Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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160 nach Galizien, wo die Cholera ausgebrochen war; er legte aber die Stelle bald nieder. Als die Reaktion hereinbrach und der Reichstag von Kremsier aufgelöst wurde, riethen ihm seine Freunde, zu fliehen; er erwiederte: „Bleibe ich, dann kann mich das Kriegsgericht verurtheilen; fliehe ich, dann verurtheilt mich die öffentliche Meinung ganz gewiß. Die Wahl kann nicht schwer sein: ich bleibe!" Er wurde verhaftet und saß neun Monate gefangen; dann wurde er »d instantia freigesprochen, d. h. aus Mangel an Beweis freigelassen. Er beschäftigte sich nun ausschließlich mit der ärztlichen Praxis und ließ die Stürme der Reaktion über sich hinweggehen. Als in Folge der Niederlagen im italienischen Kriege 1858 ein freierer Luftzug in Oesterreich zu wehen begann, wendete sich Fischhof auch wieder der politischen Thätigkeit zu; allerdings nur auf litterarischem Gebiete. Er trat insbesondere dafür ein, daß zunächst die nationale Frage gelöst werde, und er bekämpfte deswegen den Centralismus Schmerlings, der das Reich bureaukratisch zu regieren suchte. Im März 1861 veröffentlichte Fischhof gemeinschaftlich mit dem späteren Minister Unger die Schrift: „Zur Lösung der ungarischen Frage", in welcher er offen für den Dualismus eintrat, der bekanntlich ein paar Jahre später auch verwirklicht wurde. Dann studirte er eifrig die Frage, wie den einzelnen Völkerschaften innerhalb der beiden Reichshälften ihre Rechte gesichert werden könnten. Nach dem Jahre 1866 känlpfte er gegen die allgemeine Entmuthigung an durch die Schrift: „Ein Blick auf Oesterreichs Lage", und im Jahre 1869 veröffentlichte er die Schrift „Oesterreich und die Bürgschaften seines Bestandes". Mit dieser letzteren Schrift, die sein ganzes politisches Glanbensbekenntniß enthält, trennte sich Fischhof von der deutschliberalen Partei, die von der Idee einer führenden Rolle nicht lassen wollte. Er rieth, man möge, statt sich von den Nationalitäten eine Konzession nach der anderen abringen zu lassen, rasch, freudig und beherzt gewähren, was sie zu fordern berechtigt seien. Die Gründung einer Volkspartei im Fischhof'schen Sinne scheiterte 1882 an der Feindschaft der herrschenden Partei. Fischhof zog sich auf seine Besitzung in Emmersdorf zurück, nahm aber von dort an allen politischen Fragen stetig regen Antheil. In der Hauptsache resignirte er sich, daß die Zeit allmälig den nöthigen Umschwung in den Anschauungen herbeiführen werde. Für sich selbst blieb er immer klar und sicher. „Wünschen wir ernstlich die Freiheit und den Frieden," sagte er, „so darf es in unserer Mitte ebenso wenig einen herrschenden Stamm, wie einen herrschenden Stand uud eine herrschende Kirche geben." Und wie er als Oesterreicher, so war Fischhof auch als Weltbürger. Wie er an die freie Einigung der österreichischen Nationalitäten glaubte, so glaubte er fest an die Einigung der Staaten auf Grundlage der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, an das Aufhören der Kriege, an die dereinstige Lösung aller völkerrechtlichen Fragen durch Schiedsgerichte, an den ewigen Frieden. Unermüdlich war er darin, für diese Ideen zu wirken. Lange vor de» Friedenskongressen und interparlamentarischen Konferenzen hat er unablässig mit der idealen Begeisterung und hinreißenden Beredtsamkeit eines Propheten den Gedanken eines allniäligeu Fortschrittes zur Lösung internationaler Streitfragen durch Schiedsgerichte entwickelt, das Wort an die Friedensfreunde in den Parlamenten gerichtet, sich zu gemeinsamem Wirken in dieser Richtung zu vereinigen, und der Plan, nach welchem thatsächlich die Friedensfreunde sich organisirt haben, ist zum großen Theile sein Werk. Die weite Entfernung des Zieles, der Spott der Realpolitiker schreckte ihn nicht. Seine Ueberzengnng war, daß es