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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-21 · Heft 16 (21.4.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 16 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 meinem Krankenlager stellte sich mir, durch einen befreundeten Herrn eingeführt, ein Herr unter falschem Namen vor, der sich als ein höherer Beamter aus dein Justizministerium einführte - dieser Herr aber war einer der gewiegtesten Berliner Polizeispitzel! Ein gegebenes Ehrenwort hindert mich an der Nennung seines wahren Namens — im Reichstage aber wird er durch einen Abgeordneten unserer Partei dieser Tage genannt werden Ich hatte keinen Argwohn gegen den Herrn und sandle ihn nach kanten, Köln re. und bekam von dort Nachrichten, daß ich an vielen Stellen selbst Milderungen eintreten ließ." Das Urtheil lautete, wie uns telegraphisch gemeldet wird, „gegen Dr. Bauer auf sechs Wochen Gefänguiß und 15u Marl Geldstrafe, gegen. Schroot ans 320 Mark Geldstrafe. * Köln, 17 April. Ueber die Beförderung von Juden in der Armee brachte die „Köln. Volksztg." eine Notiz, die wir in voriger Nummer reproduzirt haben. Hierzu wurde demselben Blatte noch weiter geschrieben: „Der Anschauung, als habe in Preußen eine Beförderung von jüdischen Einjährigen grundsätzlich nicht oder doch nur selten stattgefunden, kann ich mich nach menten persönlichen Erfahrtmgen nicht anschließen, tuöchte vielmehr behauptelt, daß ein Avancement solcher Herren stets dann erfolgt, wenn unter gleichen Bedingungen die übrigen Einjährigen befördert wurden. So wurde z. B. schon im Jahre 1885 bei einem der von dem fragt. Berichterstatter als Etttetruppen bezeichneten Garde-Ka vallerie-Reg im enter die Mehrzahl der jüdischen Einjährigen am!. April zu Gefreiten befördert. Diese beförderten Einjährigen nahmen sodann nicht nur mit ihren christlichen Kameradett am Offiziers-Examen Theil, sondern wurden auch am Ende des Jahres als Unteroffiziere der Reserve entlassen. Auch bei vielen anderen Regimentern jeder Waffengattung habe ich dieselbe Praxis beobachtet." Uns fehlt leider hinreichendes Material, um die Sache zu beurtheilen e. Frankfurt a. M., 18. April. Die in Nr. 7 dieses Blattes zuerst von Hulda Bergel in dem so warm empfundenen Artikel „Was uns dringend notthut" gegebene Anregung zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen und zur Begründung eines jüdischen S ch w e st e r n h a u s e s ist hier auf fruchtbaren Böden gefallen, unb eine Anzahl der angesehensten Israeliten Frankfurts, den verschiedensten religiösen Richtungen angehörig, ist in Folge dessen mit einen! Aufruf zur Gründung eines Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen an die Oeffentlichkeit getreten. Bereits seit mehr als Jahresfrist wurden in dem Königswarter'schen Hospital jüdische junge Mädchen für den Beruf der Krankenpflegerin ausgebildet und fünf derselben wirken schon seit geraumer Zeit mit bestem Erfolge. Allein diese Einzahl genügte bei Weiten: nicht, und zudem wäre:: diese Pflegerinnen genöthigt, sich für ihre Pflege bezahlen zu lassen. Damit nun künftig die Wohlthaten dieser Krankenpflege auch unbemittelten Leuten, und zwar ohne Unterschied der Konfessionen und unentgeltlich zugänglich sei, und auch die Zukunft und das 'Alter der sich diesem schweren Berufe Widlnenden gesichert werde, sind jene Männer zusammengetreten und haben folgenden Aufruf erlassen: „Unter den wenigen Berufsarten, welche bis jetzt der: Frauen offen stehen, nimmt die Ausübung der Krankenpflege eine der erste:: und wichtigsten Stellen ein. Ein in hiesiger Stadt gemachter Versuch, jüdische Mädchen von gutem Charakter und guter Schulbildung zur Krankenpflege heranzuziehen, hat zu vorzüglichen Erfolgen geführt. Schon sind fünf jüdische Mädchen (demnächst acht) zu Schwestern herangebildet, deren Leistungen und Führung Aerzte und Publikum vollauf anerkennen; ohne Unterschied der Konfession pflegen unsre Schwestern jeden Kranken, der ihre Hilfe in Anspruch nehmen will Eine Erweiterung dieser Bestrebungen soll einem größeren Kreis von jüdischen Mädche:: Gelegenheit verschaffen, den verantwortungsreichen ehrenvollen Beruf der Krankenpflege auf sich zu nehmen, ein Vorhaben, wozu bereits dringende Veranlassung gegeben ist, da schon heute den Nachfragen nach unfern Pflegerinnen nicht mehr genügt werden kann. Daher glauben wir wohl berechtigt zu sein, nunmehr weitere Kreise zur Erfüllung dieser Aufgabe heranzuziehen, die ja, wie kaum eine andere, den edelsten Zwecken der Menschlichkeit: Hilfe in Krankheit und Noth zu bringen, gerecht wird. Um nun die Ausübung der Krankenpflege durch jüdische Mädchen zu organisiren, haben wir es unternommen, einen Verein zu gründen, wie ähnliche