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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-28 · Heft 17 (28.4.1893) · p. Seite 194

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 17 (28.4.1893)
Date
1893-04-28
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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194 Schmollers über die Rassen-Solidarität der Juden, „die stets auch für die geringen oder schlechten Individuen aus ihrer Milte eintreten", in Verwunderung gesetzt. Wie oft werden wir es noch wiederholen müssen: Nein! Es giebt keine Rassen-Solidarität unter den Juden; unsere Solidarität ist nur eine rein religiöse, genau dieselbe Solidarität, die den deutschen Protestanten mit feinem Glaubensgenossen in Böhmen und den delltschen Katholiken mit feinem Glaubensbrnder in Belgien verbindet. Daß wir als Juden auch für die schlechten Individuen in unserer Mitte eintreten, das soll uns erst noch bewiesen werden; bis dahin aber stellen wir es ganz entschieden in Abrede. In welch peinliches Dilemma ist doch der deutsche Jude gegenwärtig versetzt! Treten wir nicht gegen die „schlechten Individuen in unserer Witte" auf, so machen uns die Gegner den Vorwurf: die einsichtigeren Elemente der Judenschaft sollten doch gegen die schlechten Elemente der Börse, der Presse u. s. w. in ihrer Mitte Front machen. Treten wir aber zusammen, um derartige Schäden zu geißeln oder zu bekämpfen, so sind die Gegner sofort mit dem Vorwurf der jüdischen Solidarität bei der Hand. Nein, Herr Professor, wir vertheidigen nicht die schlechten Elemente in unserer Mitte. Wir wahren uns nur dagegen, daß man dein Dieb oder dern Bankerotteur, der zufällig unseres Glaubens ist, immer das Wort „Jude" hinzufügt, während man dies bei protestantischen oder katholischen Verbrechern selbstverständlich unterläßt. Und daß wir mit dem Glaubensbruder, der in seiner Eigenschaft als Jude und um seines Glaubens willen leidet, sympathisch empfinden, das fann uns doch wahrhaftig ebenso wenig zum Vorwurf gemacht werden, wie etwa der „Kreuzzeitung" die Klagen über die traurige Lage der Pastoren in den Ostseeprovinzen oder der „Germania" die Vorwürfe über die schlechte Behandlung der Katholiken in Russisch-Polen. Und was nun schließlich das Verhältnis des arischen Arbeiters zu dem jüdischen und zu denn arischen Arbeitgeber betrifft, von welch' letzterem „er mit größerer Schonung, mit geringerer Härte behandelt werde", — mit Verlaub, Herr Professor — wir behaupten das strikte Gegeutheil! Und eine Enquete, in den betreffenden Kreisen angestellt, würde ganz ohne Zweifel unsere These rechtfertigen, daß arische sowohl wie jüdische Arbeiter nirgends besser behandelt, nirgends besser befahlt werden wie bei jüdischen Arbeitgebern, und daß sie auch zu solchen mit Vorliebe gehen. Wie viele Fälle schlechter Behandlung von Seiten jüdischer Arbeitgeber sind überhaupt in den letzten Jahren zur Kenntniß gekommen? Wir erinnern uns keiner solchen Klage und wir glauben auch nicht, daß eine solche generaliter je aus Arbeiterkreisen geführt worden ist. Das Entscheidende ist für Professor Schmoller die Rassmfrage. Für uns ist und bleibt das Entscheidende: die Humanität, der anständige Charakter, die Bruderliebe! Nicht minder charakteristisch als Zeichen der Zeit sind die Klagen, welche ein anderes Blatt (und zwar die „Kreuz-Zeitung") jüngst darüber führte, daß zu viel Juden in der Berliner Justiz thätig seien. Daraus wird dem früheren und jetzigen Justiz-Minister der versteckte Vorwurf gemacht, sie hätten die Juden aus Gründen, die nicht in der Sache liegen, besonders begünstigt. An diese angebliche Thatsache hat aber jenes Blatt ferner die unglaublichsten Schlüsse geknüpft, u. A. die Behauptung, es hätten hier Gerichtssitzungen