zu ihrer Jsolirung führen muß, wenn der czechische Staat inzwischen nicht;n Ende gezimmert ist, hat seit mehreren Jahren immer mehr Eingang bei den hochbetagten Führern der böhmischen Nation, die ja fast ihre Neuschöpfer geworden sind, gefunden. Rieger und andere hervorragende, klarsehende Männer scheuten sich nicht, es auszusprechen, daß die Zweisprachigkeit der Juden in reinczechischen Bezirken für dieselben ein unendlicher Vortheil sei, ja ihnen in der Zukunft ein Vorwiegen in den praktisch gelehrten Stünden, als Juristen, Aerzte, Beamten, Offiziere u. s. w., sichere. Diese Erwägung hat in dem vorurtheilsfreien Theile der Ezechen jene Gesinnungen gereift, die im sogenannten „Ausgleich" zur Ueberraschung der Welt und nicht minder zur Ueberraschung jener fanatischen Kreise, die auf die vollständige Loslösung des rein-nationalen czechischen Staates vom österreichischen Reichskörper hinarbeiten — den Jungczechen — an den Tag traten. Aber gerade weil die reinnationale Partei ihre Ziele durch einen Ausgleich gefährdet sah, weil die ultranationalen Streber im friedlichen Elemente nicht ihre Rechnung fanden, und weil das nationale Vorwärtsrollen, das seit fast vier Jahrzenten lawinenartig anschwoll, im logischen Gegensätze zu dem „Ausgleiche" stand, wandte sich die große Masse nur zu schnell von ihren altbewährten Führern ab, siegte überall das jungczechische Element, vordringend und erobernd. Aus dem Gesagten erhellt aber eben so natürlich, daß die Inden, die fast alle in czechischen Gegenden am öffentlichen Leben, das natürlich reinczechisch ist, lebhaften Antheil nehmen, überall in den kommunalen und Bezirksvertretungen sitzen, bei Weitem nicht in eben dem Maße auf die jungczechische Seite gegangen sind als ihre christlichen Mitbürger; ja daß fast überall, wo noch altczechische Vertretung in Stadt, Bezirk und Landtag gegen die Sturmflnth der letzten Wahlen standgehalten hat, die Inden ihr redlich Theil dazu beigetragen, ja oft die Entscheidung gebracht hatten. Letzteres war unter Anderem auch bei den letzten Gcmeindcwahlen in Kolin der Fall gewesen. So kommt es, daß die jungczechische Partei, deren offizieller Titel „national-freisinnige Partei" ist, mit den Antisemiten fralernisirte und daß die Wiener „deutsch-nationalen" Antisemiten für die Jungczechen schwärmen und sie sogar voriges Jahr in ihrem Heim korporativ anfsuchten. U Are drei Ringe. Von Karl Werders) Lessing sagt: er habe den ersten Gedanken zum Nathan in einer Boccaz'schen Novelle gefunden, sie sei der Keim, aus bcm sich der Nathan bei ihm entwickelt habe. Aber das Stück selbst berichtigt diesen Ausspruch seines Verfassers, soweit das nöthig, und Lessing wußte, daß er darauf rechnen konnte, indem er ihn that. Wollte man den Ausspruch allzu strikt nehmen, so wurde der Novelle dadurch eine größere Ehre erwiesen werden, als sie verdient. Denn das poetische Kind stammt nicht aus ihr. Das war längst vor ihr lebendig und aus direkterem Ursprung erzeugt. Um das sogleich zu erkennen, braucht man nur nachzusehen, was das Geschichtchen im Original enthält; weß Geistes es beim Boecaz ist, und dann damit zu vergleicheu, was Lessing daraus gemacht hat. x) Karl Werder, der ausgezeichnete Aesthetiker, der wahrhaft vorurtheilsfreie Kritiker, ist in voriger Woche gestorben. Mit ihm ging einer der letzten Vertreter jener alten Berliner Humanitätsperiode dahin, die über dem Trennenden der Konfessionen das große Reich der Bruderliebe aufrichten wollten. Als eine Erinnerung an den edlen Mann wird unfern Lesern das Kapitel von den drei Ringen aus seinen „Vorlesungen über Nathan" gewiß von hohem Interesse sein. Die Redaktion.

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