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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-14 · Heft 15 (14.4.1893) · p. Seite 180

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 15 (14.4.1893)
Date
1893-04-14
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
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180 und bann brinfl ich sie ihm mit von der Meß' in Weil der Stadt! Und wenn's bis dahin Zeit hat, so können der Herr Gnaden der alten Sarah vertrauen, daß sie wird aussuchen extrafeine, ganz extrafeine!" „So lang hat's freilich keine Zeit," meint der Fremde und bleibt noch immer im Schatten stehen. Lea aber hat lauschend den Kops gehoben, ihre halbgeöffneten Lippen zittern leicht, sie blickt erwartungsvoll auf die Mutter. „Hat's nicht Zeit?" wiederholt die, „das ist nur arg leid, arg leid, das nulß ich schon sagen!" „Mutter!" ruft Lea, wie um sie auf etwas aufmerksam zu machen. „Nun, da benöthigt die Frau Sarah wohl etwas aus meimm Packetle," sagt der Fremde und tritt langsam heran und legt ein graues Papier auf den Ladentisch und zieht den Hut vou den schwarzen Locken. Ta wanken der weißhaarigen Frau die Knie und sie streckt die Arme aus, und Lea kommt herüber unb ruft wieder: „Mutter, Mutter!" „Mein Baruch, mein Kind!" stammelte die Alte, und die Thränen fließen über ihre Wangen. „Soll Gott Dich segnen viele tausend Mal! Bist da hereiugekonunen wie ein Herr imb hat Dich Deine alte Mutter Gnaden genannt — freilich, wie könnt' ich denn wissen, daß mein Sohn hereintritt wie ein Fürst — Baruch, mein Baruch!" Sie streichelt ihm die Wangen und Lea faßt nach des Bruders Hand und sagt: „Ich hab's gleich gewußt, im ersten Augenblick!" „Wie schön Tu bist geworden," rühmt Sarah den Heimgckehrteu, „schön und stark, und sollt' Einer nit glauben, daß Tu bist ausgewachsen da hinter demselben Ladeutischle — o, meiner Seel', ich seh Dich noch, nue Tu kaum hast drüber hinaus schauen können." Mit einer Art vou Ehrfurcht faßt sie über seine Haare, fühlt den Stoff seines Rockes und staunt die Halsschleife an, die er kühn geschlungen hat. „Mein Sohn, mein Baruch!" lForts, folgt.) Sprecht aal. Braunsch weig, 5. April 1SD8. Hochgeschätzter Herr Redakteur! Seit eiuigen Tagen von den hochinteressanten Mittelmeerfahrten des Hamburger Schnelldampfers „Fürst Bismarck" heimgekehrt, kounnen mir die letzten Nummern der „Allgem. Zeitung des Judenthums" zu Gesicht, unb ich ersehe aus ihnen, daß sich darin eine Polemik zwischen den Herren B. Traubenberg und W. Bambus entwickelt hat über die Frage der Beschränkung des Grunderwerbs in Palästina seitens unserer Glaubensgenossen. Durch den Besuch jenes Landes und da ich erst vor ungefähr drei Wochen Jerusalem verlassen und zufällig über diesen Gegenstand Unterhaltungen mit jüdischen und nichtjüdischen Bewohnern gepflogen habe, bin ich nun in der Lage, zur Sache eülige Bemerkungen machen zu können. Man theilte mir in den der Alliance israelite nahe stehenden Kreisen und durch Mitglieder der deutschen Kolonie (besonders ein ans Süddeutschland vor fast 20 Jahren eiugewanderter Weinproduzent christlichen Glaubens) mit, Jerusalem habe in ben letzten Jahren einen sichtlichen Aufschwung genommen, der burd) andauernden Zuzug eine so wesentliche Steigerung der Boden-..und Grundstückswerthe herbeigeführt habe, das; derselbe 3-4 Mal höher als vor 15 Jahren zu erachten sei. Diese Werthverbesserung sei aber nun seit wenigen Monaten nicht nur zum Stillstand gekommen, sondern sogar eine allgemeine Stockung im Grundstücksgeschäft eingetreten, weil Ihatsächlich — vermuthlich um dem immer mehr anschwellenden Zuzug russisch-jüdischer Elemente Einhalt zu gebieten — regierungsseitig erhebliche Beschränkungen im Grundbesitzerwerb de;; Juden auferlegt sind.! Beschränkungen, unter denen naturgemäß die Allgemeinheit leidet; denn! der erwähnte süddeutsche Landsmann, der seit Jahren Weinberge und! Häuser in Jerusalem besitzt, klagte über die Härte und Verkehrtheit jenes Gesetzes uid)t minder wie