Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1893)
- Date
- 1893-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 17. Allgemeine Berlin, 28. April 1893. eitung öes Auöeilchums. . Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Du. Ludwig Philippson-Lonn. Verlags-Crpedition: Geriin, Zerufalemerjlr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind au die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Jndeuthmiis", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Breis: Durch Buchhandel, V ostoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedacteur: Gustav K arpeles. Tllklülk. Leitartikel: Zeichen der Zeit. — Böhmische Briese IL — Die u-ct Ringe. Von Karl Werder. — Ein hundertjähriger Prozeß ohne Ende. Von Dr, A. Eckstein. — Eine moderne Pilgerfahrt nach dem gelobten Lande. Von Beruh. Meyersfeld. — Feuilleton: Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Velv. (Fortsetzung). — Lecho dodi. Von Adolf Pick. — Litterarische Mittheilungerr. — Sprechsaal. Der Gcmeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Stettin. Nirotv i. Nt.. Dessau. Dresden. Hannover. Siegen. Minden, .ttöln. Dürkheim a. H.. Budapest. Belgrad. — Von Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Zeichen der Zeit. Berlin, 25. April. Nicht als ob wir in dem Wahne lebten, daß unser Kampf gegen die Ausschreitungen des Antisemitismus etwa ein besonders mssichtsvoller wäre, sondern hauptsächlich vom Standpunkt der Kulturgeschichte aus registriren wir an dieser Stelle alle diese Ausschreitungen mit der Pflichttreue eines Chronisten, der die Zeichen der Zeit zu beachten und wohl auch zu deuten hat. Aus der Fülle des sich uns darbietenden Materials heben wir in dieser Woche zwei besonders charakteristische Erscheinungen hervor. Der bekannte Wiener Interviewer der „Deutschen Zeitung" hat längst u. A. auch den berühmten hiesigen Nationalökonomen und vistoriker Professor Schmoller über die Judenfrage ansgeforscht. Die Antwort Professor Schmollers hat Herrmann Bahr am 13. April nn genannten Blatte veröffentlicht. Darauf brachte ein hiesiges Antisemitenblatt sieben Tage später einen Bericht über dieses Interview, in welchem es die Ansichten des gelehrten Nationalökonomen m den wichtigsten Punkten, kurzgesagt, gerade in ihr Gegentheil vermehrt, markante Sätze ausläßt, andere in einen falschen Zusammenbang bringt und schließlich gar noch die Verwunderung darüber auspricht, daß „die jüdischen Zeitungen diese Sätze ihren Lesern vorenthalten". Nun, dieser Vorwurf soll uns wenigstens nicht treffen. Wir wollen „diese Sätze", das heißt aber die wirklichen, wahrhaften Aeußerungen Schmollers, obwohl wir denselben nicht durchwegs zuüimmen, gern unfern Lesern mittheilen. Er sagte u. A: „Sie finden meine Stellung zur Judenfrage in meinem Aufsatz über Laster („Zur Sozial- und Gewerbepolitik der Gegenwart") erörtert; über die eigentliche Grundfrage des Zusammenwohnens verschiedener Rassen werde ich demnächst wohl mal mich öffentlich aussprechen. Diese Frage, ob verschiedene Rassen mit Vortheil oder nur mit gewissen Nachtheilen und Gefahren einen Staat bilden, durcheinander wohnen, verkehren, sich vermischen können, ist von der Wissenschaft noch lange nicht genug erforscht und erörtert, um ein abschließendes Urtheil zu gestatten. Daß das Durcheinanderwohnen, die Mischung und Kreuzung von Rassen, welche physisch, geistig und moralisch sehr weit von einander abstehen, schwere Gefahren für Staat und Kultur bringen muß, scheint wohl