Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Der Oberbürgermeister überbrachte selbst demselben das Ernennnngsdiplom unter ehrender Hervorhebung dessen bedeutender Verdienste um die Mitmenschen. — Gut hat sich auch eine Einrichtung bewährt, die anderen Gemeinden, in denen kein Rabbiner fungirt, zur Nachahmung empfohlen werden könnte. Die jüdische Gemeinde läßt nämlich alljährlich zum Sabbath vor dem Peßachfeste einen auswärtigen hervorragenden Rabbiner kommen, dem die Aufgabe zufällt, in der Synagoge eine Predigt zu halten, an der jüdischen Neligionsschule die öffentliche Prüfung abzunehmen sowie den Gemeinde- und Schulvorstehern über kulturelle und Schulangelegenheiten zur Hand zu geben. Seit mehreren Jahren unterzieht sich Herr Rabbiner Dr. Janlus aus Aachen dieser Aufgabe. K ftpltt, 31. März. Gestern machte der Rabbiner der Synagogengemeinde, Herr Dr. Frank, dem Kardinal Krementz seine Aufivartung und überbrachte demselben die Glückwünsche zur Berufung in den höchsten Rath der katholischen Kirche. Dr. Frank wies in seiner Ansprache darauf hin, daß seine Glaubensgenoffenschaft innig theilnehme an den Sr. Eminenz gewordenen hohen kirchlichen Ehren, in dankbarer Erinnerung an die Sympathie, die der Kardinal anläßlich der russischen Judenverfolgungen mündlich und schriftlich bekundete. Er hoffe, daß, wie bisher, Sr. Eminenz darüber wachen werde, daß der Frieden und die Eintracht in der Kölner Diöeese zwischen den Konfessionen nicht gestört werden und flehte zum Schlüsse den Segen Gottes auf das ehrwürdige Haupt des Kardinals herab mit dem hebräischen Latze: "H- Der Kardinal dankte in der freundlichsten Weise und sagte u. A. wörtlich, er werde nach wie vor ein Schirmer des Friedens zwischen den Konfessionen sein; mögen wir in unserer religiösen Ueberzeugung auseinandergehen, das mag jeder Mensch mit seinem Gott abmachen, aber die Menschen sollen in Werken der Menschenliebe und Tugend wetteifern und in Ruhe und Frieden, trotz verschiedener religiöser Anschauungen, sich aussprechen. Nachdem Se. Eminenz sich noch mit großer Theilnahme nach dem Schicksal der russischen Juden erkundigt hatte und mit großem Interesse die leider nicht günstigen Nachrichten, die aus Rußland kommen, angehört hatte, verabschiedete sich derselbe, indem er dem Rabbiner freundlichst die Hand reichte. h. Karlsruhe, 3. April. Vor Kurzem hat unser bisheriger Rabnner, Herr Dr. Ad. Schwarz, nach 18jähriger Thätigkeit sein Amt niedergelegt, um die Leitung eines in Wien neu zu begründenden Rabbinerseminars zu übernehmen. Nur mit tiefem Bedauern haben wirken verehrten Seelsorger, der hier Jahre lang so gedeihlich wirkte, scheiden gesehen. Vor seiner Abreise hatte Herr Dr. Schwarz beim Großherzog?ine Abschiedsaudienz, bei welcher der edle Fürst folgende Worte sprach: Sagen Sie den Ihrigen und nehmen Sie die Ueberzeugung n Ihren neuen Wirkungskreis mit: auch in diesen tiefbewegen Zeiten — Sie verstehen mich wohl - bleibt in Baden Alles beim Alten." Sie werden gewiß mit mir darin übereinstimmen, )aß diese Aeußerung unseres Landesherrn, wodurch seine Stellung zum Antisemitismus scharf sich abgrenzt, wohl in dieser Zeit sehr bedeutungsvoll ist. Von mehr lokalem Interesse dürften die eigentlichen Abschieds- Feierlichkeiten gewesen sein: die allgemein ergreifende Abschiedspredigt am 18. März, die Ueberreichung eines Ehrengeschenkes der Gemeinde eine silberne, reich ausgeführte Sederschüssel nebst Zubehör), die Widmung eines Ehrengeschenkes durch den Litteraturverein, das Abschiedsssen am 19. März; diese Feierlichkeiten haben durch ihren ebenso würdigen, wie ergreifenden Verlauf gezeigt, daß die Karlsruher Gemeinde ich vollauf bewußt ist, was sie an Dr. Schwarz besaß und was sie an -hm verliert. Mögen dem verehrten Manne in seinem neuen Wirkungsreise die Erfolge erblühen, die sein Streben verdient. Oesterreich-Ungarn. Wien, 3. April. Zur Ergänzung der Biographie unseres Adolf Fisch Hof, die Sie ja gewiß bringen werden, will ich Ihnen 'ach hiesigen Zeitungen über sein Verhältniß zum Judenthum mit- ' heilen, daß dieser große Patriot auch Zeit seines Lebens ein guter und begeisterter Jude gewesen ist. Mögen sich alle diejenigen Juden, die sich mit hoher Politik befassen und zumeist dem Judenthum gleichgiltig gegenüberstehen, daran ein Beispiel nehmen. Als zu seinem 70. Geburtstage seine Biographie and) in