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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-14 · Heft 15 (14.4.1893) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 15 (14.4.1893)
Date
1893-04-14
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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178 eine ganz und gar sinnlose gewesen. Für den Menschen giebt es! kein anderes Leben, als dasjenige ans Erden. Tie allen Semiten i betrachteten als Ehimäre alle Vorstellungen anderer Böller über i das jenseitige Leben. Sie waren dabei geleitet van einem gewissen hon sens und auch von dem erhabenen Bilde, das sie sich von der Größe Gottes gemacht. Gatt allein ist ewig, der Mensch aber lebt; nur einige Tage. Ein unsterblicher Mensch wäre sonach ein Gott, eine Rivale Gottes, eine Unmöglichkeit. Der Mensch vermag sein ' flüchtiges Dasein lediglich durch seine Kinder und in denselben zu verlängern oder etwa durch eine Denkfaule (Sem), welche seinen Namen im Stamme verewigt. Nun begegnet aber die Annahme, als werde jegliche Tugend gleich hienieden belohnt, Einwürfen, die schlechterdings uuwiderleg- : bar sind. Auch ist diese Behauptung thatsächlich eine unwahre. In der Wirklichkeit, welches Zeitalter und welche Gesellschaft man auch; ins Auge fasse, erscheint die ausgleichende Gerechtigkeit häufigen Verletzungen ausgesetzt. Ja, in den sozialen Wissenschaften besser als j die Alten bewandert, können wir sogar weiter gehen und sagen, daß i dein uothwendig so sein müsse. Tie Ungerechtigkeit liegt in der | eigentlichsten Natur der Tinge. Auch wenn wir die vollkommenste Gesellschaft und die bestentwickelte Medizin setzen, bleibt nod; immer der Zerfall übrig, der durch keinerlei Gerechtigkeit regiert wird. Es stirbt ein Mensch, weil er aus Tpferwillen einen andern retten wollte; Niernand kann nun behaupten, daß die absolute! Gerechtigkeit der realen Welt sich im Einklänge mit diesem Menschen! befinde. Das alte Israel bot alle Soplnsrneu auf, um aus j dieser Sackgasse herauszukommen. In Urzeiten behalf nran sich mit! der kollektiverr Gerechtigkeit. Tie Söhne werden gestraft für die! Verbrechen ihrer Pater; ein Polt muß sühnen die Missethaten einiger seiner Mitglieder. Aber diese Gerechtigkeit ist eine so schlissige,! daß selbst die orthodoresten Juden mit der Zeit ihr entsagen mußten. Hiob erklärt, daß der leidenschaftliche Mensch, dessen Kinder wenig geachtet werden, in Wirklichkeit ungestraft bleibe, da er nach seinem Tode nichts davon wisse; er selbst hätte der Zeuge seiner eigenen! Schmach sein sollen. Ezechiel wirst die kollektivistische Theorie vollständig über Bord und erklärt, es werde Jedermann für seine eigenen Handlungen bestraft oder belohnt. Man war zu seiner Zeit! in außerordentlich brüchige Spekulationen verstrickt. Zuweilen wurde! einfach die Thatsache geleugnet. Ein Psalmist behauptet, Zeit seines i langen Lebens niemals gesehen zu haben, daß der Sohn eines Ge-; rechten! sein Brod verdient habe. (?) Bald wieder suchte man Unter-! scheidungen anfzustellen. Es ist wahr — sagten die Weisen —, der ' Gerechte ist häufig arm, aber besser als der durch Böses errungene Reichthum ist das Glück mit geringen 'Erdengütern. Jener Reichthum verflüchtigt ja gar rasch! .... Bald wieder warf man sich in die Mysterien des menschlichen Gewissens und man grübelte über Sünden, die man unbewußt begangen haben mag. Gott sei ein so > strenger Richter, daß er selbst in den scheinbar tugendhaftesten Menschen Sünden entdecke. Hierzu kam noch die Theorie von vor-! übergehenden Prüfungen. Gott gefalle sich zuweilen darin, seinen i Dienern Prüfungen aufzuerlegen; aber er mache das Hebel! rasch wieder gut, das er ihnen zugefügt. Man kombinirte alle nrög-! lichen