Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-07 · Heft 14 (7.4.1893) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 14 (7.4.1893)
Date
1893-04-07
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228001--49686-3271263
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

4 hinterher, während der Vertreter des Staatsanwalts von Zeit zu Zeit ausstieg und sie zürn Auseinandergehen zu bewegen versuchte. Und was stellte sich schließlich als Ursache des ganzen Aufruhres heraus? Raphael Monsypör hatte zwei Tage vorher ein kleines Gefäß, das er gekittet, zürn Trocknen herausgestellt Die beiden kleinen Kinder des Nachbarn Epitos, von denen das größere kaum ein Alter, von acht Jahren hatte, versuchten dasselbe heinrlich wegzunehmen. Der Handwerker lief den Kindern nach und rrahur ihnen den Gegenstand wieder ab, allein nach einer Stunde war er wieder verschwunden. Als er gestern früh die Kinder wieder Vorbeigehen sah, hielt er das eine fest, bis das andere das entwendete Objekt wiederbringen würde. Sogleich erhoben die Kinder ein großes Geschrei, das die Aufmerksamkeit der Nachbarn erregte. Für den besagten Tischler genügte dies, die obige Fabel zu verbreiten." Uon Nah und Fern. — Der Antisemitismus hat in der abgelaufenen Woche wieder schöne Blüthen gezeitigt. Die schönste war die Rede Schw ennHägens über den Jnvalidenfonds, in der er erzählte, daß Finanzminister Miquel (Miguel) von portugiesischen Juden abstannne und daß das deutsche Volk sich weder „von dem Portugiesen Miquel noch dem Italiener Caprivi regieren lassen werde." — Dr. Böckel hat sich von dem Ahlwardtismus im „Reichsherold" losgesagt. Er kündigt dabei an, daß es jetzt heiße, nachdem man mit dein durch Ahlwardts Auftreten gerichteten und verurteilten Antisemitismus zu Ende sei, „zu retten, was zu retten ist" und eine „nationale Volkspartei" zu schaffen. — Die Böckelsche Richtung des Antisemitismus, welche in dem mitteldeutschen Bauernverein ihre Centralisation hat, null bei den nächsten Wahlen in 15 Wahlkreisen eigene Kandidaten aufstellen. Von den in Aussicht genommenen Wahlkreisen sind 4 von Freisinnigen, 4 von Nationalliberalen, 2 von Sozialdemokraten, 2 von Konservativen und 3 von Antisemiten vertreten. Die Liste bestätigt, das Dr. Böckel sich gegen Stöcker im Wahlkreise Siegen wenden will. — Interessant ist es, daß die antisemitische Bewegung der siebziger Jahre im Wahlkreise Arnswalde-Friedeber g, der jetzt durch Ahlwardt vertreten wird, begonnen hat. „Der damalige Reichstagsabgeordnete von Wedemeyer-Schönrade trat 1871 sein Reichtagsmandat an den Stadtgerichtsrath Wilmanns in Berlin ab, den Verfasser der ersten größeren antisemitisch-agrarischen Agitationsschrift „Die goldene Internationale und die Nothwendigkeit einer sozialen Reformpartei". Wilmanns siel 1874 bei der Reichstagswahl durch. — In Grandenz starb im Alter von 67 Jahren der Geheime Sanitätsrath Dr. David Wiener, der sich durch Schriften zur gerichtlichen Medizin und zur Medizinpolizei einen Namen gemacht hat. Hervorzuheben sind von seinen Veröffentlichungen sein „Handbuch der Medizinal-Gesetzgebung des Deutschen Reiches und der Einzelstaaten" (1885-1889) und die „Sammlung gerichtlich-medizinischer Obergutachten" (1890). In Betracht kommen weiterhin noch Beiträge von Wiener in der „Deutsch, mediz. Wochenschr.", deren sanitätspolizeilichen Theil er eine Reihe von Jahren hindurch gemeinsam mit Paul Boerner leitete. Wiener stand seit 1862 im preußischen Medizinaldienste. Er war zuerst Kreisphxffikus in Kulm zuletzt bekleidete er das Physikat des Kreises Graudenz. — Gegenüber der Nachricht, der Vortrag Ahlwardt in Dresden sei mit Rücksicht auf die Charwoche verboten worden, erklärt das amtliche „Dresd. Journ.", daß die Gründe für das Verbot nicht in den Bestimmungen über die Eharwoche, sondern ausschließlich in der Person des Herrn Ahlwardt liegen. Was der Abgeordnete für Friedeberg beiläufig in seinen Wanderreden leistet, ist cnt§ einem Bericht des „Freiberger Anz." zu entnehmen, nach dem Ahlwardt in Freiberg öffentlich gesagt haben soll, die besten Zeugen habe ihm Loewe abgekauft, ihm selbst sei von jüdischer Hand ein Schweig egeld von 360,000 Mark angeboten worden, das er abgelehnt habe! Es dürften sich aber kaum zahlungsfähige Menschen finden, Herrn Ahlwardt irgend ein, sei es auch hundertfach geringeres Schweigegeld zu bieten, und zwar ans verschiedenen Gründen. — Der Mendelssohn-Verein in Dresden, zu dessen Mitgliedern auch König Albert und Prinz Georg, sowie noch eine Anzahl angesehener Christen zählen, hat auch im abgelaufenen Rechnungsjahre wieder Studirende der Medizin, Theologie, des Kunstgewerbes, des Konservatoriums, sowie Handwerkerlehrlinge