Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1893)
- Date
- 1893-04-21
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 lungeren Ilnterredniig gewesen, welche der dunrnlige Kronprinz l Friedrich Wilhelm mit bem Geheimrnth Magnns hatte, das; er nicht! den ganzen Inhalt der Unterredung vernehmen konnte, sich aber deutlich erinnere, das; das Thema der Unterredung die antisemitische Agitation betraf und der Kronprinz dabei die Worte brauchte: „Er habe während seiner Anwesenheit im Auslande dort von den hiesigen Borgängen Kenntniß genommen und! sich der Scham nicht erwehren können." Herr Dr. Eumbinner erklärt sich jeder Zeit bereit, diese Aussage zeugeneidlich zu bekräftigen. Tie dritte Beilage ist ein Brief des früheren Abgeordneten; Herrn Dr. Georg v. Baissen und lautet: Albergo d'\nghilterra. N o m, den 3. April 1893. Sehr geehrte Herren! Noch frisch unter dem Eindrücke der Aeußerung Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen, daß Er die Judenhetze als eine Schmach für die Nation empfinde, hat mir Ihr Herr Vater davon berichtet. Das weiß ich bestimmt und zugleich, daß in ganz Berlin Niemand das Wort des Stadtrathes Magnus in Zweifel gezogen haben würde. Die Aeußerung tut Reichstage, daß „das Wort eines Todten" vor Gericht und im Reichstagssaale nicht gelten dürfe, ist, namentlich im Munde eines Geistlichen, meines Erachtens frivol. Aus meinem Briefe vom 20. Juni 1880, der sich im Nachlasse? Ihres seligen Herrn Vaters gesunden hat, wissen Sie, daß die damalige! Frau Kronprinzeß mit Abscheu von der Judenhetze sprach. Einige! Worte, die damals den Schluß Ihrer Aeußerungen bildeten, haften noch i frisch in meiner Erinnerung. Die hohe Frau erklärte, daß dem Krön-! Prinzen wie Ihr Selbst daran gelegen sei, über Ihrer Beiden Ver- ‘ ur 1 heilung der unwürdigen Agitation nirgend einen Zweifel auf- > kommen zu lassen. Was die Pietät Sie jetzt gut thun heißt, erachte ich! zugleich als zum Wohl des Vaterlandes gethan und wünsche Ihrem! Vorgehen, sehr geehrte Herren, den ausgiebigsten Erfolg. Wit den Herrn Dr. Magnus Ganz der Ihrige in Berlin. G. v. Bunsen.; Das Schreiben, auf das hier Bezug genommen wird, ist von hohem Interesse. Es bildet die Anlage 4 und hat folgenden Inhalt: Berlin \\\, 20. Juni 1880. j Maienstraße. j Verehrtester Herr Geheimrath!! Gestern Abend nahm die Frau Kronprinzessin eine Gelegenheit wahr,! von der „Judenhetze" und der „schönen Geduld" zu reden, welche die! Juden an den Tag gelegt. Im Saufe dieses Gespräches habe ich dann; der hohen Frau von Ihrer Absicht, das Lessing-Denktnal zu errichten,! erzählt. Auf meine Aeußerung, daß gerade jetzt der Augenblick mir ge- > kommen zu sein scheine, wo gar Mancher sich freuen würde, seine Ge-! sinnung zu bekunden und damit einer ebenso frechen als unerwarteten! Agitation entgegenzutreten, ging sie lebhaft bejahend ein. „Ich hoffe,! daß man weiß, wie scharf und entschieden der Kronprinz; int b ich sie mißbilligen " :c. . . . Ganz der Ihrige z An den G. v. Bunsen. Herrn Geheimen Kommerzienrath Magnus, hier. Wir haben nie daran gezweifelt, daß der hochselige Kaiser Friedrich die antisemitische Bewegung entschieden gemißbilligt und jene Aeußerung gebraucht hat; und darum halten wir es auch für verdienstlich, daß die Hinterbliebenen des edlen Mannes, dessen Andenken öffentlich geschmäht wurde, keine Mühe gescheut haben, um die Wahrheit an den Tag zu bringen. Denn nur um diese handelt es sich, ja nicht etwa um eine Waffe im Kampf gegen unsere Gegner. Der Antisemitismus ist und bleibt eine Schmach des Jahrhunderts; er wäre es auch, wenn Kaiser Friedrich jenes Wort nicht gebraucht hätte. Er ist es um so mehr, als seine