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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-21 · Heft 16 (21.4.1893) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 16 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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191 Bartel lacht. „Ist gerad nicht zum Freundlichsten, aber 's stehi ihr — und ich glaube, böse kann der Dirn nicht leicht Jemand sein." Sarah wiegt den weißen Kopf. „Ich muß immer daran denken, daß die Kinder Israels die Töchter der Philister angeschauet haben. Gut's ist nit dabei herausgekommen. Und wenn Gott nur noch einen Wunsch erfüllen will, nachdem er hat gesegnet das Haus der armen Wittwe, Baruch, so läßt er mich schauen mit diesen meinen Augen Dein Weib! Ein Weib, rechtschaffen und brav, wie es wohlgefällig vor dem Herrn — lind laßt mich wiegen auf diesen meinen zittrigen Händen meine Enkel." Und länger wie sonst brennt an diesem Abend das Lämplein im kleinen Laden, und als dann die Drei die wackeligen Stiegen zum Oberstock hinaufstiegen, da haben sie Jeder einzeln für sich die Empfindung, als könne es in der weiten Welt keine glücklicheren Menschen geben als sie es sind. III. Gabriel Schwaderer und der alte Christoph Nanz stehen an der Kegelbahn, aber sie denken nicht daran, wie die Anderen, ihre Kräfte und Geschicklichkeit zu messen, sie haben die kurzen Pfeifen im Munde und schauen stumm hinüber nach der Linde, unter welcher das junge Volk auf kurzgeschnittenem Grase tanzt. Im niederen Saale des Adlerwirths ist's zu schwül geworden, und wahr ist's, das grüne breite Dach ist schöner, und wenn auch die Sonne schon ein wenig warm herabscheint, so ist doch die Luft besser, und Burschen und Mägdlein meinen einträchtiglich, daß „man hier außen besser schnaufen kann". Es ist gerade Pause. Ter blinde Lotter, der Geiger, und der Jockerle, der die Flöte so gut blasen konnte, starken sich an einem Schoppen Wein. Buben und Mädchen schwatzen mit einander. Der Schwaderer denkt, daß sein Dörtle die sauberste von Allen ist. Keine kommt ihr gleich mit so Hellem Haar und lustigen blauen Augen, und keine kann so unbändig lachen, wie sie; ordentlich ansteckend ist das, man muß mitthun! Und der alte Nanz meint, wenn sein Bub' auch nicht der Ansehnlichste ist, denn er ist eher klein von Gestalt und hat eine eingedrückte Nase und zwinkrige Augen, so ist er doch der reichste — und daß er heut nur um das Dörtle herum ist, das gefällt dem Vater ausnehmend. „Der Bub' hat Verstand," sagt er einmal über das andremal zu sich selber, „ja, der hat einen erstaunlichen Verstand." Die anderen Burschen sind dem Dörtle gar nicht genaht, der Christophle hat den Vorrang, wo der sich eine Tänzerin wählt, weichen die Uebrigen zurück — Geld hat's Uebergewicht, das ist wahr, wie's Gernhaben. Dörtle ist das auch wohl zufrieden, ihr ist's vorläufig nur um's Tanzen. Stolz auf Geld kennt sie auch und nebenher denkt sie noch nicht ans Gernhaben und Einer mit einer Platten Nase ist ihr noch so recht, wie Einer mit einer schöneren. Sie weiß, daß die Mädel sie um ihre „Schlupf" neiden, das ist die Hauptsache; die Mägde freilich hätten nie solch eine erlangen können und schauten das Prachtstück nur bewundernd an, aber der Höschlerin ihre Babett', die hat einen wahrhaftigen Zorn, die kann's auch mit Geld erwachen und eine stattliche Schleife haben — ist aber keine solch' zweite im Dorf. „So'n Holldrio!" spricht der alte Christoph, lacht dabei nber's ganze Gesicht. „Ha, i möcht nimmer mitthun," entgegnet Gabril und ruckt mit den breiten Achseln, „aber früher, da ist's freilich anders gewesen!" „O, früher!" bestätigt Christoph, als habe er selber 31t den Hauptkerlen beim Tanz gehört. „Sel! denkt mir noch!" (Forts, folgt.) U Fitterarrsche Mittheilungen. j In der „Collektion Cronbach", dem bekannten verdienstlichen! Unternehmen, welches sich zur Aufgabe stellt, den Antisemitismus dal durch zu bekämpfen, daß sie gemüthvolle Erzählungen aus dem jüdischen - Familienleben auch in christliche Kreise verbreitet, erschien vor Kurzem: j K 0 hn, S. (Verfasser des „Gabriel" und der Prager Ghettobilder") Ter alte Grenadier. — Die fidelen Alten. Erzählungen. Mk 1.50. Sammter, Dr. A., Der Rabbiner