Vereine, sowohl konfessionelle wie interkonfessionelle, bereits in unserer Vaterstadt bestehen. Diesem Verein werden, so hoffen wir, reiche Mittel zur Verfügung stehen, erstens um eine größere Anzahl guter Kräfte zu .Krankenpflegerinnen auszubilden, zweitens eine Centralstelle zu schaffen, welche Leitung und Aufsicht der Schwestern, sowie den Verkehr mit dem Publikum zu über::eh:nen hat, drittens die Pflegerinnen in: Bedarfsfall auch armen Kranken unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, endlich um unserei: opferfreudigen Schwestern die Sorge für die Zeit der Arbeitsunfähigkeit und des 'Alters schon heut abzunehmen; denn nichts reibt den Körper rascher auf als die Erregungen und Nachtwachen bei andauernder Krankenpflege. Wir zweifeln nicht daran, daß diese edlen Zwecke allgemeine Förderung finden, und erlauben uns. Sie aufzufordern, unser Vorhabe:: durch Rath und That zu unterstützen, vor Allem unseren: Verein durch Zeichnung eines Beitrages als Mitglied beitreten zu wolle::. Wir beehren uns, die Satzungen des Vereins beizulegen. Frankfurt a. M., in: März 1893." Es folgen alsdann die Namen von :::ehr als 70 der angesehensten Männer der Frankfurter Ge:neinde. Oesterreich-Ungarn. * Kolin, 18. 'April. Am 10. d. M. wurde hier der Leichnam eines Dienstmädchens aus der Elbe gezogen, welches vor etwa fünf Wochen aus seinen: Dienste bei einer hiesigen jüdischen Familie verschwunden :var. Das Mädchen hatte sich nach dem Ausspruche seiner eigenen Angehörigen mit Selbstmordgedanken getragen und war zweifellos in die hochgeschwollenen Fluthen der Elbe gesprungen. Trotzdem zirkulirten sofort in der Stadt die ungeheuerlichsten Gerüchte, und das hier erscheinende jungczechische Organ „Polaban" stachelte die Menge durch die Behauptung auf, daß die Juden an den: Mädchen einen rituellen Mord begangen hätten. Als der Leichnam am 10. d. M. von 'Arbeitern beim Sandausheben aus den: Flusse gezogen wurde, fand mau ihn in den .Kleidern, mit welchen man das Mädchen zuletzt gesehen hatte, und ganz unversehrr. Bei der Obduktion wurde konstatirt, daß an der Leiche weder innere noch äußere Verletzungen vorhanden seien, und daß ein Selbstmord vorliege. Trotzdem brachte der „Polabau" in seiner vorgestrigen Nunnuer einen Bericht, in welchen: behauptet wurde, mau habe den Leichnan: vollständig entkleidet in einem Sacke aufgefunden, und es seien an demselben solche Verletzungen und Schnitte konstatirt worden, daß man auf einen Mord schließen könne. Die betreffende Nunnuer wurde zwar konfiszirt, aber einzelne Exeu:plare gelangten doch ins Publikum, die blödsinnigsten Märchen wurden nun weiter kolportirt, und dies führte zu den Ausschreitungen von: 11. und 12. d. M Es rotteten sich Tausende von Menschen auf den: Ringplatze und in den benachbarten Straßen zusanunen, schlugen Fenster ein und schrien: „Schlagt die Juden tobt! Hängt sie auf!" Daß es nicht zu ärgern Exzessen kam, ist nur der Umsicht des Bezirkskommissars Herrn Engel und dem energischen Vorgehen der verstärkten Gendarmerie zu verdanken, welche die Menge immer wieder mit gefälltem Bajonnete auseinandertrieb und die Hauptschreier und Hetzer verhaftete. Den ganzen Tag über kamen die gröbsten Beschimpfungen und Mißhandlungen der Juden vor. Kinder und Frauen wurden von Buben und Erwachsenen geprügelt, mit Steinen beworfen und verletzt. Der Rechtspraktikant bei::: Bezirksgerichte, Dr. Stein, der das Grab seiner Mutter besuchen wollte, erhielt auf den: Wege zun: Friedhofe eine Verletzung am Ohr und befindet sich in ärztlicher Behandlung. 'Auch die Gensdarinen und Polizisten wurden angegriffen und mit Steinen beworfen — Zur Dämpfung der antisemitischen Pöbel - Exzesse sind Tags darauf sechs Kompagnien Infanterie eingerückt. Patrouillen mit geladenen: Gewehr durchzogen unausgesetzt die Gassen. Die jüdischen Läden blieben Tags über geschlossen, die jüdischen Kinder wurden von der Schule zurückbehalten. Die Stimmung der Bevölkerung ist fortgesetzt sehr erregt. Die Leute fordern die Exhumirung der Leiche des Dienstmädchens behufs nochmaliger genauer Obduktion. Bei dem Bombardement gegen die Polizei wurden fünf Wachleute durch Steinwürfe verletzt, ein intervenirender Beamter der Bezirkshauptmanuschaft wurde gleichfalls verwundet. Der Wiener antisemitische Abgeordnete Schneider richtete, wie verlautet, ein Telegramm an den Arzt, welcher die Obduktion vorgenommen hatte, mit der Anfrage, ob es nothwendig sei, daß er, um Stimmung zu machen, nach Kolin komme!! Die Verhafteten werden wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit angektagt werden. Die durch fanatische Aufhetzung erregte Bevölkerung Kolms ist durch das Aufgebot einer stärkeren Militär-

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