stattgefunden, in denen allein der Angeklagte und der Gerichtsdiener deutscher Abstammung waren. Diesen Behauptungen gegenüber ist nun festgestellt worden, daß unter allen Staatsanwälten und Amtsanwälten in Berlin auch nicht ein einziger Jude, daß ferner unter allen Strafrichtern Berlins gegenwärtig nur ein einziger Jude festzustellen sei!! Und diese Ttiatsachen sind bereits seit etwa acht Tagen festgestellt. Aber jenes Blatt hat bis jetzt keine Veranlassung genommen, seine Behauptungen irgendwie zu berichtigen. Die Versuchung liegt nahe, an diese Zeichen der Zeit eine eingehende Betrachtung zu knüpfen; allein wir unterlassen es für diesmal; wir würden fürchten, dadurch den Eindruck derselben abzuschwächen. Die Moral liegt ja auch zu sehr auf der Hand und kann von jedem aufmerksamen Beobachter leicht selbst gezogen werden. Wir aber haben diesen charakteristischen Thatsachen nichts hinzuzufügen.? Böhmische Briefe. ii. Sie haben, verehrter Herr Redakteur, befohlen, und hier bin ich. Ich müsse nun doch über die Verhältnisse in Böhmen berichten, da es bis zu so argen Tumulten in Kolin gekommen sei, und da ich meinen zweiten böhmischen Brief immer noch schuldig sei, während meine Kollegen, bie „Briefschreiber" der „Mg. Ztg. d. Judcnth.", es bereits zu Nummern gebracht haben, bei denen der Durchschnitts mensch die römischen Ziffern mühselig zusammenliest. Wahrlich, aus Böhmen nicht zu schreiben, ist nach dem bekannten Ausspruche des Juvenal (Lat. I. 30) viel schwieriger, als Ihnen rech; oft — Berichte zu senden. Doch habe ich, alle Schwierigkeiten besiegend, ein volles Jahr ge schwiegen und auch heute soll, so schwer es sein mag. keine satirische Epistel an Sie abgehen, sondern eine ernste, bitterernste Darstellung der Verhältnisse in unserem Lande, die es so weit brachten, wie di Dinge bei uns stehen, und die leider nicht absehen lassen, wohin wi; noch kommen werden. Vor kaum dreißig Jahren stand es in Böhmen mit der Natio nalitätenvertheilung derart, daß außer dem bekannten geschlossenen Sprachgebiete fast sämmtliche Städte des Landes in ihren intelli genieren Theilen deutsch waren. Städte, die nach der letzten Volks zühlung angeblich nicht einen einzigen Deutschen zählen, hatten damal-' deutsche Ghmnasicn, deutsche Kasinos, deutsche Schauspielerlrnppen die amtlichen Kreise ivaren oder erschienen doch deutsch. Die czechischen Kreise der städtische;; und namentlich der gebildetem Kreise betrieben ihre böhmischen Nationalliebhabereie» als eine Ar- Mysterien, von welchen nicht viel an die Oeffenllichkeit kam. Die Juden waren durchweg im Lande deutsch; ein Jude, de der böhmischen Sprache vollkommen mächtig war, gehörte zu de; größten Seltenheiten. Tie bis 1808 bestandenen jüdisch-konfessionellen Schulen führte;; offiziell den Titel „deutsch-israelitische" Schulen; solcher gab es a 150 in; Lande, überwiegend in czechischen Landestheilen. Von eim czechisch-jüdischen Schule war gar nicht die Rede. Die gesetzliche Bestinimungen, welche das Trauungs-, Scheidungs-, Matriken-Wese; der Juden regelten, sprachen überall da, wo sie die hebräische Sprael ausschließen wollten, als ganz selbstverständlich von der zu gebrauche;; den deutschen Sprache, die die amtliche zu sein habe. Männer wie Siegfried Kapper, die beiin Wiedererwachen odn beim Wiedererweckcn der czechischen Litteratnr fähig waren, ein Wvr; mitzureden, wurden als weiße Raben angesehen. In unglaublich kurzer Zeit ist das böhmische Gepräge des ge schlossenen Sprachgebietes ein unvermischles geworden. Ich selb;; habe Leute gekannt, die im Cylinder und Frack Stützen der deutschen Kasinos waren, und die nach wenigen Jahren in Czamara uw Schlapphut die heißblütigsten Agitatoren der Gegenpartei wurden.

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