Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 166 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Bei dieser Annahme erklären sich die kleinen Unebenheiten in den Kapiteln Daniels, welche trotz der größten Gleichheit der Gesinnung unvermeidlich waren. So zuerst, daß einige Kapitel hebräisch, andere chaldäisch geschrieben sind. Ich kann mich der Ansicht nicht anschließen, daß irgend einer der Verfasser nicht hätte hebräisch schreiben können, wenn er gewollt hätte. Die hebräische Sprache war in jener Zeit noch lebendig und war es noch zur Zeit des Rabbi Jehuda ha-nasi, in dessen Küche die Dienstboten gutes Hebräisch sprachen. Warum der größere Theil jener Männer es vorzog, chaldäisch zu schreiben, entzieht sich unserer Kunde, die gerade von jener Zeit so gering ist. — So erklärt sich auch, daß, während im ersten Kapitel Daniel mit Chananja, Misael und Asarja zusammen genannt wird, doch bei der Erzählung vom Feuerofen nur diese drei, bei der von der Löwengrube nur Daniel genannt wird, obwohl man meinen sollte, daß sie beide Male zusammen in derselben Gefahr geschwebt haben müssen. Auch das Bekenntniß, zu welchem schließlich der heidnische König gelangt, ist nicht überall dasselbe, wie wir schon bemerkt haben. Ferner scheint es mir psychologisch ganz unmöglich, daß ein und derselbe Schriftsteller denselben Gedanken drei oder viermal in gleichartiger, aber doch verschiedener Weise hätte ausdrücken wollen, oder auch nur können, wobei noch hinzu kommt, daß der eine sich durchsichtiger als der andere ausdrückt, und daß der eine allgemein ein Reich bezeichnet, der andere die Person des Antiochus Epiphanes deutlich vorführt. Dies ist meine Ansicht vom Ursprung des Buches Daniel. In der griechischen Uebersetzung desselben ist es durch mehrere Stücke erweitert. Die alexandrinischen Juden konnten sich nicht denken, daß die drei Freunde im feurigen Ofen nicht gebetet haben sollten, und so wird denselben ein Gebet in den Mund gelegt. Dieses ist an sich nicht zu verwerfen, aber ohne jeden neuen originellen Gedanken. — Außerdem hat die griechische Uebersetzung eine Erzählung von Daniels Weisheit als Richter: die Anekdote von der Susanna. Sie war nie hebräisch geschrieben, ist ganz bedeutungslos und unsres Daniels nicht würdig. Und noch eine andere Erzählung existirt blos im griechischen, eine schwache Kopie von Daniel in der Löwengrube. Diese Zusätze sind völlig unbedeutend gegen die Wirkung Daniels in der Welt-Litteratur und im jüdischen Leben, welche ich schon bei der Betrachtung der einzelnen Kapitel dargelegt habe. Gestatten Sie mir, hochgeehrte Anwesende, nun noch ein Schlußwort. Wir sind heute wieder in der Lage, um zu klage» : >vie lange doch bleibt jenes wunderbare Ende aus, das Daniel voraus geschailt! "p Titt "U* (Tan. 12, 6). Auch in früheren Geschlechtern Judas, welche viel Härteres als >vir erduldet haben, hat man noch inbrünstiger so geklagt und hat wohl gemeint, aus Daniels Worte das Ende berechnen zu können. Und hier gedenke ich des noch nicht erwähnten 9. Kapitels. Auch Daniel selbst wünschte Bestimmteres zu wissen. Hatte nicht Jeremia (25, 11 fs. 29, 10) schon sehr bestimmt erklärt, daß nach siebzig Jahren Gott sein „Heilswort" erfüllen werde? So fleht denn Daniel inbrünstig um Aufschluß über diesen Ausspruch. In der den Juden ertheilten Erlaubnis; zur Rückkehr nach Jerusalem und zum Wiederaufbau des Tempels konnte Daniel die Erfüllung nicht erkennen; diese stand, tvie er mit Recht glauben mußte, noch aus. Denn überall auf Erden und auch in Jerusalem lagen die Dinge noch sehr trübe. Daniels Gebet ward erhört, ein Engel gab