Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1893)
- Date
- 1893-04-21
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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192 — Edmund Friedemann: Der Antisemitismus im alten! Rom. Berlin 1893, Carl Dunker. Gerade zur rechten Zeit kommt! diese interessante Abhandlung, welche den Judenhaß der alten Römer < mit großer Sachkenntniß darstellt und aus den grellen Gegensätzen der! antik-heidnischen und jüdisch-christlichen Weltanschauung beleuchtet. Um so! merkwürdiger ist es, daß der 'Antisemitismus im deutschen Parlament" ' diesen Judenhaß der alten Römer auch für seine Zwecke auszubeuten j suchte. Herr Rechtsanwalt Friedemann hat seiner interessanten Abhand-; lung ein Vorwort an Herrn Abgeordneten Stöcker vorausgeschickt, welches mit der treffenden Erklärung schließt: „Herr Stöcker möge bedenken, daß; in dem Kampfe des Römerthums mit dem Semitenthum die ersten Sendboten der christlichen Kirche, ein Petrus, Paulus und Johannes, welche selbst Semiten waren, die Vorkämpfer auf semitischer Se ite" gewesen sind." — In der Märznummer der Westermannschen „Deutschen illustrirten j Monatshefte" erschien ein populär gehaltener Artikel über Spinoza von Dr. Strauß, Rabbiner in Bradford. Derselbe 'Artikel erscheint im Aprilhefte des „Geutlemams Magazine", einer der ersten englischen Monatsschriften in englischer Sprache. ' f Sprechsaal. Schö tmar (Lippe-Detm.), 11. April. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie gestatten mir wohl zu den Ausführungen des Aufsatzes „Zuni Schlußtage des Paffahfestes" in Nr. 14 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" folgende Bemerkungen. Herr Dr. Levin gedenkt zun: Schluffe des genannten Aufsatzes unserer armen Glaubensgenossen in Rußland und ertheilt ihnen einen wohlgemeinten Rath zur Verbesserung ihrer Lage, indem er sagt: „Nicht die Auswanderung itad) Palästina oder Amerika darf als Heil angesehen werden. Unsere Glaubensbrüder müssen vorerst alle die Bedingungen erfüllen, die sie als Angehörige des Volkes zeigt; es genügt nicht, daß sie ihrer militärischen Verpflichtung Nachkommen, sie müssen auch in Sprache und Tracht und Verkehrsformen mit ihren Mitbürgern: übereinstimmen, sie müsse:: für die Erlösung ans ihrer Sonderstellung sich befähigen, sie müssen u. s. w." In dieser Ausführung scheint zunächst der Vorwurf zu liegen, daß die Quelle alles Elends, das sie betroffen, nur in dem Umstande zu suchen sei, daß sie ihren Mitbürgern sich nicht enger anschließen wollen. Dieser Borwurf trifft sie aber nicht. Wer die Verhältnisse in: europäischen Asien kennt, weiß, daß der Grund der Sonderstellung der Juden in Rußland nicht bei diesen zu suchen ist, sondern bei ihrer Umgebung. Unsere russischen Glaubensgenossen (ich denke hier zunächst an die russischen Juden, nicht an die polnischen) nwchten gern und freudig in Sprache, Tracht und Verkehrsformen sich ihren christlichen Mitbürgern annähern; diese aber stoßen sie geradezu von sich. Wer kann es übrigens behaupten, daß eine Annäherung in diesen: Sinne was niitzen wiirde. Sind doch bekanntermaßen die Juden des inneren heiligen Rußland, also gerade da, wo sie aur wenigsten geduldet werden und am meisten unter dem Drucke zu seufzen haben, in ihren Umgangsformen, ihrer Sprache und Tracht von den echten Russen kaum zu unterscheiden. Eine vollständige Annäherung, eine Umwandlung an Haupt und Gliedern, das wollen die Russen an unfern dortigen Glaubensbrüdern sehen. In diesem Falle würden sie sie gewiß in jeder Hinsicht sich gleichstellen und ihnen alle möglichen Rechte einräun:en. Aber um dies zu erwirken, werden auch die härtesten Maßregeln vergeblich bleiben. Da verlassen die russischen Juden lieber ihre Heimath, ihr Vaterland, dem sie treu anhängen, und wandern aus. Müssen sie auch Haus und Hof, Hab und Gut, Alles, was sie in: Schweiß ihres Angesichts redlich erworben, den Feinden zurücklassen: ein süßer Trost bleibt ihnen, und den nehmen sie als treuen Begleiter mit in die weite Welt, es ist ihr unerschütterliches Gottvertrauen, ihre Religion. „Es liegt unfern Glaubensbrüdern in Rußland ob, den gleichen Erziehungsgang dnrchzumachen, den wir zurückgelegt." Das wäre allerdings von unschätzbarem Segen für sie und mit ihnen für das gesannnte Judenthuiu. Wir