Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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In allen drei Kriegen haben sich die jüdischen Soldaten durch! vingabe, Pflichttreue und Tapferkeit die rückhaltlose Anerkennung j unseres unsterblichen Kaisers Wilhelm I. erworben; von manchen j ehrenvollen Vorkommnissen im Felde könnten wir erzählen, die den j Hingangs unserer Skizze angeführten Ausspruch unseres Hauptmanns! voll bestätigen. In der Brust der jüdischen Kampfgenossen, denen es vergönnt - war, ihre unentwegte Liebe zum Vaterlande auf dem Felde der Ehre buthätigen zu können, lebt nur der eine Wunsch, den wir den jungen, den glorreichen Fahnen unseres geliebten Kaisers ziehenden o laubensgenoffen ans Herz legen: Seid allezeit eingedenk der l gcößten Ehre, dem Vaterlande als tüchtige, pflichtgetreue Soldaten;n dienen! Kleinstadtleden. Erzählung von Ernestine Strelisky. (Schluß.) Wie sehr der Arzt an diesem Krankenbette sich zusammennehmen wußte, sah man ihm an. Es kostete ihm Mühe genug, sich nicht zu wrrathen. Er wandte alle Mittel an, aber die Krankheit verschlimmerte sich dennoch. In der zweiten Woche bat Kalinsky, Jitel sollte noch einen Iwczt kommen lassen, Annas Zustand flösse ihm große Besorgniß - i, und er sah dabei aus, als ob auch sein Zustand nicht viel : - listiger wäre. Der fremde Arzt kam, schüttelte den Kopf und sagte blos, die v ante sei in den besten Händen, es wäre nicht nöthig, ihn wieder l mmen zu lassen. Nach einigen Tagen hatte das Fieber etwas nachgelassen. Kalinsky beugte sich über die Kranke. „Anna," flüsterte er, annen Sie mich verstehen? Anna, Du sollst Deinem Gotte treu l üben, der Dich mir erhalten tvird." Diese bangen Tage, die schlaflosen Nächte hatten ihn aufs Neue erzeugt, daß er ohne Anna nicht leben könne. Anna hatte seine Worte wie im Traume gehört und doch wirkten i ' mehr als alle Medizin; ihre Jugendkraft half mit, sie erholte sich mählich. Der Arzt stellte seine Besuche ein. Monate waren vergangen! Die Gemüthcr hatten sich beruhigt, ies ging seinen Weg. Anna Hirsch war wieder in Gesundheit erblüht. Merkwürdig, mit ihrem Mädchennamen war auch wieder so viel wchenhafte Scheu, ein stilles Verbergen geheimer Wünsche und esiihle über ihr ganzes Wesen ausgegossen, daß man sich nicht k»ug verwundern konnte, sie erschien lieblicher, anmuthiger als je. An einen Samstag Abend, bei eingetretener Dunkelheit, hielt uu Wagen vor Hirsch's Hause; Hirsch und seine Tochter stiegen ein. So etwas war lange nicht geschehen. Der Wagen fuhr zum nahegelegenen Bahnhof. „Hirsch und Anna fahren weg?" „Was hat das zu bedeuten!" Die Leute waren außer sich, ihre Verwunderung stieg noch, als >»a» Jitel am Arme Herzels auch dem Bahnhofe zuschreiten sah. „Nun hört sich aber auch Alles auf, wenn man schon von Herzel nicht weiß, wohin er mit seiner Frau fährt!" Sie liefen an die Schalter, um zu hören, wohin die Fahrkarten gelöst werden, doch Herzel nahm gar keine Karten. Man sah nun, daß alle Vier in dasselbe Kupee einstiegen. Ganz S. war in Aufregung, in und außer der Gemeinde. Tags drauf, Sonntag Abend, als der Zug aus Z. angekommen, sah man wieder Jitel und Herzel mit einem unbekannten Herrn die Straße vom Bahnhof herankommen. Die Mienen verlängerten sich, denn sie konnten in Gegenwart des Fremden nicht fragen. Aber Herzel hatte bis nun das Unmöglichste geleistet. Dadurch, daß mau ihn ins Vertrauen gezogen, hatte man ihn zum Schweigen verurtheilt, und wie er es diesmal verstanden, die Meinungen sogar auf falsche Führte zu führen, hatte er bewiesen; denn so etwas war noch nie im Städtchen dagewesen, daß man absolut von nichts wissen solle, was sich seit Monaten in dem Hanse, auf welches aller Augen gerichtet waren, abspielte. Das verdankte man nur Herzel, und er war nicht wenig stolz darauf. Nun, da Alles glücklich abgelaufen, mußte er seinem Herzen Luft machen. Mit strahlenden Mienen Jitel ansehend, fragte er: „Nun darf ich doch schon erzählen? Sie werden staunen!" Er lachte in sich hinein, und Jitel mit ihrem Begleiter zurücklastend, lief er den ihm Begegnenden in die Arme, zog sie mit sich und vergnügt schmunzelnd die neugierig ihn Umdrüngenden ansehend, sagte er: „Wir haben auch eine Frau Doktor! wißt Ihr das noch nicht? Wir können uns freuen, sage ich Euch, mit dieser Doktorin, wir werden sogar in der Welt durch sie ein Ansehn bekommen! Man wird sehen, was für Frauen bei uns sind, sie wird beweisen, daß man gut und fromm bleiben kann und doch mit dem Zeitgeistc fortschreiten. Anna ist heute Vormittag mit unserm lieben Dr. Kalinsky getränt worden, wir waren die Zeugen, ich und Jitel, der Arzt, der ihn einige Wochen vertreten soll, ist mit uns gekommen. Freut Euch doch! Steht nicht so herum, als ob der Himmel eingefallen wäre. Ihr seid ja Alle vernünftige, gebildete Menschen, Ihr wißt doch, wie es jetzt in der Welt zugeht, glaubt mir, sie wird als Doktorin mehr für uns thun und wirken, denn als Anna Zelkis." Einer Thatsache gegenüber ist das Beste, sich zustimmend zu verhalten, und Herzel hatte ja Alles so sein diplomatisch dargestellt, daß auch die Leute die ganze Sache nun in keinem schlechten Lichte sahen. Nur daß sie gar nicht daran gedacht hatten, den Doktor mit der Reise Hirschs und Annas in Verbindung zu bringen, konnten sie sich nicht vergeben — aber, sagten sie — wie zu ihrer Entschuldigung, das kommt, weil er auch sonst viel über Land geholt wird und oft einen ganzen Tag fehlt. Nachdem sie so ihr Gewissen beruhigt, erholten sic sich allmalig von ihrer Ueberraschung, ihrem Erstaunen. Sie fügten sich ins Unabänderliche. „Na, was sollen wir thun? es ist das Beste, wir gehen Alle an den Bahnhof, wenn sie ankommen, und begrüßen sie freundlich, doch wo ist Hirsch?" „Ich hole ihn Morgen ab. aus Z., er wird so lange bei »ns bleiben, bis seine Kinder kommen," sagte Herzel stolz.