unzweifelhaft. Führt doch Hehn den Niedergang Roms in den Jahrhunderten der Kaiserzeit darauf zurück; haben doch die älteren indischen Kulturstaaten deshalb die schroffsten Verbote des Connubiums, die strenge Scheidung der Rassen ungeordnet. Was aber die Juden betrifft, so wäre zweierlei zu untersuchen: 1. ob ihre Zahl eine zu große sei, um sie zu verdauen und zu assimiliren, und 2. ob Germanen und Semiten von einander wirklich in einem solchen Maße verschieden sind, daß die Mischung ungünstig wirkte? Bei einem mäßigen Zusatze und bei einem geringeren Grade von Verschiedenheit kann ja die Mischung auch große Vortheile bieten, und die Juden haben gewiß manche Eigenschaft, deren Aufnahme in den Volkscharakter, in die Sitten und Gewohnheiten für die Jndogermanen wünschenswerth ersä)eint. Aber theoretisch muß daran festgehalten werden, daß unter Umständen eine Rasse und ihre Kultur durch zu starke Beimischung fremder Raffenelemente ernstlich bedroht werden kann und daß dann an den Staat die Pflicht tritt, auf Maßregeln zu sinnen, die das abwehren sollen Kulis, Chinesen, Neger und derlei allzu entfernte, von unserm körperlichen und moralischen Habitus zu weit getrennte Nassen dürften ohne Zweifel nicht uitb zumal nicht in zu großer Menge zugelassen werden, und so kann inan wohl unter Umständen auch für eine Beschränkung der Einwanderung aus dein Osteii plaidiren — nicht blos gegen die östlichen, aus Polen und Rußland kormnenden Juden, von denen es übrigens noch nicht einmal feststeht, ob sie denn überhaupt Semiten und iiicht vielmehr Tartaren sind, sondern ebenso sehr auch gegen die Invasion slavischer Landarbeiter mit einem so viel niedrigeren Standard ok life." Was die Judenemanzipatiou betrifft, so stehe ich auf dem Standpunkt, daß Menschen mit einer von der unsrigen zu weit abstehenden Moral als gleichberechtigte Staatsbürger nie zugelaffen werden sollten. Wenn ich die Gleichstellung der Juden billige, so thue ich es nicht, weil ich ein Anrecht alles dessen, was Menschenantlitz trägt, hierauf zugebe, sondern weil ich glaube, daß die sittlichen Grundlehren der Rabbiner und der christlichen Pastoren heute unter dem Einflüsse der Philosophie des 18. Jahrhunderts wohl so ziemlich ähnliche oder gleiche seien. Aufzuheben ist diese Gleichberechtigung in unseren mittel- und westeuropäischen Kulturstaaten heute nicht. Man muß nur suchen, die Assimilirung der verschiedenen Rassenelemente zu fördern durch eine einheitliche Bildung und durch Verstärkung der einheitlichen Elemente in Sitte und Moral. Es handelt sich in dem Assimilirungsprozeß darum, den äußeren Anstand und den Frieden aufrecht zu erhalten, nicht zu Hetzen, die guten Elemente des Judenthums gut, die schlechten schlecht zu behandeln, das heißt, sie nicht als Stand, als Klasse zu behandeln." Es folgen nun aber noch einige Bemerkungen, gegen die wir doch Einspruch erheben müssen. Die vorurtheilsfreie Gesinnung dieses Gelehrten setzen wir dabei voraus; wir selbst hatten schon Gelegenheit, dieselbe anläßlich seines Nachrufs auf Lasker in diesem Blatte zu würdigen. Um so mehr schmerzen uns die Bedenken, die Wenn und Aber und Vielleicht, die er in gewohnter Gründlichkeit seinen Ausführungen über die sogenannte Judenfrage hinzuzufügen für nothwendig erachtete. Daß wir der Rassentheorie Schmollers nicht zu folgen im Stande sind, mag vielleicht in einer grundverschiedenen Weltanschauung, die weder mit Ariernoch mit Semitenthum etwas zu Ihm: hat, liegen. Weit mehr haben uns aber die Aeußerungen