Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1893)
- Date
- 1893-04-21
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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190 beginnt zu erzählen. Ein volles Jahr hat die alte Frau den Sohn nicht gesehen, des Reisegeld hat nicht übrig sein wollen — nun ist er ihr im Aeußern fremd geworden, nicht ihrem Mutterherzen. Und während sie ihm zuhört, schaut sie ihn mit leuchtenden Blicken an — immer hat sie ihn im Traum erblickt, aber so nicht, so stattlich und fürnehin. Biel mehr, als aus des Sohnes Briefen, erfährt Sarah jetzt: wie's kann das; er in der ersten Zeit seinem Prinzipal hat einen großen Dienst leisten können, und daß der das nie vergessen hat und ihm darum Schutz und Beistand gewährt und seine Studien unterstützt hat. Und wie jetzt der Sohn des reicheil Mannes, der in fast gleichem Alter ist, hinaus soll in die Fremde, und daß dem Baruch der Vorschlag gemacht ist, ihn zll begleiten und sein Gefährte zu sein bei dem Unterricht. „Schau, Mutter," ruft er mit leuchterlden Blicken, „der Mann lveiß, daß ich einen Trieb habe, weiter zu kommen und die Welt und andere Menschen zu sehen — und daß ich nicht hillter dem Ladentische steh'n lnöcht' mein Leben lang." „Allmächtiger!" sagt die Alte mit zitternden Lippen, „und bist hier ans dem selbigen Lädle — 's kann Eins nit fassen!" „Aber," fährt der Sohn fort, „bedenken soll ich's! Einen vollen Monat Zeit Hab' ich dazll — unb d'rum bin ich hier." Tie weißhaarige Frau hebt die Hände empor. „Ten Sohn der Wittlve will ich über Alle stellen, heißt's — unb die Waisen will ich führen. Und gehalten hat's der Herr, wahr ist's worden." „Ein Gelehrter wirst Du werden," sagt Lea unb weicht schell zurück, ,,1111b ich bin Deine Schwester! O, Bartel!" In Bartel ist Baruch für die Außenwelt verwandelt worden, lveil schon in früher Jugend die Dorfknaben den Kleineil um seines Namens willen geneckt. „Ulld Dein Vater," spricht Sarah wieder, „ist nichts gewesen als ein armer Lehrer unb Vorsänger — und Tu gehst in die weite Welt, da heraus alls dein Stübchen der Wittwe. 's ist zll viel Segen, zu viel!" Der Jüngling läßt mit einem Lächeln all' die Lobpreisungen über sich ergehen. „Mutter," erwiedert er dann, „die weite Welt hat auch Gefahren." Sie schüttelt den weißen Kopf uild meint: „Wenn ein brüllender Löwe umgeht und uils verschlingen lvill, so kann er auch seinen Weg hier ins Torf finden — aber Du, mein Baruch, Du bist der Sohn der Wittlve und wirst leuchten, ein helles Licht unter Deinem Volk!" Der scharfe Toil, lvelchen statt eines Gelällts die zersprungene Ladenglocke giebt, nlacht alle Drei jetzt allfsehen. Das blonde Dörtle ist eingetreten unb steht ein wenig erstallnt vor der Gruppe und betrachtet dieselbe mit ihren leuchtenden Augen, ohne recht zu begreifen, wie ein jo fein gekleideter Herr in solch nahe Berührung mit der alten Judenfrau kommt. Und da ihr im ersten Augenblick nicht gleich eine Aufklärung wird, so tritt sie trotzig einen Schritt vor und begehrt von Lea: Einen guten schwarzen Faden, der nit leicht bricht. Die sonst so sichere Verkäuferin suchte lange unter einem halben Dutzend schwarzer Garnrollen. „Soll ich helfend" fragte der Bruder. Bei dem Klang der Stimme wirst Dörtle hastig den Kops herum, und da Bartel gerade anfspringt, so treffen sich die Blicke der Beiden. „Das ist ja sagt er zögernd. „Ja, i bin's," fallt das Mädchen ein, „ganz leibhaftig bin i's noch — und den Namen, den Du mir ausgefunden