ihm die Erklärung, aber in neuen Räthseln. — Was Wunder, daß sich mancher jüdische Gelehrte bemühte, diese Räthsel zu töseu! Man glaubte auch nicht selten die Lösung gefunden zu haben und erwartete mit Zuversicht das Erscheinen des Messias für ein bestimmtes Jahr und richtete damit.gelegentlich auch Unheil an. Der Fehler war: man hatte nicht beachtet, daß Daniel selbst sagte (12, 8): „Und ich hörte, aber ich verstand nicht". Da antwortete der Engel: „Geh Daniel! Dunkel und verschlossen bleiben die Worte bis zur Zeit der Erfüllung". Geh Daniel, d. h. geh an die Arbeit, thue deine Pflicht; das Ende wird kommen. So hat uns der Prophet Habakuk belehrt. Auch er hatte geklagt (1, 2): „Wie lange!" und Gott antwortete ihm (2, 3): „Noch geht das Gesicht (von Gottes Reich) auf die Ferne; doch es drängt zur Verwirklichung und lügt nicht. Wenn es zögert, so harre sein; denn komme» wird es, wird nicht ausbleiben." So hat Gott gesprochen, vor dem „tausend Jahre wie ein Tag". U FEUILLETON Kagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Vely. I. Das ist schon wahr! Im ganzen Strohgäu kann man auf- und niedergehen, eh' man ein zweites so stattliches Gehöft findet, wie dem Gabriel Schwanderer sein's zu Ditzingen ist. Weit- und breithin tritt der immer nur auf seinen eigenen Grund und Boden, und lim das Haus läuft im Geviert eine Mauer, die ist so alt und dick, daß man heute ihres Gleichen gar nicht mehr aufrichtet. „Mein Gütle", nennt der Schwaderer stets sein Eigeuthum und thut ungemein bescheiden dabei, aber daß das nur nach Allßen hin ist, lveiß man — und auch, daß er sich im Stillen genug auf den Gedanken einbildet, sein Haus mit dem festen Mauergrund stünde auf der Stelle eines alten Schleglerschlosses, so daß das freiherrliche Geschlecht, das unweit des Dorfes auf einer ehemaligen Schleglerburg sitzt, nichts vor ihm voraus hat. Dem Schwaderer „Gabril", wie seit der Kindheit sein Name abgekürzt worden, ist all' das reiche Gut vom Vater zugefallen, übermäßig hat er es nicht gemehrt, „denn warum?" sagt er. „Die Zeiten sind nit wie eh' — und für eines Mädels Mitgift, da mein i, sollt's reichen." Wer ihn so hört, der nickt und lächelt — und sind's Frauenzimmer, ist's Lachen wohl etwas neidig dabei und sie zischeln einander zu: „Freilich, die Eichkatz', die!" Vor dem Haus des Gabril, linker Hand, steht eine gewaltige Eiche, die kann mehr als ihre dreihundert Jahre gesehen haben; sie ist ordentlich berühmt in der Gegend, und wenn fremde Leute sich die beiden Kirchen anschalleu, hiiben und drüben von der Glems, dem Flüßchen, welches das Dorf theilt, macht man sie auch auf des Schwaderers mächtige Eich' aufmerksam. Sie ist hohl inwendig und dient einer Unzahl von Fledermäusen und Schleiereulen als Aufenthalt, die »vagen sich aber nur in der Abenddämmerung heraus — tagsüber hat man indes; oft einen anderen sonderbare» Vogel in den Zweigen des Baumes gesehen, das Dörtle, das Kind des Hauses. Das hat lustig drin herumklcttern können und sein gelbes Haar hat weithin geschimmert, und darum und auch wohl noch seiner wilden Art tvegen, hat cs den Beinamen „Eichkatz" bekommen. Der Gabril darf es aber nicht hören, obwohl er darum weiß und sich vielleicht auch im Stillen so darüber freut, wie über sein „Gütle", denn Schimpfliches kann ja keiner an den; Namen finden, und wenn sein Mädel lebhaft lind ungestüm ist, so hat's ein Recht dazu, denn es ist die Erbin von all dem Schwaderer Gut und darum braucht's nicht demüthig mit den Leuten zu thuu. Fast am Ende des Dorfes, der Eisenbahn zu, liegt Gabril's Bauernsitz, und Wenige, die daran vorübergehe», pflegen nach der