unsere eigenen Glaubensgenossen. Aller- : dings neigt mau fast allgemein der 'Auffassung zu, das; letzteres über kurz oder lang wieder aufgehoben werden würde, weil die Unhaltbarkeit des neuen Verbots täglich deutlicher vor Augen trete. Bedauerlich ist, daß — abgesehen von zwei in hebräischer Sprache erscheinenden Wochenschriften — keinerlei Zeitungen in Jerusalem erscheinen, sodaß die Wünsche der Presse nur sehr schwach zum Ausdruck gelangen können. Mit größter Hochschätzung Beruh. Mepersfeld.! Ratibor, 22. Mürz. Geehrter Herr Redakteur! s "Alter guten Dinge sind drei — sagt ein altes deutsches Sprichwort,! und um es zum Wahrwort zu machen, ergreife auch ich die Feder und! das Wort zu dem in Nr. 5 und 8 dieser Zeitung angeschlagenen Thema. Tie Ueberschrift aller drei Auseinandersetzungen könnte eigentlich wie die eines Shakespeare'scheu Lustspiels: „Biel Lärm um Nichts" lauten; denn da die Negierungen die Besetzung der jüdischen Gemeindestelleu mit Ausländern verbieten, diese aber meist die Gattung der „sogenannten" Kultusbeamten ausmachen, war die Frage überflüssig. Ter erste Herr Referent hat jedoch in seiner Epistel einen Punkt berührt, der uns Lehrer angeht. Er ist vom Kollegen Reuß in Nr. 8 begonnen, verlangt aber eine Fortsetzung, die zugleich Schluß bedeuten wird. Um die Zukunft der Kultus beamten brauchen die Gemeinden nicht zu bangen. Nunmehr wird auch der ganze Stand au Ansehen und Bedeutung nach außen und innen wesentlich gewinnen Der Geschäftssinn gewisser Kultusbeamten (ich bitte, den Begriff begrenzt zu denke;;), den sie aus ihrer „Jugendzeit" nüt in das neue "Amt gebracht und weiter kultivirt haben (ick) erinnere an den Verkauf vou Kvscherweiu, den Vertrieb vou Loosen, Klavieren und dgl. in Hülle und Fülle mehr), wird nur noch in (trauriger) Erinnerung leben, und die eigenen Gemeindemitglieder wie die Kollegen verwandter Berufsarteu werden eine andere, bessere Meinung von unser;; Kultus beamten bekommen. Aber auch in; innen;, geistigen Leben wird neues Blut pulsiren. "Aus allen Zweigen des Religionsunterrichtsgebietes werden Unrichtigkeit, Halbheit und Disziplinlosigkeit (dies der größte Krebsschadeu) verschwinden, Achtung vor den; Stande und alte, echte Begeisterung für die heilige Sache einziehe;;. Wieso? Weil, entgegen der unberechtigten Schwarzmalerei des ersten Herrn Berichterstatters, genügend geschulte Religionslehrer in kleinen Genieinden (die, nüt den; Wachsen des Ansehens des Standes, diesen; auch ein erhöhtes Interesse und in Folge davon bessere Besoldung u. s. w entgegenbringen werden) gern Einzug halten dürften. Dem Vorwurfe der ungenügenden Vorbereitung in den Seminarien muß ich entschieden entgegentreten Das bin ich der Ehre der Lehrstätte, der ich meine "Ausbildung verdanke, schuldig. Wir haben in Hannover oft und öfters hören müssen, daß wir zu jüdischen Lehrern gebildet werden sollten. Und diesem Ziele entsprach die Fülle der Lehrgegenstände im Hebräischen. In wöchentlich elf Stunden - neben der vollen Zahl der Stunden, die jedes christliche Seminar aufweist — wurde außer Religionslehre, Bibel, Litteratur, Exegese, Grammatik noch reichlich Schulchan aruch und Mischua gepflegt. In der Religionsstuude wurden Aufsätze, die den Charakter religiöser Vorträge tragen sollten, gegeben,;;;;; die künftigen Lehrer zu befähigen, an wichtigen Sabbathen und den Festtagen den Prediger zu ersetzen. (Religiöse Streitfragen, Schaalot und dgl. wird jeder gewissenhafte Lehrer, aber auch jeder Kultusbeamte alten Schlages mit Hilfe eines benachbarten Rabbiners zu lösen suchen!) Rechnet;;;an den; dreijährigen Seminarkursus noch zwei der Präparande, in der schon mit dem Steuern auf das große Ziel begönne;;;vird, hinzu, und erwägt man, daß die Seminarien in Cassel, Cöln und Würzburg Hannover wohl nicht nachstehen, dann darf ich wohl mit Heine fragen: Mein Liebchen, was willst Du mehr? Leopold Katz, Lehrer. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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