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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-07 · Heft 14 (7.4.1893) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 14 (7.4.1893)
Date
1893-04-07
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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Fassen wir nun die Erzählungen und die Visionen des Buches Daniel plsammen, so müffen wir wohl zuerst anerkennen, daß es unter den traurigsten Verhältnisse» abgefaßt, ganz geeignet war, den Zeitgenossen Gottvertrauen in allen Versuchungen zum Abfall einzuflößen, und wir haben keinen Saß gefunden, welcher hätte Anstand dagegen erregen können, dieses Buch zu den heiligen Schriften zu zählen. j So können wir mit voller Genugthuung auf diesen Abschluß! unserer heiligen Litteratur blicken. Die jüdische Prophetie endet also j nicht mit einem matten Nachhall der alten Propheten, wie er in der Perserzeit aus Haggaj, Sacharja und Maleachi schwächlich ertönt, sondern mit dem Auftritt einer ganz neuen Form religiöser Rede, deren einfacher Inhalt in dem Gedanken gegeben ist, daß das Ziel aller Weltgeschichte das Reich Gottes ist, und daß dem Volke Israel die Aufgabe zuertheilt ist, dieses Reich herbeizusühren. Mit dem Namen Daniel bezeichnen wir den Vater dieser Redeform, der Apokalypse, der Eschatologie, der Offenbarung des Weltendes — einer Form, lvelche sich in die altchristliche Litteratur hinein fortsetzt, aber ohne die Höhe ihres Vorbildes Daniel zu erreichen. Allerdings können wir uns der Beobachtung nicht entziehen, wie sehr der Geist, der durch alle Kapitel Daniels weht, von dem der Propheten abweicht, so daß hieraus völlig erklärt wird, wie man in unserem “pn dazu kam, denselben von den Propheten zu trennen. In Daniel fehlt die Rede Gottes und die unmittelbar an das Volk gerichtete Ermahnung gänzlich; nur der Engel ist es, der aus seiner höhern Weisheit den frommen, gottgeliebten Daniel über zukünftige Dinge belehrt, während dieser sich selbst gar nicht Prophet zu nennen ivagt; und nicht einmal immer eigene Gesichte sind es. die ihm mit der Deutung zu Theil werden, sondern die Träume eines Andern, Rebukadnezars, sind es, deren Deutung ihm offenbart wird. Die vorgcführten Erzählungen aber belehren das Volk über seine Verpflichtung nur indirekt durch das vorgehaltene Beispiel. Dagegen ist andrerseits die Tendenz Daniels eine höhere. Der Prophet steht mitten im Leben und es sind besondere, glückliche und unglückliche, meist freilich unglückliche Ereignisse, Einfälle der Feinde und Landplagen, welche ihn zu öffentlicher Rede vor dem Volke drängen, und dann sind es bestimmte ethische Mängel, die er demselben vorwirft. Daniel lebt zurückgezogen, aber nicht unbekümmert um die Welt, sondern voll Kummer über die Welt, über .Israel und die Menschheit; und ohne besondere Veranlassung verkündet er, wie wichtig und vergänglich die Herrlichkeit aller Weltreiche vor dem Glanze des Gottesreiches ist, und deutet die Pflicht an, die uns zur Herbeiführung dieser Zukunft auferlegt ist. Die letzte Zukunft verkünden auch die Propheten alle; aber Daniel verheißt diese ausschließlich; er spricht von nichts Anderem; und alles Zeitliche, die menschheitliche Gestaltung vieler Jahrhunderte in den großen Weltreichen, faßt er zusammen, um sie zu überspringen und zum Ende zu gelangen. Weil er sich nicht an Einzelheiten hält, so könnte man fürchten, er werde weniger plastisch und müsse blässer im Ausdruck sein als die Propheten; aber gerade umgekehrt mit seinem umfassenderen Blick wird er auch faßlicher und eindringlicher. Wenn Jesaja z. B. sagt (2, 9. 