wollen auch zugeben, daß, wenn sie „für die Erlösung ans ihrer Sonderstellung sich befähigen, dann auch die äußere Erlösung! eine naturgemäße Folge sein" würde, aber auf welchen: Wege könnten sie an dies Ziel gelangen? „Wenn erst ein Mendelssohn unter ihnen aufgestanden, dann wird auch bald ein Rießer zu ihnen sprechen." Aber alle Wege, die zur Aufklärung führen, sind ihnen ja gesperrt! In den Universitäten ist für sie fast gar kein Platz mehr vorhanden, in Gymnasien findet nur ein verschwindend geringer Prozentsatz Einlaß; wie soll ihr Thun und Lassen sie „als Angehörige des Volkes" kennzeichnen, wenn ihnen sogar das Führen russischer Namen bei Strafe untersagt ist?! Daß unsere Glaubensgenossen im Osten nicht erst einer Aufmunterung „zur Erlösung aus ihrer Sonderstellung" bedürfen, beweist die Thatsache, daß unter der Regierung Alexanders IT, als die Juden des großen Reichs freier ausathn:en durften, alle russischen Bildungsstätten von wissensdurstigen jüdischen Jünglingen überfüllt waren. Und wodurch konnten die jüdischen Väter, die jüdischen Jünglinge mehr die Bedingungen erfüllen, die sie zu Angehörigen des Volkes stempeln, als dadurch, daß jene ihre Kinder fleißig in die russischen Lehranstalten schickten und diese mit der russischen Bildung auch die russischen Verkehrsformen sich aneigneten? Tenn daß sie ihrer Militärpflicht genügen, ist bekannt, und daß sie auf den: Schlachtfelde gleich ihren christlichen Kameraden ihr Blut vergossen haben, dürfte auch wohl allgemein bekannt sein. Welches ist also der Weg, den sie jetzt einzuschlagen hätten, um sich aus ihrer Sonderstellung zu erlösen, da man sie in derselben geradezu gefangen halten :vill? Reit vorzüglicher Hochachtung S. Kanter. ♦ Berlin, 17. April. In: Interesse unserer armen verfolgten Glaubensgenossen, die ahnungslos in der Gefahr schweben, von den: Regen der russischen Barbarei in die Traufe der türkischen Mißwirthschaft zu gerathen, bitte ich Sie, verehrter Herr Redakteur, eine Stelle ans dem in Jerusalem erscheinenden „Habazelet", Nr. 23, die mir soeben aus der heiligen Stadt, jedenfalls von einer Seite geschickt wird, die meinen Ausführungen in der „Allgern. Ztg. d. I." freundlich gegenübersteht und der es darum zu thun ist, die Wahrheit festzustellen, in Ihrer Zeitung zun: Abdruck zu bringen. Leider bewahrheiten sich die Hiobsposten in: vollem Umfange und es erscheint nüthig, das Nothsignal, das von Jerusaleu: selbst mit schrillem Ton zu uns herübergellt, weiterzugeben In der 'Nummer vom 18. März heißt es in dem jerusalemitischen Blatte: „Die Maßregel der Regierung in Sachen des Grundbesitzerwerbs wird aufrecht erhalten. Es finden weder Verkäufe noch Erwerbungen noch sonstige Besitzwechsel in Häusern und Grundstücken statt. Auch ist Mangel an Arbeit eingetrete::, denn die Regierung hat den städtischen Behörden die Anweisung zugehen lassen, den Juden die Genehmigung zum Baue neuer Häuser fernerhin zu verweigern. Es verlautet auch, daß das Oberhaupt unserer Stadt mit den: Plane umgeht, die Baugenehmigung selbst in den Fällen den Juden zu entziehen, in welchen dieselbe bereits vor dem Erlaß der regierungsseitigen Maßregel ertheilt worden ist, und den Weiterbau bereits in Angriff genonunener Gebäude zu verbieten, jedoch ist dieser Plan vorläufig noch nicht zur Ausführung gekommen. Die hier herrschende Bestürzung, die die Beschränkung hervorgerufen hat, spottet jeder Beschreibung. Wir hätten nicht geglaubt, eine solche Beschränkung werde sich auch nur eine Woche halten können, und nun besteht sie schon seit Monden und will zu einerdauernden Einrichtung werden, die tausende jüdische Familien unserer Stadt zu Grunde richtet." Ich habe diesen Klagerufen des „Habazelet" wenig hinzuzufügen. Es handelt sich u:n das Wohl und Wehe unserer ohnehin so schwer bedrängten östlichen Glaubensgenossen, deren in Palästina ein noch viel traurigeres Loos harrt als selbst in ihrem Vaterlande. Dieses Mitgefühl für die Leiden der russischen Juden hatte nur damals zu dem Artikel am 10. März die Feder in die Hand gedrückt, und dieselbe Regung drängt mich auch diesmal zur Weiterverbreitung des im „Habazelet" ausgestoßenen Warnnngsrufes. Bernhard Traubenberg. Druck und Verlag von Rudolf Al oste in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwik in Berlin.