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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-14 · Heft 15 (14.4.1893) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 15 (14.4.1893)
Date
1893-04-14
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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174 ein Stück ein. Zwischen den gesetzlich rezipirten christlichen Konfessionen und der jüdischen Konfession setzte man Schrnnken, und man richtete eine Scheidewand auf, um die jüdische Konfession unter das Niveau der anbera Konfessionen zu degradireu. Auf dieses Gesetz basirte das Verbot, als ungarischer Staatsbürger zum jüdischen Glauben übertreten zu können. Die empfindliche Kränkung, welche dieses Gesetz der jüdischen Konfession zufügte, liegt in dem Umstande, daß die Gesetzgebung von „gesetzlich rezipirten christlichen Konfessionen" spricht und die Bekenner der jüdischen Konfession als solche in das Mittelalter zurückdrangt. Ten schroffen Gegensatz zwischen diesen beiden Gesetzen erkennend, sprach sich die Gesetzgebung für die allgemeine gesetzliche Regelung der Gleichberechtigung aller Konfessionen aus, die aber noch immer nicht erfolgte. Schmerzlich und empfindlich waren die Kränkungen, denen unsere Glaubensgemeinschaft seit dieser Zeit in Ungarn ausgesetzt war. Es würde den Rahmen eines Zeitungsartikels weit überschreiten, wenn wir diese Kränkungen und Eruiedrigungeu im Einzelnen auffiihren wollten. Es mögen daher nur die folgenden Andeutungen genügen. Bei der Reorganisation des Tberhauses im Jahre 1885 wurden die Vertreter der jüdischen Konfession übergangen; die Abordnungen der jüdischen Gemeinden können nid)t tit der Reihe der Konfessionen vor dem Throne des Königs oder bei sonstiges! offiziellen Kundgebungen erscheinen; die Behörden huldigen jener Auffassung, daß in den Gesetzen, in welchen von einzelnen Konfessionen die Rede ist, die jüdische Konfession, als nicht rezipiere, nicht mit inbegriffen sei n. s. w. So ist es kein Wunder, daß die ungarischen Juden den sehnlichen Wunsch hegten, ihr religiöses Bekeuntniß als völlig gleichberechtigt anerkannt zn sehen. Die jüngere Garde der jüdischen Schriftsteller, mit dem verdienstvollen Dr. Wilhelm Vnzsonyi-Weißfeld an der Spitze, brachte vor Jahresfrist ein frisches kräftiges Leben in da-? ungarische Israel, welche? nun, unterstützt von der ganzen Presse und allen politischen Parteien Ungarns, für die Gleichberechtigung der jüdisch.'N Konfession mit beit anderen rezipirten Konfessionen wirkt. Man muß anerkennen, das; die Bewegung das ihr gesteckte Ziel mit hohem Ernste, mit voller Kraft und Begeisterung verfolgt hat, so das; die Regierung die Durchführung der Rezeption in ihr kirchenpolitisches Programm ausgenommen hat. Die einzelnen Phasen der Bewegung sind den freundlichen Lesern dieser Zeitschrift aus meinen Berichten zur Genüge bekannt. Die bemerkenswerthe Bewegung, wie sie durch den begeisterten Tr. W.Vüzsouyi eingeleitet wurde, ist noch lange nicht zu Ende. Es war unvermeidlich, das; die widerstrebenden Anschauungen des Episkopats, eines Sheilcs des Dberhauses und der liberalen Regierung in den härtesten Widerstreit gerierhen. An eine Vermittelung, an eine Verschleierung der Gegensätze, geschweige denn an eine Ausgleichung derselben ist kaum zu denken. (Bergt, hierzu die heutige Korrespondenz Budapest.) Isak Ilse Mannheimer. Von Emannel Baumgarten. (5'in iicucsj Jahrhundert entwindet sich dein Mutterschooße der Zeit. Tie Geburiswehen äußern sich altenthnlbeii. Wie jedes große Ereigniß, wirft die bevorstehende Geburt ihre Schlitten voraus. Dem werdenden Satulnm geht, wie der Schöpfung, das Tohuwabohu, Wirrnis; vorher. Als vb im ordnenden Gange der Welterscheinungen der Wechsel von Evolution und Revolution, Fortschritt und Reaktion, Licht und Finsternis; nnavweiSliches Naturgesetz wäre. In