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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-21 · Heft 16 (21.4.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 16 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 abtheilung :venigstens äußerlich wieder.zur Nutze gebracht worden. Die "Aufregungbesteht aber wie zuvor, die Geschäfte stockeu vollkommen. Die Polizei muß das Grab der Selbstmörderin fortwährend bewachen, da schon Versuche gemacht worden sind, die Leiche auszugraben. — Arbeiter, Weiber, ja selbst Frauen aus mittleren Ständen hört man laut sagen: „Ja, jetzt haben es die Juden gut, wartet nur, bis der erste Mai kommt!" — Unter den verhafteten Exzedenten befindet sich auch der Administrator des jungezechischen Koliner Blattes „Polaban". Gegen den Redakteur I. Hejnic, welcher im „Polaban" schrieb, daß an dein Dienstmädchen Hawlina Stichwunden und Strangulirungsmarken wahrgenonnnen wurden, und dem die Schuld an der ganzen Koliner Bewegung beigemessen wird, ist, wie „Hlas Naroda" meldet, im Aufträge der Bezirkshaupünannsä aft die Untersuchung wegen des Verbrechens der Aufreizung und des Vergehens der Verbreitung falscher Nachrichten eingeleitet worden. — Nach den letzten Nachrichten hat nun die Sache eine eigenthümliche Wendung genommen. Die Hetze gegen die Juden wird jetzt auf die Deutschen ausgedehnt. Vier Personen, welche diedeutschen Kommaudoworte eines Offiziers verhöhnten, wurden verhaftet. Die Dörfer in der Umgebung sind derartig aufgehetzt, daß die Juden mit Zurücklassung ihrer Habe flüchteten. Die Juden in Pardubitz und Czaslau baten um militärische Hilfe. Schweiz. Zürich, 16. April. Am Samstag den 25. v. Mts. hat Herr Rabbiner Dr. Littmann aus Elbing sein Amt hier augetreten, zu welchem er durch glänzende Wahl berufen worden ist. Gottlob, daß die rabbinerlose Zeit hiermit vorbei ist! Denn diese hat manche Erscheinungen zu Tage gefördert, welche Denjenigen, welcher die jüdische Religion nach ihrem göttlichen Geiste aufzufassen und zu erhalten bestrebt ist, betrüben mußten. Der Eine suchte seinen „frommen" Sinn durch einen Sturmlauf gegen das Harmoniumspiel in der Synagoge zu zeigen. Andere, welche seiner Zeit mit Freuden die Gründung des gemischten Synagogenchores begrüßt und in dessen Vereinigung „Liedertafel" in begeisterter Würdigung des Verdienstes den (aktiven) Damen die gleichen Rechte wie den männlichen Mitgliedern statutarisch zuerkannt halten, fanden auf einmal, in dem reichen Schatze ihres religiösen Wissens aus ihrer idyllischen Dorfjugendzeit stöbernd, den vergessenen Ausspruch de§ frommen Leibele seligen Andenkens wieder: „es sei unjüdisch, daß Männer und Weibsleut' in der Schul' zusammen singen." Sie legten demgemäß der Gemeindeversammlung das Jnitiativbegehren vor: Die Mitwirkung des weiblichen Geschlechtes (nicht auch des Harmoniums) beim — übrigens im Ganzen noch altmodischen — Gottesdienste aufzuheben. Mills Gott, ist die auf Herrn Dr. Littman gefallene Wahl eine glückliche für unsere des Friedens dringend bedürftige Gemeinde, und eine segensreiche für die ganze schweizerische, durch die Schächtfrag e bedrängte Judenheit! — Dem Beispiele anderer Hochschulen: folgend, bildete sich auch hier ein Verein der jüdischen Studirenden, der sich zum Ziel gesetzt hat, dea geselligen Verkehr der jüdischen Studierenden; Erleichterung in der Ausbildung der Mitglieder in allen Zweigen der Wissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der jüdischen Geschichte und Litteratur, sowie der sozialen Lage der Juden in allen Ländern; Ertheilung materieller Hilfe den sich in Roth befindenden Kameraden. Es ist viel, was der junge Verein alles will Wir wünschen es von Herzen, daß derselbe die sich gesteckte Aufgabe erfüllt. Vielleicht wäre es nicht unzweckmäßig, aus nicht studentischen gebi ldeten jüdischen Kreisen „außerordentliche" Mitglieder aufzunehmen. Einerseits wäre diesen eine anregende Gelegenheit zu ihrer Weiterbildung gegeben, andrerseits böte sich so dem Verein eine finanzielle Hilfsquelle. Herr Stöcker im Kamps gegen die Demokratie bewiesen hatte, ein milderes Verfahre:: gegen ihn als das beabsichtigte beim Kaiser Friedrich zur "Annahme brachte." — Der antisemitische Schriftsteller W. Marr in Hamburg versendet folgende Erklärung: „Auch ich, an Kampfjahren der älteste antisemitische Schriftsteller unserer Zeit! sage mich los von der antisemitischen Bewegung. Faktisch und stillschweigend habe ich es schon seit Jahren gethan. Die Motive zu diesem Schritt wird man in meinem „litterarischen Nachlaß" nach meinem Tode ersehen." — In einer in Oeynhausen stattgehabten Versammlung war der Prediger Liepmannssohn dem antisemitischen Agitator Leuß