Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1893)
- Date
- 1893-04-21
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
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188 zunächst eine bedeutende Einschränkung und schließlich auch eine völlige Beseitigung dadurch erfahren würde. Bleibt nun noch die Abwehr der fremden Armen, welche zunächst mit dem geplanten Hilfswerke in keinerlei Zusammenhang steht, sondern eine Frage für sich bildet und dementsprechend auch eine besondere Lösung erfordert. Ich stimme nun völlig überein mit dem Referenten des oben erwähnten Jahresberichtes, daß wir uns der massenhaften Einwanderung Hilfsbedürftiger aus den östlichen Ländern Europa's so lange nicht werden erwehren können, bis der Druck und die Verfolgung aufhören und den Bedrängten in der Heimath wieder eine menschenwürdigere Zukunft erblühen wird. Alles, was wir daher in dieser Hinsicht zu thun vermögen, beschränkt sich darauf, uns selbst vor den unseligen Folgen der Wanderbettelei zu bewahren und den Armen die Möglichkeit zu verschaffen, daß sie sich eine erträgliche Existenz bereiten. Zahlreiche Versuche sind bereits zur Erreichung dieses Zweckes gemacht worden, aber ohne daß es bis setzt gelungen wäre, einen namhaften Erfolg zu erzielen, und zwar, wie mir scheint, einzig und allein aus dem Grunde, weil man es stets unterlassen hat, eine solche Kasse einzurichten, welche allein schon im Stande ist, die betreffenden Armen nach den von ihnen gewählten Orten oder wenigstens nach einem größeren Centrum jüdischer Wohlthätigkeit zu befördern. Es soll also damit gesagt werden, daß eine Central-Unterstützungskasse eingerichtet werden müßte zur Weiterbeförderung fremder Armen. Erst dadurch würde man sich das Recht verschaffen, an allen anderen Orten die Einwanderer abzuweise». Und wenn dieses Recht auch in Wirklichkeit und hauptsächlich im Anfänge dnrchgeführt wird, so ist es kaum denkbar, daß, wie dies in Württemberg geschehen sein soll, die Zahl der Einwanderer noch zunimmt. Außerdem würde eine derartige Organisation noch den Ungeheuern Vortheil bieten, daß die unlauteren Elemente, die sich ja mit einer gewissen Vorliebe nach dem Elsaß wenden, allmälig wieder von unserem Lande abgehalten würden. Wie man sich nun auch im Einzelnen zu den hier geäußerten Ansichten verhalten mag, die Hauptsache ist lind bleibt stets die, daß wir uns zusammenschließen, denn auch auf dem Gebiete der Humanität kann nur durch Eintracht Großes und Nützliches bewirkt werden. 9 Me Juden und die Herrschaft der Griechen. Von Ernst Renan. (Schlich.» Diese Argumente beschwichtigten durch Jahrhunderte schlecht und recht das Gewissen Israels. Man begnügte sich mit geringem Aufwande, wenn es galt, Jahve's Ehre zu retten. Im tiefen Seelengrunde aber war Israel von heftiger Erregung ergriffen. Die Geschichte des Volkes ist eine tausendjährige Anstrengung, um zur Idee der nachträglichen Entschädigung für erlittene Ungemach zu gelangen. Was gab es in der That Empörenderes, wenn Israel wirklich das nuserwählte Volk Gottes war, als diese Nation allenthalben heidnischer Herrschaft unterworfen zu sehen? Alle Macht Gottes schien lediglich darauf verwendet, die Launen heidnischer Despoten zu ihren Gunsten zu stimmen und ihnen einträgliche Stellen als Intendanten bei den Siegern der Welt zu verschaffen. Das ist wahrlich ein sattsames Spiel. Der arme Sirach ist darüber buchstäblich außer sich. Es stirbt ein Gerechter, dessen ganzes Leben von Ungemach ausgefüllt war. . . Und Sirach hat dafür die kläglichsten Entschuldigungen: „Weiß man, was im letzten Augenblick sich zuträgt? Eine Stunde des Glücks ivischt Jahre des Knnnners hinweg; das verflossene Leid ist nur ein Traum, es existirt nicht mehr." Das klingt nun freilich wenig