den Hnninelshöhcii thront der Lenker der Geschicke des Weltalls. Er sendet seine Boten aus. „Ihr Heereskontingent führt er an und ruft sie alle mit Namen." Sie sind seine Sendlinge, uw den verdunkelten Geist aufzuhellen, die Verwirrung zu bannen, Rech; und Gerechtigkeit zur Herrschaft zu verhelfen. Die Grenzscheide des Jahr Hunderts wird durch das Erscheinen von Männern markirt, deren Gestalt vor den Zeit genossen hoch emporragt durch Veranlagung und Verdienst Eine solche Gestatt ist Isak Noä Mannheimer. Mannheimer erblickte am 17. Oktober 1793 das Licht der SQBdf. Wie in der politischen und sozialen, so regte sich an der Wend. des vorigen Jahrhunderts in der jüdisch-kulturellen Welt der Geis der Verneinung gegen Stiles, was nicht vom menschlichen Verstand seine Sanktion erhalten hatte; der Nationalismus erhob sein Haupt. Das Bestehende, dem nur die Ueberlieferung die Existenzberechtigung gab, ward in seinen Grundfesten erschüttert; Inhalt und Form dejüdischen Kulturlebens sollte sich unterordnen den Aspirationen devon neuen Anschauungen durchtränlten Zeit. In dieser Weise gestaltete sich die geistige Atmosphäre, in welche; sich der Werdeprozeß einer Heranwachsenden Generation vollzog. Mannheimer gehörte dieser an. Elementar gelangte die ganze Gewalt seiner Individualität zun Durchbruche. Alles an ihm war ursprünglich. Damit erklärt [id auch die erquickende Wärme, welche seinen Lippen entströmte unl zauberhaft mächtig auf Alle wirkte, welche seinen Worten lauschten Wie er — nach seinen eigenen Worten — die Propheten zu seine; Meistern sich erkoren, so ist sein Mund von dem Feuer begeisterter u»i begeisternder Beredtsamkeit berührt worden, welches dem Altar innere; Weihe entnommen war. Es sei bei diesem Anlasse sofort der Ansicht entgegengetrcten daß Mannheimer „in den Spuren protestantischer Homiletik ein herging", vielmehr bildeten „Gottes Wort", „die Bücher de Weisen" seines Volkes, „die Geschichte" seines Volkes, „da j Leben" seines Volkes die unerschöpflichen Quelle» für ihn, aus beiter | er schöpfte. „Vom eigenen Gute zehren," sagte er, „ist immer besser; als vom Almosen leben, und de» eigenen Boden anbauen, innnc j besser, als ans fremdem Grund und Boden eine dürftige Aehrenles halten." Und was die Form betrifft, perhorreszirt er jedes Aneigner einer uns nicht ganz eigenthümlichen Form. Goldene Regeln sin es, die er in dieser Richtung denen giebt, die mit ihm und nach ihr diesem heiligen, segensreichen Berufe sich widmen. In den Kampf der Parteien, von denen die Einen in der „Zer störung und Verwüstung des Ueberkommenen und Ueberlieferten, nick in seiner Auferbauung und Verklärung das Heil erblicken", die A» deren „mit den Mumien der Vergangenheit einen Götzendienst treibe; und sie wie ein Heiligthum hegen", diese das Licht auslöschen, jen es nicht anzünden, sucht er schlichtend einzutreten. Als Verrat; an uns und unserem Volke, an Gott und der ewigen Wahr heit sieht er es an, mit einem Federzuge die ganze Vergangenhe; Israels oder ein paar Jahrtausende, die in der Mitte liegen wegzustreichen, unr von heute ein neues Leben anzufangen, das nw dem Gestern und Ehedem in keinem lveiteren Zusammenhänge steh! Darum spricht er der Entfremdung im Geiste, der flache», schöngeistige; Richtung ebenso wenig das Wort, als den bodenlosen Theorien der verknöcherten Alterthümlichkeit, mit der Andere wieder ihre Blößen decken Darauf-muß Bedacht genommen werden, und dahin alles Streben der dazu Berufenen sich richten, „das Judenthum als solches zn lehren, es in seinem Geiste zu vertreten und mit seinen Segnungen die Herzen zu füllen, die Seelen zn-gewinnen, um sie ihm in Wahr Hastigkeit zuzuführen". Kaum zwanzig Jahre alt begann Mannheimer seine Wirksam keit. In seiner Vaterstadt Kopenhagen erregten seine Vorträge da-

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