unterstützt uud auch Darlehen zur Unterstützung von Geschäfts- resp. Gewerbetreibenden gewährt, -r- Der Xantener Knabenmord wird demnächst in Leipzig wieder die Oeffentlxchkeit beschäftigen. Es handelt sich um eine Beleidigungsklage gegen den Redakteur Schroot der „Neuen Deutschen Zeitung", welche bald nach dem Morde eine Reihe gehässiger Artikel brachte. Der Termin findet am 12. k. M. statt. Als Zeugen sind die Herren Bürgermeister Schleß, Küppers und Mölders aus Xanten geladen. Die von der Vertheidigung beantragte Ladung der in dem Verfahren betheiligten richterlichen Personen ist abgelehnt. — Aus den jüngsten Verhandlungen des, evangelisch-sozialen Kongresses in Elberfeld heben wir hervor, daß I Pastor Naumann-Frankfurt a. M. in seinem Referate über die Grundlinien für ein christlich-soziales Reformprogramm eine Reihe von Thesen aufstellte, worunter sich die folgenden befanden: 1. Die Religionsfreiheit muß auch gegeuüber den Juden streng gewahrt werden. 2. Der Kern der sozialen Frage ist nicht die Judenfrage. 3. Wir wünschen, daß die Erziehung, Leitung und Beeinflussung unseres Volkes im christlichen und deutschen Geist gehalten sei. 4. Di? bürgerlichen Rechte der Juden müssen ungeschmälert bleiben. — Der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Köln hat die Saison 1892/93 abgeschlossen und ist zu sehr erfreulichen Ergebnissen gelangt. Die Saison begann gleich nach den Herbstfeiertagen, am 17. Oktober 1892 uno endete am 27. März 1893. Während dieser Zeit fanden 16 Wochen-Versammlungen und 5 große Vortrags-Abende statt. Es steht zu erwarten, daß der Verein die neue Saison mit einem Bestände von 500 Mitgliedern eröffnen wird. Der Kölner Verein ist schon jetzi der größte in Deutschland. — Im Logensaale zu Lübeck sprach an- 19. d. M vor einem zahlreichen Publikum Rabbiner Dr. Stern aus Kiel über „Venedig und Neapel", als zweiten Theil seiner „Bilder und Eindrücke aus Italien". — Es erregt in Nürnberg großes Befremden daß dort von den Nationalliberalen ein Antisemit als Kandidat für dir Landtagswahlen aufgestellt wird. — Baron Albert R othschild spendet? am Todestage seiner Frau 500,000 Gulden zur Gründung eines Spital? für Krebskranke. Baronin Rothschild starb vor einem Jahre an Krebs — Ter Kaiser von Oesterreich hat die neue Verfassung für die Protestanten Augsbnrgischer Konfession, wonach vor einem Pastor geschloffene Misch ehen zwischen Juden und Protestanten rechtsgiltig sind, genehmigt. — Die italienischen Juden haben durch den Tod des Baron Giuseppe Treves de Bonfili einen schweren Verlust erlitten. Verrnöge seines Reichthums, von dem er sehr freigebigen Gebrauch machte, vermöge seiner sozialen Stellung, seiner Theilnahme, die er den jüdischer: Interessen überall engegenbrachte, gehörte er zu den bedeutendsten Juden Italiens. Er wurde in Padua in: Jahre 1818 geboren. 1866, nack der Einverleibung der Provinz Venedig in das Königreich Italien, fjatte er die Ehre, den König Victor Emanuel in seinem Palast? hx Venedig zu empfangen Unter den vielen Instituten, di? er ins Leben rief, ist das wichtigste das Rabbiner-Seminar. - Eine junge jüdische Bildhauerin, Fräulein Theodora Cohen, mach: gegenwärtig in Florenz viel von sich reden. Ihre Erzeugnisse erfreuen sich des Beifalls großer Meister. — Nach offiziellen Berichten betrüg! die Zahl der im Jahre 1892 zum Militärdienst in Rußland inskribirten Juden 50,224 von der Gesammtzahl 881,681. 15,438 Juden sind ein gestellt, eine Zahl, die aufs entschiedenste den Vorwurf der Kriegs untauglichkeit der jüdischen Jünglinge widerlegt. — In der Ortschaft Zabrucze, Gouvernement Minsk, wurden zwei jüdische Familien. Abrahamowitsch und Rybinski, im ganzen 12 Personen, Nachts von! Räubern überfallen, ermordet und des Geldes beraubt. Das Han.'! wurde in Brand gesteckt. Die Mörder sind entflohen. — In Wilna! ist kürzlich der bekannte jüdische Publizist E. M. Dick im Alter von! 82 Jahren gestorben. Derselbe hat mehr als zweihundert Schriften in: E Jargon zur Volksbelehrung herausgegeben; mehrere derselben sind sogar j ins Russische übersetzt worden. — Rudolf Virchow hat eine Adresse! des „Makkabäer-Klub" in London, der ihn gu einem Festessen einlud, in einem sehr anerkennenden und liebenswürdigen Schreiben beantwortet. — Das neue Ministerium für Queensland in Australien hat auch eineu Juden in seiner Mitte. Isidor Lissner ist in demselben Sekretär der Minen und öffentlichen Arbeiten. Es ist dies der zweite Jude im Staatsdienst Australiens. Die Ernennung von A. I. Jsaacs zum Generalstaatsanwalt von Victoria haben wir bereits früher berichtet. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion- Mar Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.