Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1893)
- Date
- 1893-04-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 16. Berlin, 21. April 1893. Allgemeine eituiig Des AuDentbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav K arpeles. Begründet von Nabtnner Dr Ludwig Phttippson-Äonn. Verlags-Crpedition: Lerlin, Ferusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Nedaktioll und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Die Schmack des Jahrhunderts. — Adolphe Franck. — Die Gemeindesteuer. —' Zur'Kriminalstatistik nach Konfessionen. Von Dr. Heinich Meyer Cohn. — Noch einmal die jüdische Armenpflege in Elsaß-Lo«hvinaeit. Von Dr. M. Ginsburger. - Die Juden und die Herrschaft der Grie- >üen. Von Ernst Renan. (Sckülß). — Feuilletonr Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Vely. iFortschung). -- Litterarische Mittheilirrrgeri. — Lprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Memel. Breslau. Aus Schlesien. Leipzig. Köln. Frautfurt a. M.. Kvlin. Zürich. — Bon Hat) und Fern. — Miscellcn. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Me Schmach des Jahrhunderts. Berlin, 19. April. In der denkwürdigen Reichstagssitzung vom 22. März, in welcher -zum Glück vergeblich — ein deutsches Panama aufgeführt werden ollte, wurde bekanntlich auch eine Debatte über das Wort, welches >er hochselige Kaiser Friedrich einst gebraucht hat, daß der Antisemiismus eine „Schmach des Jahrhunderts" sei, geführt. Das Wort var vom damaligen Kronprinzen dein Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herrn Stadtrath Magnus, gegenüber gebraucht worden. Leit Jahren bemühen sich die Führer der antisemitischen Partei, üese Aeußerung, welche ihnen so unbequem ist, abzuleugnen. In der leichstagssitzung vom 22. März wagte Herr Liebermann v. Sonnen-! erg zu sagen, daß jene Worte „gefälscht und dem hohen Herrn 'älschlich in den Mund gelegt" worden seien. Herr Stöcker ging noch weiter; er behauptete: „Das Wort sei vollständig apokryph." Um .'.un diesen Schmähungen ihres Vaters ein Ende zu bereiten, haben -ie Hinterbliebenen des vortrefflichen Mannes, die Herren Rudolph Magnus, Professor Dr. Paul Magnus und Regierungsrath Ernst Magnus, eine Eingabe an den Präsidenten des Reichstages gerichtet, n welcher es u. A. heißt: „Durch den in diesen Worten liegenden Borwurf der UnwahriGiftigkeit ist dein Andenken unseres verstorbenen Vaters in einer für uns schmerzlichen Weise zu nahe getreten. Zur Charakteristik des verstorbenen, gegen welchen Herr Abgeordneter Stöcker die Worte: . Wenn ein Synagogen-Vorsteher etwas sagt, so ist es darum nicht '.inner wahr" zur Anwendung brachte, gestatten wir uns, ein Schreibeil Leiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen, rveiland Kaiser Friedrichs III., an den Verstorbenen zu überreicheri, in welchem sich der Passus befindet: „Es wird Mir unvergessen bleiben, mit welcher Hingebung Sie unter Meinen Angen seit Jahren für unsere Invaliden und die Hinterbliebenen der zahlreichen Opfer unferer Kriege mitgewirkt, mit welcher Sorgfalt und Liebe Sie ihre Interessen wahrgenommen haben." Trotzdem bereits gerichtlich sestgestellt worden, daß jene Worte, von denen auch uns unser Vater mehrfach Mittheilungen gemacht!iat, thatsächlich gefallen sind, haben wir uns seit jener Sitzung aufs -'!eue bemüht, einen weiterell Beweis dafür zu erbringen. Da die Herren Abgeordnetell von Liebermann und Stöcker ihre Beschuldigungen an einer Stelle vorgebracht haben, wo sie durch die Immunität des Reichstages geschützt sind, so ist uns die Möglichkeit entzogen, auf Grund des 8 189 des Strafgesetzbuches gerichtliche Schritte gegen sie zu unternehmen. Aus diesem Grunde und da die gedachten Beschuldigungen von der Tribüne des Reichstages aus vor dem ganzen Lande erhoben worden sind, dürfte unser Gesuch nicht unbeschelden sein, daß sie auch an derselben Stelle widerlegt werden." Das Gesuch geht nun dahin, dem Reichstag selbst die Eingabe mit vier bedeutungsvollen Anlagen zur Kenntniß zu bringen. Die erste dieser Beigaben ist ein Brief des früheren Chefs der Admiralität und Staatsministers. General v. Sto sch. der folgendermaßen lalltet: Oestrich im Rheingau. Hans Stosch, 27. Marz 1893. Verehr lest er Herr Regierungsrath.' So ungern ich Ihren Wunsch erfülle, mich zu den in der Sitzung des Reichstages vom 22. er. über oder vielmehr in Betreff Ihres Herrn Vaters gemachten Aussprüchen zu äußern, iveil ich mich dadurch in Beziehung setze zu Personen und Dingen, welche mir in der Seele zuwider sind, so muß ich es doch für eine unabweisbare Pflicht erachten, für die Ehre eines Mannes einzutreten, mit dem ich so lange Jahre in geschäftlicher Verbindung gestanden und den ich nur von den besten Seiten kennen gelernt habe. Auf die gestellten Fragen kann ich nur antworten: Bon der Unterhaltung Seiner Kaiserlichen Hoheit des damaligen Kronprinzen mit dem Geheimen Kommerzienrath Magnus nach der Sitzung der Viktoria National-Jnvaliden-Stiftung im Jahre ls8o bin ich nur klugen-, nicht Ohrenzeuge gewesen. Ich weiß nur, daß Herr Magnus unmittelbar nach Fortgehen Sr Kaiserl. Hoheit, den ich bis zum Wagen geleitete, jenen Ausspruch des Hohen Herrn, der die antisemitische Bewegung scharf verurtheilte, seinen Genossen erzählt hat. Nun erachte ich den verstorbenen Herrn Magnus für einen Mann, der ganz außer Stande war, so im Handumdrehen zu lügen und etwas Anderes in ernster Sache zu berichten wie die unbedingte Wahrheit. Ich weiß, daß das geäußerte Urtheil durchaus den Ansichten weiland Seiner Majestät des Kaisers Friedrich ILI. entsprach, und ich kann hinzufügen, daß in den mannigfachen Unterredungen, welche ich mit meinem langjährigen Freunde, dem damaligen Kammerherrn v. Normann, gerade über die Sache gepflogen habe, die guestionirte Aeußerung als von Seiner Kaiserlichen Hoheit gemacht, nie in Zweifel stand. Die Anlagen Ihres gefälligen Schreibens füge ich wieder bei. Hochachtungsvoll ergebenst gez. v. Stosch. An den Herrn Regierungsrath Dr. Magnus in Berlin. Die zweite Beilage ist eine notarielle Aussage des bekannten Schriftstellers Dr. Moriz Gumbinner, in welcher derselbe erklärt, daß er im kleinen Saale des Englischen Hauses in Berlin Zeuge der