entgegengetreten. Dieser meinte daraus: „Wenn Herr Prediger Liepmannssohn nochmals versuchen sollte, die Führer der antisemitischen Partei anzugreifen, dann kommt es mir auf einen Radau nicht an." Es verdienen diese Worte, festgenagelt zu werden. — Antisemitische Exzesse schlimmster Art waren bekanntlich aus Anlaß des Prozesses Buschhoff im Sommer v. I. im Kreise Grevenbroich vorgekommen. Als Haupturheber und Mitbetheiligte an diesen wüsten Kravallen waren am lt). September fünf Einwohner von Gindorf in Gefängnißstrafen von 2 und 4 Wochen genommen worden. Gegen dieses Urtheil hatten sowohl Amtsanwalt wie Verurtheilte Berufung eingelegt, und in diesen Tagen gelangte die Sache vor der Strafkammer zur Verhandlung. Da eine umfangreiche Beweisanfnahme die Schuld der in erster Instanz Verurtheilten außer Zweifel stellte, wurde deren Berufung nicht allein verworfen, sondern das Strafmaß erheblich versch ärft, indem Gefängnißstrafen von 2 bis 4l Monaten festgesetzt wurden. — In Köln hat am letzten Sonnabend der Kardinal- Erzbischof D r. C r e m e n tz Herrn Rabbiner Dr. Frank seine Gegenvisite abgestattet. Ein Beweis wahrhaft vorurtheilsfreier Gesinnung seitens dieses Kirchenfürsten. — Die Stadtverwaltung in Mai nz hat den Stadtverordneten einen Antrag auf Errichtung eines Denkmals für Heinrich Heine auf einem öffentlichen Platze in Mainz vorgelegt. — In Wien hat sich das Kuratoriun: der israelitisch-theologischen Lehranstalt folgendermaßen konstituirt: Zum Präsidenten wurde gewählt Baron Königswarter, zum ersten Vizepräsidenten der Wiener Kultusvorsteher Moriz Karpeles, zuur zweiten Vizepräsidenten der Reichsrathsabgeordnete Dr. E. Byck, zum Kassaverwalter Theodor Taussig, zum Kontroleur kaiserlicher Rath Klinger. - Die diesjährigen Gemeinderaths- Ergänzungswahlen in Wien fanden mit den Wahlen des ersten Wahlkörpers, dem die Höchstbesteuerten, zumeist Hausbesitzer, angehören, ihren Abschluß. Dieser Wahlkörper, der seit jeher liberal wählte, brachte den Antisemiten einen starken Erfolg, die fünf Sitze eroberken Die antisemitische Minderheit des Gerneinderathes, bisher 42 Stimmen, ist dadurch aus 47 unter 128 angewachsen. — In Graz ist der Professor an der Staatsgewerbeschule, Architekt Leopold Beer, nach langem, schwerem Leiden im 46. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene erfreute sich als Lehrer und "Architekt großer Beliebtheit und galt als tüchtiger Fachmann — In Brody starb vorige Woche der erst vor wenigen Monaten zun: zweiten Male gewählte Bürgermeister der Stadt Dr. Paul Gold Haber. Derselbe starb in der Ausübung seines ärztlichen Berufes, in Folge einer infektiven Krankheit, die ihn nur wenige Tage auf dem Schmerzenslager hielt. — In Temesvnr ist der Präsident der dortigen Handels- und Gewerbekammer, der israelitischen Religions-Gemeinde, der Lloydgesellschaft und anderer Körperschaften, Kommerzienrath Ignaz S. Eisenstädter de Buzias, nach langem Leiden, 63 Jahre alt, gestorben. Der Tod des allgernein verehrte:: Mannes rief aufrichtige Theilnahme hervor. — In der Jahresversammlung der israelitischen Kultusgemeinde zu Budapest gelangte ein Schreiben des Herausgebers des „Neuen Pester Journal", Sigmund Brody, zur Verlesung, in welchem derselbe mitttieilt, daß er, um das "Andenken seiner verstorbenen Frau zu ehren, der Kultus¬ Von Nah und Fern. j — Gegen den Herausgeber und Verleger eines antisemitischen Flug- -j blattes: „Das Kol Nidre-Gebet der Juden", Karl Giebeler, ist die strafj gerichtliche Untersuchung eingeleitet worden. — Der Führer der Deutschj konservativen und Antisemiten in Breslau, F r e i h e r r L o t h a r v o n R i ch ti Hofen, ist, 75jährig, gestorben. — Fürst Bismarck rühmt sich in den „Hamb. Nachr.", seiner Zeit Stöcker gehalten zu haben. Nach diesem Organ -i ist der Fürst, als beim Regierungsantritt Kaiser Friedrichs gegen Stöcker j vorgegangen werden sollte, in den sehr zahlreichen Charlottenburger j Konseils „der Einzige gewesen, der mit Rücksicht auf die Tapferkeit, die! gemeinde den Betrag von 250,000 fl. zur Erbauung eines Krankenhauses für Kinder zur Verfügung stelle In diesem Krankenhause sollen gleichwie im großen Spital der Kultusgemeinde Kinder aller Konfessionen Aufnahme finden. — M. Rickart-See in Paris wurde mit Ministerial-Dekret zum Anwalt des Ministeriums des Aeußeren ernannt. Sein unmittelbarer Vorgänger war der verstorbene M. Leouce Lehmann, Ehren-Sekretär der „Alliance Jsraelite Universelle". — Bei den Pariser Stadtrathswahlen brachten die Antisemiten bisher keinen ihrer Kandidaten durch. Druct und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für bte Redaktion - Mar Bauchwitz in Berlin.

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