hast, schau, den trag' i auch noch mit nur herum." „Dle Eichkatz," spricht Bartel. „Nit zu meiner Freud!" ruft Dörtle zornig, als sie sieht, daß! er denselben noch zu gebrauchen weiß. „Du bist nun freilich ein gar! feiner Herr geworden, wies scheint — aber's könnt mir einfallen, auch einmal über einen Namen nachzusinnen, der für Di passen thät." j „Hast noch immer Dein' alte Art?" sagt Bartel lachend, „bist aber groß und sauber geworden mit Deinen achtzehn Jahr. Schau,; ich kann Dir nachrechnen, weil ich zwei mehr Hab als Du!" Daß sie groß und sauber geworden, denkt Dörtle, braucht er ihr just nicht zu sagen, das weiß sie allein. Sie schüttelt sich und ant- , wartet nichts, als: „0, Du!" „Und in die weite Welt joll er," Frau Sarah kann es nun nicht länger verschweigen, „ein gar gelehrter Mann soll er noch werden, mein Baruch!" Aber das Dörtle giebt gar nicht darauf Acht. „Morgen tanz i im Adler", erzählte sie der blassen Lea, „wird 1 arg lustig werden." Und wie Spott blitzt es aus ihren Augen; das : Mädchen aus dem Judenhäusle holt freilich Keiner dazu. „Ein recht'; bunte Schlupf hätt i auch dazu mögen," sie schaut in dem Laden umher, „freilich die habt Ihr nit — nnd's ärgert mi! Ohn ein biune Schlupf' ist's halt nix mit dem Vergnügen!" Lea wirft dem Bruder einen bittenden Blick zu und geht nach! dem grauen Papier, das des Bartels Gaben enthält, j Da wär' schon eine - eine blaßblaue, wenn die Dir passen thät, i Dörtle -" spricht sie unsicher. Das Mädchen ist pfeilschnell bei ihr. „C, ist die aber prächtig! Schau, wenn das die Mutter wollt,; die thät' mich schon arg freuen," schwatzt es und dreht die Schleife ' hin und her und hätte sich gern damit im Spiegel gesehen, wenn! ein solcher in dem Lüdle nur existirt Hütte. „Ist aber wohl arg! theuer?" fragte sie dann kleinlaut. „Gut arg. Und geh' nur, und zeig' sie auch zuvor der Schwaderin j ermahnte Lea. I Dörtle tippt immer mit spitzen Fingern auf das herrliche Band. „Wenn i sie nit bekomm', da kauft sie sicher die Höschlerin für ihre wüste Dirn und davon hält' i wohl schier den Tod vor Zorn.! Die und so eine Schlupf!" sagt das blonde Mädchen erregt. Lea! schlügt ein Papier zusammen über dem Prachtstück. „Geh' getrost, Dein' Mutter versagt's Dir schon nit." „Glaubst?" ruft Dörtle, und ist dann bereits mit ihrem Schatz j am Ausgang. „Anschaun, das ist ja kein Sünd'." Der scharfe Klang der geborstnen Glocke und fort ist sie. „Dein Schlupf!" sagt Sarah zu der Tochter. „Aber i taug' ja nit, Mutter!" „Freilich," nickt die, „und so soll der Mensch sein, wo's ein! Geschäft gilt, da dran soll er zuerst denken." Lea lächelt vor sich hin, um das Geschäft ist's ihr nicht — aber j sie, die immer still in der dumpfigen Atmosphäre des engen Lädleins lebt, so fern von Allem, was die Jugend erfreut, sie hat eine neidlose Freude an dem Anblick des Dörtle, ihrer Fugendgespielin, welche; sie freilich immer mit derjenigen Herablassung und oft mit dem! trotzigen Uebermuth behandelt hat, der ihr Vorrecht ist, als einziges! Kind des reichen Schwaderer. Warum soll Dörtle nicht mit der Schleife zu Tanz gehn. In i der Lade Lea's hätte die ja für Jahre verborgen liegen können. Bartel hat still den beiden Mädchen zugesehen und sagte jetzt: „Ist ja eine Saubere geworden, die wilde Eichkatz!" „Nit?" fragt Lea, „und eine Lust ist's, sie nur anzuschauen!! So mein i, müssen Bilder von berühmten Malern aussehen; weißt, hast mir einmal ein Buch gesandt, Bartel nein, i mein, solch! Eine müßt Einer gern malen."