Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 t Hüter im vollsten Sinne des Wortes war. — Am Mittwoch voriger Woche starb in Pleß im ehrenvollen Alter von 8:; Jahren der mann Fedor Muhr. Der Verblichene war ein uni das Wohl der Stadtgemeinde höchst verdienter Bürger, dem es auch vor wenigen Jahren vergönnt war, sein 50jähriges Bürgerjnbilänm 51t begehen. Die Stadt ehrte ihn damals durch die Ernennung zum „Ehrenbürger", bei welcher Gelegenheit der nunmehr Verblichene auch durch die Verleihung des Kronenordens 4. Klasse ausgezeichnet wurde. Im Jahre 1840 zum j Rathsmann und 1851 zum Stadtverordneten gewählt, verwaltete er in! den Jahren 1887 bis 1881 das Amt eines Vorstehers der Stadtverordz netenversammlung und lehnte alsdann gelegentlich seines Bürgerjubiläums! die Wiederwahl wegen Kränklichkeit ab, blieb jedoch bis zu seinem Tode! Mitglied des Kollegin Der Verstorbene, der auch Mitglied des Kreistages und Kreisausschusses war, führte mich viele Jahre hindurch den Vorsitz im Repräsentantenkollegium der hiesigen Synagogengemeinde sowie in der hiesigen Rettungsanstalt und gehörte als Mitglied und Gönner verschiedenen Korporationen uitb Vereinen an. Ehre seinem Andenken! — Am 28. d. Mts verschied in Breslau der in Schlesien wohlbekannte Fabrikbesitzer Philipp S i l b er st e i n aus A rns w a l d e i. R. Mit ihm verlor die freisinnige Partei einen getreuer:, oft bewährten und verdienstvollen Anhänger und Förderer Sein reges Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten bethätigte derselbe auch sonst durch Begründung des Handwerkervereins, der höherer: Mädchenschule s w. Auch darf hervorgehoben werden, daß er es als Arbeitgeber verstand, das Verhältniß zu den bei ihm beschäftigten Arbeitern in mustergiltiger Weise zu gestalten; vielleicht die letzte Freude seines Lebens war das Fest, welches er vor weniger: Wochen für seine Arbeiter veranstaltete. Für die große Beliebtheit und das Anseher:, dessen sich der Dahingeschiedene bei seiner: Mitbürgern erfreute, legte erst jüngst die einstimmig erfolgte Wahl zum Gemeindevorsteher von Arnswalde beredtes Zeugniß ab. Auch den Interessen der dortigen Synagogengemeinde widmete der Verblichene sich als Vorsitzender des Vorstandskollegii, dem er seit 45 Jahren angehörte, mit seltener Hingebung und Treue, stets bemüht, den Frieder: aufrecht zu erhalten Sein Verlust wird in der: weitester: Kreisen schmerzlich empfunden! — Wie in Breslau, so hat sich auch in Liegnitz im dortigen antisemitischen Verein eine Spaltung vollzogen. Die neue Nichtnng nennt sich ebenfalls, wie in Breslau, deutsch-nationaler Verein. Der: Vorstand bilden Rittergutsbesitzer Seidel, Rechtsanwalt Dr. Arndt, Briefträger a. T. Zahn und Uhrmacher Orth. — Sanitätsrath Dr. Friedländer in Lublinitz hielt am Montag den 20. d. Mts. im Siednerscher: Saale auf Veranlassung der Frau Prinzessin Hohenlohe auf Koschentir: einen anregenden Vortrag über Krankenpflege im Kriege und im Frieden. Unter den zahlreichen Anwesenden befanden sich die Frau Prinzessin, sowie der Landrath, Herr Dr. jur. Prinz Karl vonRatibor. * Breslau, 2. April. Dr. Siegmund Fraenkel von der Breslauer Universität, der, wie kurz mitgetheilt wurde, zum ordentlichen Professor ernannt worden ist, ist von Fach Orientalist. Insbesondere beschäftigt er sich mit arabischen Studien. Von seinen Veröffentlichungen sind zu nennen: „Beiträge zur Erklärung der mehrlautigen Bildungen im Arabischen" (1878), „De vocabulis in antiquis Arabum carminibus et in Corano peregrinis‘“ (1880), „Die aramäischen Fremdwörter im Arabischen" (1876). Dazu kommen noch Studien zur Kenntniß von Averroes und die Ausgabe von Theilen von Al Tabaris Annalen. 1855 zu Rybnik als der Sohn des dortigen Rabbiners geboren, promovirte Fraenkel 1878, um sich sodann bei der Breslauer Universität als Privatdozent zu habilitiren; gegenwärtig hat er die außerordentliche Professur für semitische Sprachen inne. M. Dessau, 31. Mürz. In den letzten Tagen schied Herr Landesrabbiner Dr. S. Weiße von der hiesigen Gemeinde, in welcher derselbe fast ein Jahrzehnt segensreich wirkte. Die vielen Ehren, die ihm bei seinem Abschiede zu Theil geworden sind, legten Zeugniß ab von der Liebe der Gemeinde zu ihrem Führer Von unserem Landesfürsten ward ihm die hohe Ehre zu Theil, in längerer Audienz empfangen zu werden, bei welcher Gelegenheit Se. Hoheit wiederholt sein Bedauern aussprach, daß Jener nunmehr Anhalt verlasse. Von seiner Gemeinde nahm er Sonntag Nachmittags in der hiesigen Synagoge durch eine Rede öffentlich Abschied, bei welcher sich die Regierung durch zwei hohe Beamte und die auswärtigen jüdischen Gemeinden Anhalts durch ihre Vorstände vertreten ließen. Die Synagoge