Anhänger es auch nicht verschmäht haben, das Bild des hohen und edlen Fürsten zu entstellen.? Adolphe Franck. Berlin, 18. April. Das französische Judenthum hat einen seiner besten nnd würdigsten Vertreter verloren: am 12. d. M. ist in hohem Alter der gelehrte philosophische Forscher Adolphe Franck in Paris gestorben. Sein Tod hat eine tiefe Lücke gerissen. Wer wird sie ausfüllen? Adolphe Franck wurde am 9. Oktober 1809 in Licvnrl, im nordöstlichen Frankreich, von armen jüdischen Elter» geboren. Er studirte in Nancy nnd Toulouse und war dann Professor der Mornlphilosophie zuerst in Douai, dann in Nancy und Versailles, endlich im Jahre 1840 am College Charlemagne in Paris. Im selben Jahre erlangte er die Lehrberechtigung an der Sorbonne. Im Jahre 1843 mußte er infolge einer Kehlkopfkrankheit seine Lehrthätigkeit unterbrechen. Im folgenden Jahre wurde er zum Mitglied der Akademie der moral-politischen Wissenschaften als Nachfolger von R. Erdwards gewählt, aber erst 1847 nahm er seine Vorlesungen an der Sorbonne wieder auf. Von 1849—52 ersetzte er Barthelemy Saint Hilaire am College cke France als Lehrer der alte» Philosophie. Und 1854 erhielt er einen Lehrstuhl für Naturnnd Völkerrecht als Honorar-Professor an diesem College. Adolphe Franck war ein gelehrter, begabter und fleißiger Schriftsteller. Sein erstes Werk war eine Geschichte der Logik, in Paris 1838 erschienen. Sein zweites Werk galt der jüdischen Wiffenschaft es ist in dieser Beziehung das Hauptwerk seines Lebens geblieben Der Titel lautet: Systeme de la Kabbale ou Ja Philosophie religieuse des Jnit's. (Paris 1842). Die Bedeutung dieses Werkekann nicht hoch genug angeschlagen werden. Zu jener Zeit galt di Kabbala noch in wiffenschaftlichen Kreisen als ein noli ine tangere Adolphe Franck war der erste, der der Geschichte der Mystik sein Studium zuwandte. Ihm folgten erst Landauer, Freystadt und Adolph Jellinek, der 1844 Francks Werk ins Deutsche übersetzte und auch später noch viele werthvolle Beiträge zur Geschichte der Kabbaln geliefert hat. Es wäre übertriebe», wenn man behaupten wollte Franck habe diese Geschichte erschöpfend dargestellt; es fehlten ja dazi fast alle Vorarbeiten. Aber den Grundstein zu dieser Geschichte hin er gelegt, und das soll ihm unvergessen bleiben. Dieses Verdient wurde auch selbst von denjenigen freudig anerkannt, die Francks Grund anschanung, daß die Spure» der Kabbala bereits in der Septuaginta in den Sprüchen ben Siras und in dem Buche der Weisheit z> finden seien, und daß dieselbe aus dem Kreise der zoroastrischei Religio» hervorgegangen, entschieden widersprachen, wie dies vor Allen H. Joel in seiner Schrift: „Midrasch ha Schar, die Religionc Philosophie des Sohar und ihr Verhältniß zur allgemeinen jüdische! Theologie" gethan hat. In einer zweiten, 1889 erschienenen Auflag hat Franck sein Werk nach den Ergebnissen der neueren Wissenschaf vielfach revidirt. (Bei dieser Gelegenheit richten wir die Frage naä Wien: Wo bleibt die sehnlichst erwartete deutsche Uebersetzung dczweiten Auflage?) Die späteren Werke Francks sind durchweg der Philosophie gewidmet. Wir erwähnen nur die folgenden: „Ce conmuuilsine jug> par l’histoire “ 1849. „Reformateurs et publicistes de l’Europe." 1863. „Philosophie du droit penal“. 1864. „La philosophi mystique en France ä la fin du XVIII. siede.“ 1867. „Moralisten et philosophes“ 1871, und besonders sein wichtiges „Dictionaii des Sciences philosophiques“ 1844 —52, 2. Auflage 1875, welcheer in Gemeinschaft mit mehreren namhaften Gelehrten herausgab. Wir wüsten aber noch zwei Schriften ausdrücklich erwähnen, weil er in denselben werthvolle Studien über die Bibel, über die