überzeugend. Aber die Zeiten waren ruhig: man war reich und ohne Sorge. Im Uebrigen gab inmitten des düsteren Lebens der früheren Zeitalter der Judaismus so viel des Glücks, daß man über manches ungeklärte Bioment füglich hinweggehen durfte. Freilich all dies veränderte sich, so wie die Verfolgungen des Antiochus begannen. Da sah man die Abtrünnigen belohnt und die Getreuen für ihre Anhänglichkeit an das göttliche Gesetz den furchtbarsten Foltertod sterben. Wohlan, das >var denn doch zu stark! Die Deutungen, welche bis dahin vielleicht nur ein klein wenig hinkend schienen, wurden plötzlich schlechtweg hinfällig befunden. Wohl fuhr man fort, ganz mechanisch zu wiederholen, daß alles Unglück nur die Strafe für verflossene Sünden des Volkes sei. Aber die abgeleierte Phrase tvollte nicht mehr verfangen. Wie konnte man auch mit dem besten Willen behaupten, daß die Gerechten im gegenwärtigen Leben ihre Belohnung gefunden hätten? Zwischen der Folter und dem Tode, wo gab es einen Punkt, um ihr Paradies dahin zu pflanzen? Nein, nein, das war rein unmöglich! Nicht entlohnt ist hienieden der Märtyrer. Ja, gewiß, daß er entlohnt wird, erleidet keinen Zweifel; dann muß aber diese Entlohnung in einem andern Leben, in einer andern Welt stattfinden... Und so muß es denn ein anderes Leben, eine andere Welt geben, ivo die Herrschaft Gottes zur Wahrheit werden wird. Die jetzt unterdrückten Frommen werden die Könige sein in jener andern Welt, lind die Märtyrer, welche die letztere begründen helfen, sie werden wieder auserstehen. Auferstehen werden sicherlich auch die Bösen; aber im Thale der Hölle, >vo der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. In letzterer Hinsicht gab es übrigens verschiedene Meinungen. Einige behaupteten, die Bösen würden nicht aufcrstehe», ihre Strafe sei die völlige Vernichtung. Durch diese heroische Behauptung hieb sich Israel siegreich aus seiner trostlosen Lage heraus. Nie entwickelte sich ein Dogma in unvermeidlicherer Weise. Der Glaube an die Auferstehung ergiebt sich so logisch aus der Entwicklung der jüdischen Ideen, daß es ganz und gar überflüssig ist, ihm einen fremden Ursprung zuzumuthen. Persien glaubte allerdings viel früher an die Auferstehung, und muß man bekennen, daß das Buch Daniel, in welchem das jüdische Dogma zum ersten Male formulirt ist, zahlreiche Spuren persischen Einflusses aufweise. Aber man rettet sich nicht durch ein Darlehen das Seelenheil. Der jüdische Märtyrer war der wirkliche Schöpfer des Auferstehnngsglaubens. Der Seher von Patmos träumt sein tausendjähriges Reich nur für die Märtyrer, und nur anläßlich der Märtyrer konzipirt Daniel die Nothwendigkeit des Wiedererstehens. Die Zeit der Entstehung dieses Glaubens kann sonach annähernd festgestellt werden. Jesus, Sohn des Sirach, der etliche Jahre vor der antiochischen Krise geschrieben, hat noch keine Idee davon. Der Verfasser des Buches Daniel, der in der Epoche der Unterdrückung lebte, sagt Folgendes: „Und mehrere von Denen, die da unter der Erde schlummern, werden erwachen, die Einen zum ewigen Leben, die Anderen zu ewigem Schimpf und zu ewiger Schmach." Die Sache liegt nun ganz klar. Israel ist bei dem letzten Ziele seines vielhundertjührigen Strebens angelangt: bei dem Reiche Gottes, diesem Synonym der Zukunft, und bei der Auferstehung. Von Haus ans der Idee einer besonderen und den Körper überlebenden Seele fremd, konnte Israel zu dem Dognm des Ueberlebens nur dadurch gelangen, jdaß es den ganzen Menschen zu neuem Leben erwachen ließ. Die Seelen der Gerechte» gehen nicht gesondert von den Körpern derselben. Die Einheit des Menschen war hierdurch besser gewahrt, als durch manche angeblich spiritualistische Schule. Und wo sollen diese Seelen ihre Belohnung genießen? In einem