hebräischer Sprache von dem Schriftsteller Jacob Fischer erschien, dankte Ad. Fischhof dem Verfasser in hebräischen Versen. In der Einsamkeit von Emmersdorf hatte Fischhof öfters Gelegenheit und auch das Bedürfnis seine Angehörigkeit zum Judenthum zu bekunden. Ein warmer Freund der jungen Kultusgemeinde in Klagenfurt, deren Bestrebungen er stets liebevoll begleitete, war er es, der den Impuls zur Gründung der dortigen Chewra - Kadischa gab, deren erstes Mitglied er war. Er selbst unterzog sich der Mühe, den Aufruf zu entwerfen und zu Beitragsleistnugen zum Baue eines jüdischen Friedhofes in Klagenfurt aufzufordern. Als er fühlte, daß ihn die Todesfittiche umwehten, gab er seiner treuen Pflegerin gegenüber dem Wunsche Ausdruck, daß seine Einsargung streng nach jüdischem Ritus vor sich gehen möge, und als wahrer Jude starb er mit dem Schema auf den Lippen. Als er seine Augen schloß, ertönten die Kirchenglocken von Emmersdorf und den umliegenden Dörfern und in keiner noch so armseligen Bauernhütte gab es in einem Umkreise von vielen Stunden ein Ange, das bei der Trauerbotschaft thränenleer geblieben wäre. War er doch stets ein treuer Freund und Berather allen denen, die bei ihm Hilfe suchten, dem Arzte und dem Menschen. Nie nahm er auch nur einen Heller für seinen ärztlichen Beistand, vielmehr erschien er oft in der ärmlichen Bauernstube mit Labung und Trostesworten für seine Patienten. Als seine Leiche in der Abenddämmerung in das Bethaus nach Klagenfurt überführt wurde, standen auf allen Wegen die Landleute, die ihrem treuen Freunde weinend und schluchzend ihr letztes Lebewohl zuriefen. Nnßlaud. M.E. Warschau, 31. März. Zwei Konzertabende, beide zu wohlthätigen Zwecken, sind in der letzten Zeit bei uns veranstaltet worden, und beide mit großem Erfolg. Der erste Abend, dessen Ertrag 2500 R. war, ist zum Besten der Schule für jüdische Handwerker bestimmt gewesen, der zweite Abend, der zur Unterstützung der jüdischen Volksküchen veranstaltet wurde, ergab den Ertrag von 8500 Mk. — In Wilna ist im Centrum der Stadt am Tage eine ganze jüdische Familie ermordet worden, wobei ein Vermögen von 20,000 Mk. geraubt wurde. Der Mörder meldete sich Abends an demselben Tage der Polizei und wurde gleich verhaftet. — In der Stadt Sluzk, Gouvernement Minsk, ist neulich die Kirche geplündert worden. Die Antisemiten, deren Zahl dort nicht gering ist, lenkten den Verdacht auf die unschuldigen Juden, um den Pöbel aufzuhetzen. Die Juden schwebten in Gefahr, so daß der christliche Geistliche, welcher von der Unschuld der Juden überzeugt war, die rohe Masse mit sanften Worten zu beruhigen versuchte, was ihm aber nicht gelang. Glücklicherweise konnten sich die zwei christlichen Burschen die Beute nicht theilen und geriethen endlich in einen fürchterlichen Zank, wodurch sie sich der Polizei verrathen haben. Griechenland. * Athen, 31. März. Die hiesige „Akropolis" vom 17. März schreibt: „Beinahe hätten wir gestern antisemitische Bewegungen mit ernsten Szenen in Athen erlebt, der Stadt, wo die religiöse Toleranz bis zum höchsten Grad entwickelt ist, und all das wegen eines Tischlers allzu lebhafter Phantasie. .Ungefähr um die zehnte Stunde früh hatte sich in der Nähe der Metropolis (der Hauptkirche) und der Apollostraße eine erregte Volksmenge bei dem kleinen Laden eines armen Hebräers Raphael Monsypvr, der Kessel flickt und anderes Hausgeräth ausbessert, angesammelt. Die Menge tobte und schrie, Stöcke wurden geschwungen und Fäuste geballt gegen diesen Unglücklichen, von dem ein Gerücht behauptete, er hätte versucht, zwei kleine Christenkinder zu ergreifen, um ihr Blut zu rituellen Zwecken zu gebrauchen. Die Nähe des israelitischen Passahfestes hatte diese Meinung begünstigt. (Es muß bemerkt werden, daß dieser Aberglaube bis vor wenigen Jahren in Griechenland unbekannt war und erst durch die Vorgänge in Oesterreich und Deutschland hier Eingang fand.) Zum Glücke befand sich ganz in der Nähe das Gebäude der Monarchie (Provinzial-Präfektur); dorthin führte ein Gensdarm den Mann, indem er sich durch die Menge hindurchdrängte. Die Menge fuhr aber fort zu lärmen, und verlangte, man solle den Schuldigen sogleich zur Staatsanwaltschaft bringen. Dies geschah, und zwar mit Hilfe eines geschloffenen Gefüngnißwagens, um den Mann vor thätlichen Angriffen zu schützen. Die Menschenmasse folgte tumultuirend