11): „Des Menschen Stolz lvird gedemüthigt, der Männer Uebermnth niedergeworfen," so weist Daniel mit viel größerer Deutlichkeit auf die stolzen, übermüthigen, nun untergegangenen Weltreiche. Dabei fehlt auch die spezielle Rücksicht auf Jerusalem, etwa mit Ausnahme des 9. Kapitels, gänzlich. Daniels Blick umfaßt immer die ganze Erde. Freilich ist Daniel ein Schüler der Propheten; von ihnen hat er eben gelernt, daß jedes jener großen Reiche nur eine Zuchtruthe in der Hand Gottes war, jedes das andere wegen dessen Ileberhebung erniedrigte nach Gottes Willen, welcher alle Ereignisse im Voraus bestimmte. Aber er, am Schluffe aller Prophetie, hatte die Kraft, jene ganze Weltgeschichte, die sich ini Laufe des Lebens aller Propheten vollzogen hatte, in einheitlichem Bilde zusainmenzufassen. So gab er eine Ucbersicht in gedrängter Form. In seiner Darstellung schloß er sich zunächst au Sacharja an, den vorletzten aller Propheten. Wenn nicht blos Jesaja und Jeremia, sondern noch Esekiel Gottes Wort unmittelbar vernehmen, so ist dies bei Sacharja schon nicht mehr der Fall: diesem wird Gottes Offenbarung erst durch einen Engel zu Theil, der ihm gewisse Erscheinungen in nächtlichen Gesichten erst deuten muß (Sach. 1, 8 ff.), gerade wie bei Daniel. Auch Jeremia (1, 11 ff.) und schon Ainos (7,1—9, 8, 1—3. 9, 1) schauen in ihren Gesichten gewisse sinnliche Dinge und Ereignisse; aber diese sind entweder gar nicht dunkel symbolisch, sondern klare Vorführungen der drohenden Strafe, wie wenn Amos sieht, daß Gott Heuschrecken bildet, welche das Kraut des Feldes fressen, oder es sind allerdings bloße Symbole: dann aber ist etz Gott selbst, der dieselben dem Propheten deutet und alle Gesichte der alten Propheten sind gar nicht nächtliche Träunie. Bei Sacharja aber muß erst ein Engel dem andern befehlen, daß er dem Propheten Gottes Wort mittheile, und das Gesicht erfolgt lvie bei Daniel in der Nacht. Selbst in Einzelheiten stimmt hie und da Daniel mit Sacharja; ja in der Vision Daniels (Kap. 8) von dem Widder und dent Bock mit ihren Hörnern, welche sehr deutlich auf das medo-persischc Reich, auf Alexander und dessen viergetheiltes Reich und endlich auf Antiochus Epiphanes hindeuten, ist das so bedeutsame Symbol des Horns doch offenbar von Sacharja (2, 1 ff.) entlehnt, obwohl nicht verkannt werden darf, daß in der hebräischen Sprache das Wort für Horn metaphorisch Stärke und Macht bedeutet. Auch die Vicrzahl findet sich bei Beiden. Nur darf andrerseits der Unterschied nicht übersehen werdelt, der in der Bedeutung der Vierzahl liegt. Bei Sacharja sind die vier Himmelsgegenden und damit insgesammt und unterschiedslos alle Feinde Israels gemeint; Daniel bezeichnet vier bestimmte und sich einander in geschichtlicher Zeit ablösende Reiche. Ferner wollte Sacharja wie seine Vorgänger sprechen und spricht auch wie diese, so gut er cs eben vermag; Daniel lvill gar nicht wie die Propheten sprechen, nicht einmal durchweg hebräisch: der größte Theil des Buches ist chaldäisch geschrieben; nur das einleitende erste Kapitel und die letzten (Kap. 8—12) sind hebräisch. Wir haben jetzt alle Momente zusammen, welche die Beantwortung der Frage von der Abfassung unseres Buches ermöglichen. Es kann uns ja nicht um'einen Personennamen zu thun sein; sondern wir fragen: aus welcher religiösen Richtung und Stimmung und welchem Gesellschaftskreise ist das Buch geflossen? In einer Beziehung weicht meine Auffassung von der unter allen Bibelforschern herrschenden ab. Ich meine, Daniel stelle nicht die Ansicht einer einzelnen Person dar, sondern eines ganzen Kreises unter den Juden jener Zeit; das Buch hat nicht einen Verfasser, sondern zehn. Der jüngste hat neun Flugblätter, welche aus derselben Gesinnung geflossen waren, und der auch er anhing, zusammengestellt und mit dem ersten Kapitel als Einleitung versehen. Dieser Kreis war der der sogenannten Nibdalim, der Vorgänger und Väter der späteren Peru sch im oder Pharisäer, genauer wohl der ON'ON, der besonders strengen Abtheilung der Pharisäer, der p*VJ2rrE, welche wohl auch der Mystik besonders zuneigten.

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