Fülle. Hiob, ein vollkomnren gerechter Mensch, wird durch! entsetzliches Unglück betroffen, doch giebt ihm Gott spater die ver-! lorenen Reichthümer in verdoppelter Menge wieder: statt dreitausend! Kameele hat er deren sechstausend; statt sieben Söhne hat er deren! vierzehn; und er stirbt im Alter von 120 Jahren, satt an Tagen.! Das Mißgeschick des Tobias ist ein noch unverdienteres, denn es! ereilt ihn mitten in der Ausiibung einer guten That. Aber er hat! ebenfalls keinen Grund zur Klage; denn er wird geheilt, er sieht! seinen Sohn glücklich verheirathet und die höchste Freude ist ihm bescheert, indem er den Untergang Ninive's, des Widersachers seines Geschlechts, erlebt; auch stirbt er gleichfalls in sehr vorgerücktem Alter. Judith sieht sich nach ihrer heldenmüthigen That entschädigt durch das Glück ihres Volkes, durch die ihr erwiesenen Ehren; auch sie erlebt ein Alter von 120 Jahren. Auf dieselbe Art legte sich Israel die Prüfungen aus, denen es im Laufe seiner Geschichte ansgesetzt gewesen. Die furchtbaren Heimsuchungen, die es erdulden muß, kommen zweifellos von seinen Sünden her; sie sind die Züchtignngen eines Paters, der da geißelt, weil er liebt. Aber die Zukunft wird dem jüdischen Volke, wie dereinst dem unglücklichen Hiob, reiche Entschädigungen bescheeren. Die Welt, die gegenwärtig seinen Widersachern gehört, wird eines Tages ihm gehören; die Völker, die es heute verachten, werden eines Tages sich ihm unterordnen. (Schlnß folgt.) d FEUILLETON Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Vely. (Fortsetzung.) Der Baller richtet seine untersetzte Gestalt zu inöglichster Höhe au' und schlnuuzelt. „Schwätzen und schwätzen ist ein Unterschied — der Eine laun's. beim Andern langt's nimmer! Also soll's Kind da heim bleiben?" Längst schon hat Törtle den blonden Kopf einporgehoben und die rührigen Finger still gehalten und gelauscht und jetzt ruft'^ „Was ist? fort senden wollt Ihr mi? Ja, seid Ihr denn auf eiuma so gar hartherzig geworden, Herr Pater und Frau Mutter? In bii Stadt 'nein sollt i, wo's mir nimmer gefallen that und wo i m sehnen thät nach Euch zuerst und nach der alten Eich' und den Kühen lind Hühnern und dem Mäusle da - - ja. und auch nach denl gallzen Dorf, selbst das Binele, das gehört einmal dazu. Nein, das tonn Ihr nimmer wollen, das wäre mein Tod!" Sie hat das hastig gerufen und die Schwaderin hat dazll geniä lind Eabril gelächelt, Mäusle, als verstände sie auch etwas davon ein leichtes Miau allsgestoßen, nuv das fahle Gesicht vom Binele in ullverändert geblieben, während Hannele, die doch nicht einmal in begriffen war, vor Rührung die Schürze an die Augen hält. Und bann springt Törtle auf und läuft erst zum Pater uik blickt ihm ins Gesicht und huscht darauf zur Mutter und legt ihr Wange an die hagere derselben und fragt wieder: „Gelt, das kann doch nimmer sein? gelt, das könnt Ihr gar nit wollen? Ist nirgend-, in der Welt so schön wie hier und ist Keiner so gut, wie Ihr!" Tie Bäuerin streichelt sie wieder. „Hab nit Angst — bleibst hier — Dein Lebtag bleibst auf beis Schwaderer Grund und Boden." „Nit einmal ansznfreien brauchst aus dem Haus," fügt Gabrn hinzu. „Tu kannst Dir einen Manu hereinlallgen! Ja, das kannst. Und das Törtle schmiegt sich rlm so enger an die Bänrin um blickt mit den großen blauen Augen zu ihr ans. „'s ist ganz gewm 's war mein Tod — i weiß!" Ter Bauer hat zwei neue Gällge durch die Stube gemacht nn ’ bleibt dann wieder neben den Beiden stehen. „Ja, Madele, Freier wollen sich bald silldeu," meint er. „Ta? Gütle thät schon Einem ansteh'n — und 's Mädele allch!" Weder die Bäuerin noch das Törtle antworteten baranf, ft' sind zu sehr mit einander beschäftigt.

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