von Li eg nit?. Historische Erzählung aus der Hussitenzeit. Mk. 1.50. Die erste Erzählung ist ein wahres Kabinetsstück von Humor. In der einfachen Charakteristik des alten jüdischen Ehepaars, das weltabgeschiedett in rührender Genügsamkeit in feinem böhmischen Dorfe lebt, liegt ein Zauber von Poesie, der auf Jeden wirken muß. Philemott und j Baucis bleiben uns fremde Gestalten; aber Beer und Tina Moriner i treten uns menschlich nahe. Dabei Sprüche praktischer Lebensweisheit, die ihres Gleichen suchen, z. B. S. 53: „Geld is viel, sehr viel: je weniger man davon hat, desto mehr spürt man, wie viel es is, — aber alles is es doch nit!" lieber Sammlers „Rabbi" haben wir schon vor Jahren uns ausge- : sprochen. Zu diesem Roman hat der Verfasser eingehende Studien über die! mittelalterliche Geschichte von Liegnitz angestellt, und es ist ihm wohl-! gelungen, die alte Zeit glaubhaft und anschaulich wieder aufleben zu lassen.! Das Wirken des Rabbi für die Seinen, fein umsichtiges, menschen - I freundliches Eingreifen und Vermitteln bei den Bedrängnissen feiner Glau-! bensgenossen, das glückliche Familienleben in seinen und ihrett Kreisen j kann nur sympathisch berühren. Wir etnpfehlen die „Collektion Cron-! bach" unfern Lesern auf das Wärmste. O. | Das „Statistische Iahrbuch des deutsch-israelitischen! Gemeindebundes" für 1893 ist soeben erschienen. Wir brauchen dieses i schätzbare Handbuch, welches sich bereits sehr gilt eingebürgert hat, kaum i noch zu empfehlen. Ist es ja allen denen, welche sich irgendwie mit Gemeindeaugelegenheiten befassen, als ein unentbehrlicher Wegweiser längst bekannt und vertraut. Auch dieser 8. Jahrgang enthält viele Berbesse- I rungen und Erweiterungen. Der Inhalt gliedert sich folgendermaßen: I Geographisches Verzeichniß der jüdischen Gemeinden im deutschen Reiche I nebst Angabe ihrer Seelenzahl, Vorsteher, Rabbinen, Beamte, Wohlthä- - tigkeitsvereiue u s. w. Alphabethifches Register der jüdischen Gemeinden | (das alphabethische Personenregister ist leider diesmal weggeblieben). : Verzeichniß wichtiger Anstalten und Vereine. Behördliche Entscheidungen! und Verordnungen. In dem Verzeichniß jüdischer Litteraturvereine I vermissen wir diejenigen in Köln, Breslau, Braunschweig, Lübeck, Osterode, 1 Fürth, Essen, Königsberg i. P., Hannover, Mannheim, Briefen, so! daß gerade dieses Verzeichniß sehr unvollständig ist. — Freilich nicht durch die Schuld der Herausgeber, die sich alle Mühe gegeben haben und warme Anerkennung verdienen. ^-Salomo und Sulamit. Eine Dichtung von S. Pick. Dresden und Leipzig 1893. E. Pierson. In bilderreicher Sprache schildert der Verfasser die Sage voll der Liebessehnsucht und dem Liebeswerben König Salomos um die schöne Hirtin Sulamit, die er, von Asmodai in tiefen Traum versenkt, auf blumiger Trift erblickt. 'Auf listige Weise versucht der König das Herz des herrlichen Mädchens ihrem Geliebten, dem Hirten Jochauan, zu entfremden, indem er diesen zur Untreue verleitet. Aber zur Strafe dafür wird Salomo in einen Bettler verwandelt und erst nachdelll er sein Vergehen gebüßt und das Paar sicy aus seinen Zuspruch versöhnt die Hände zum ewigen Bunde gereich! hat, erlangt er seine königliche Macht und Herrlichkeit wieder. — Als Erstlingsarbeit verdient diese Dichtung alle Anerkennung. Diese Verse lesen sich im All genleinen glatt und fließend, mib die sprachlichen Härten, die sich hier und da findelr, vermögell den Genuß des Ganzen nur wenig zll beeinträchtigen. Recht hübsch sind die Schilderungen von der Pracht und dem Glanz des königlichen Palastes, von der Liebe Lllst und Leid, und die lyrischen Intermezzos entbehren nicht einer gewissen Anmuth, wenngleich gerade hier eine größere Sorgsamkeit im Ausdruck sehr am Platze gewesen wäre. Doch trotz der einzelnen Mängel, die wohl jeder erste dichterische Versuch aufzuweisen hat, offenbart sich in der vorliegenden Arbeit eilt unverkennbares Talent, das sich noch ausreifen mtb klären muß, um inhaltsreiche und fonnvollendete Dichtungen von bleibendem Werthe zu schaffen. Wir können dieses Büchlein, das sich auch durch hübsche Ausstattllng auszeichliet, allen Freunden der Poesie empfehlell. .7.

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