war bis auf den letzten Platz gefüllt. Gegen 5 Uhr begann die Feier. Unter lautloser Stille bestieg Herr Dr. Weiße die Kanzel nnd hielt seine ergreifende Abschiedsrede, die unter den Zuhörern eine tiefe Bewegung hervorrief. Au: Mittwoch Abend versammelte sich die Genwinde zu einem gemüthlichen Beisammensein mit ihrem verehrten Führer. Nochmals wurde seine Thätigkeit gefeiert und der Wunsch ausgesprochen, daß seine Bestrebungen im Interesse des Judeuthums auch in seinen: neuen Wirkungskreise von Erfolg gekrönt werden mögen! s. Hannover, 3. April. lieber die neue von Herrn A. M. Simon begründete Erziehungs-Anstalt in Ahlem beim Limmerbrunnen unweit Hannover wird uns Folgendes berichtet: Neben dem Herrn Simon haben sich die Herren Leopold Fischer, Rechtsanwalt Dr. Heinemann, B. Lvewenshein und S. Schoenfeld, bereit erklärt, als Exekutiv-Komitee für die Anstalt zu wirken. Ein größeres Komitee, dessen Mitglieder zum Theil angesehene auswärtige Glaubensgenossen sein werden, ist in der Bildung begriffen. Der Bau des Hauptgebäudes, welches eigentlich schon Ostern vollendet sein sollte, hat sich durch die Ungunst der Witterung verzögert, ist jedoch jetzt soweit vorgeschritten, daß unbedingt Ende April, > resp. Anfang Mai, die Eröffnung stattsinden wird. In praktischer sowohl wie in hygienischer Beziehung läßt der Bau nichts zu wünschen. Vor dem Haupteingange des Hauses, welches inmitten eines großen, allerdings noch in: Werden begriffenen Gartens belegen ist, befindet sich eine mit Glas bedeckte Veranda; in dieser, sowie in einem von hieraus zugänglichen Raum des Souterrains haben, wenn erforderlich, die Zöglinge Zeug und Stiefel zu reinigen und sich zu waschen, bevor sie das Haus betreten. Vom Hauseingang links nach Norden befinden sich zwei neben einander liegende Schulzimmer, welche durch Fortnahme der beiden breiten Flügelthüren vereinigt werden tonnen und alsdann den Betsaal bilden. Geradeaus kommt man in die Küche, welche mit einem praktischen großen Kochherde versehen und mit Fliesen belegt wird. Neben der Küche ist die Speisekammer und der Anrichteraum; von letzterem werden die Speisen direkt in das daranstoßende Eßzimmer ge reicht. Dieses geräumige und freundliche Eßzinnner steht nach Süden mit einem die ganze Front des Hauses einnehmenden Glashause in Verbindung, in welchem hauptsächlich Weintrauben und Rosen gezogen werden sollen. In den beiden ersten Etagen sind die beiden hellen, gut ventilirten und gesunden Schlafsäle für je 30 Zöglinge. Außerdem sind in den beiden oberen Etagen Wohnräume für die Familie des Direktors, den Lehrer und sonstige Angestellte, sowie Krankenzimmer für nicht a\v steckende Kranke; für ansteckende Kranke wird ein besonderer Pavillon im Garten gebaut; fiir schöne Keller- und Bodenräume ist ebenfalls gesorgt. Neben dem Hauptgebäude befindet sich eine schöne Turnhalle, Waschhaus und die sonst nothwendigen Räumlichkeiten. Für Abführung der Fäkaliev und Schmutzwässer ist in einer sehr praktischen und den hygienischen Anforderungen entsprechenden Weise Sorge getragen. — Werkstätten. Wohnungsräume für Handwerker, Stallungen und sonstige Nebenräume werden im Laufe des Sommers vollendet. — Wir möchten bei dieser Gelegenheit unsere Glaubensgenossen darauf aufmerksam machen, daß noch einige Zöglinge in der Anstalt ausgenommen werden können. Für schulpflichtige Knaben im Alter von 8—14 Jahren betragen die gesammten jährlichen Unterhaltungskosten, inklusive Kleidung, Schulunterricht u. s. w. Mark 400. Für ältere Knaben und Jünglinge, welche Gärtnerei und Bodenkultur erlernen sollen, beträgt der jährliche Pensionspreis Mark 200 Bei großer Bedürftigkeit der Angehörigen oder Gemeinden kann in beiden Fällen noch eine Ermäßigung eintreten. Dransfeld bei Göttingen, 31. März. Hier hat eine anti semitische Versammlung stattgefunden, bei welcher der bekannte Agitator und Ahlwardtgenosse Werner gesprochen hat. Dem betreffenden Herrn und seinen Anhängern ist aber gründlich heimgeleuchtet worden. Durch eine ausgiebige Debatte wurden die zahlreichen verlogenen Behauptungen der Antisemiten widerlegt. Besonders erfreulich war es, daß auch Juden selbst sich rednerisch betheiligten, und zwar mit bestem Erfolge. Dieses thatkräftige und schöne Eingreifen sollte auch an anderen Orter: Nachahmung finden. Charakteristisch an dem Verlauf dieser Versammlung war der folgende Vorfall. Nachdem die Antisemiten beobachtet hatten, daß sie keinen Erfolg haben würden, suchten sie nur noch durch Zwischenrufe und Lärm zu stören. Es thaten sich nach dieser Richtung vor Allem Angestellte eines Gutsbesitzers aus der Umgegend hervor. Und als schließlich der Rabbiner Dr. Jacob aus Göttingen die Versammlung ruit