Pflicht sei, für das Rechte und Gute zu wirken unbekümmert um den Erfolg; sein Glaube an den Fortschritt der Menschheit verbürgte ihm, daß spätere Generationen vollenden werden, was frühere haben unvollendet verlaffen müffen; er trug seinen Stein zum Baue herbei und überließ es der Idee, zu bewirken, daß auch Andere das Ihrige thun, um das Gebäude zu vollenden. Welchen sittlich veranlagten Menschen erfüllt nicht andächtige Verehrung vor einem so reinen und unzerstörbaren Idealismus! Daß gerade der Mann, dem es beschieden war, die Geburt der Freiheit zu verkünden, unerschütterlich geblieben ist, wenn Alle schwankten, daß er bis ans Ende die jugendliche Begeisterung jener Frühlingstage ungemischt und frisch sich bewahrt hat, das ist eine der wohlthuendsten und erhebendsten Erscheinungen, zumal in der dumpfen, von Selbstsucht, Niedrigkeit und Beschränktheit erfüllten Atmosphäre, die uns umgiebt. Der Name Fischhof ist glänzend und rein geblieben, Nicht einnral die Berlennidnng hat sich an ihn herangewagt. Den» dem Idealismus Fischhofs hat auch seine ganze Lebensführung entsprochen. So mild er gegen alle Anderen war, so streng war er gegen sich selbst. Tadellos in seinen Sitten, von spartanischer Genügsamkeit, Alles seiner Arbeit verdankend und Alles znrückweisend, was er ihr nicht verdankte, gab er unserer an Sittenrichtern so reichen und an werkthätiger Moral so armen Zeit ein Beispiel antiker Tugend, dem man nicht leicht ein anderes wird an die Seite stellen können. Er hätte nur zu wollen gebraucht, so hätte eine glänzende Laufbahn sich ihm eröffnet, aber er zog es vor, einsam zu bleiben, in einem weltvergessenen Winke! des Vaterlandes sich zu vergraben, in Dürftigkeit zu leben und halb vergessen zu sterben. — Im März vor 45 Jahren war Adolf Fischhof im alten Wien als der erste Prophet und Apostel der freiheitlichen Bewegung anfgetreten — als ein stiller Mann wurde er wieder an einem sonnenheller Märztage durch die breiten Straßen des neuen Wien gestern von vieler Tausenden zur letzten Ruhestätte hinansbegleitet. Es war eine ernst» und würdige Begräbnißfeier, die dem tobten Volksmanne von bei Residenz bereitet wurde, und in den Reden an seinem Grabe gab fick die allgemein getheilte Verehrung für die Reinheit seines Charakters, für die unerschütterliche Treue und Festigkeit seiner Ueberzeugung kund. Von dem Tempel der jüdischen Gemeinde aus wurde der Sarg nack dem israelitischen Friedhof gebracht. Dort sprach zuerst Herr Ober rabbiner Dr. Güdemann. Er schloß seine Rede mit folgenden Worten: „In der Geschichte der Befreiung Israels aus Aegypten berichtet die Heilige Schrift, daß Gott die siebzig Aeltesten aufforderte zu Pharao zu gehen und die Entlassung des Volkes von ihm zu heischen. Es fanden sich aber nur Moses und Aaron ein. Unser» alten Lehrer fragen deshalb: „Wo waren die siebzig geblieben?" Und sie antworten: „Die hatten sich unterwegs Einer nach dem Andern davongeschlichen." So ist es immer gewesen, wenn es sich daruiu handelte, die Sache der Freiheit zu vertreten. Arich Adolf Fischhw hat Viele sich davonschleichen gesehen, die einst in der Zeit des Völker frühlings das Panier der Freiheit und des Rechtes hochgeschwungeu, jene Kostgänger an der Tafel fremder Ideen, für deren Verwirklichung sie keinen Muth haben, die es vorziehen, sich jederzeit an eine frisch gedeckte Tafel zu halten, mag aufgetragen werden, was da wolle/ Der Redner schloß mit den Worten: „Nach den Tagen der Ver dunklung, in welchen wir uns jetzt befinden, wird ein neuer Frühling anbrechen für das, wofür er gelebt und gestritten, für Recht und Freiheit. Amen!" Sodann feierten noch Prof. E. S u e ß, Abgeordneter Dr. K r o n a - weiter und Prof. Warhanek das Andenken des Verstorbenen, von dem wir mit den tiefempfundenen Versen Abschied nehmen, die unser greiser Dichter Ludwig August Frankl auf sein Grab gelegt hat: