Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 von der Harmlosigkeit jenes Vorganges zu überzeugen. „Na ja, das ist doch nur so eine gewöhnliche Redensart. In meiner Kompagnie meint das Niemand so böse. Ihr seid immer gleich so sehr empfindlich." Noch in voller Entrüstung über die Beleidigung des Unteroffiziers gab ich entschlossen zur Antwort: „Mag sein, Herr Hauptmann. Aber wir ziehen nicht als Juden, sondern als preußische Soldaten ins Feld, die ihre volle Schuldigkeit thun werden." „Gewiß, mein Sohn, daran zweifle ich nicht," entgegnete lebhaft zustimmend der einsichtsvolle Mann. „Das ist ja von jeher meine Lehre gewesen. Die Konfessionen lassen wir zu Hause. — Aber auch keine kleinliche Empfindelei. Wenn sich alle „Schuster" und „Schneider" bei mir beschweren wollten, weil man die linkischen Leute in der Kompagnie so bezeichnet, dann hätte ich viel zu thun." „Die scherzhafte Herabsetzung des bürgerlichen Berufs kann nicht so tief betrüben, wie die beabsichtigte des eigenen Glaubens. Hätte der Unteroffizier den Freiwillige» L. ohne Konfessionsbezeichnung der Feigheit beschuldigt, Niemand würde sich gekränkt fühlen." Nach dieser rücksichtslosen Darstellung wurde ich vom Chef mit gewohnter Freundlichkeit entlassen und glaubte damit den peinlichen Vorfall erledigt. Wie groß war aber unsere Ueberraschung, als der Hauptmann nach Beendigung des Appells zum „Kreise rechts und links" schwenken ließ und dann folgende Ansprache hielt: „Leute! Der Unteroffizier B. . . . hat sich leider zu einer Aeußerung hinreißen lassen, die die Bekenner des mosaischen Glaubens unangenehm berühren muß. Ein solches Benehmen ist preußischer Soldaten nicht würdig. Wer pflichtgetreu den Ehrenrock Seiner Majestät trägt, der hat Anspruch auf unsere volle Werthschätzung, einerlei ob er Jude oder Christ. Niemand kann sich die Wiege aussuchen in welcher er geboren wurde, und wie schon unser großer König sagte, kann in Preußen Jeder nach seiner eigenen Facon selig werden. Ihr wißt, daß ich niemals kirchliche Unterschiede gelten laste. Ein tüchtiger, braver Kerl und damit basta- Wir sind Soldaten »ud marschiren Alle in Gottes Namen gegen den Feind, schlagen ihn, wo wir ihn treffen, das ist unsere Religion." Wie erquickend diese Worte unser Herz berührten, das sprach deutlich genug ans den hellstrahlenden Blicken der Zuhörer, und noch heute, nach fast dreinndzwanzigjähriger Zwischenzeit taucht dieser beseligende Augenblick mit ungeschwächter Kraft aus der Erinnerung empor. Es ist mir wie in jenen unvergeßlichen Minuten, wo ich alle meine Selbstbeherrschung aufbieten mußte, um nicht aus dem Gliede zu stürzen und dem vorurtheilsfreien Kompagnie-Chef dankend die Hand zu drücken. Die hochsinnige Denkungsart des Hauptmanns übte auf alle Kompagnieangehörigen einen tiefen, nachhaltigen Eindruck aus, unsere jüdischen Kanieraden aber hat sie zu der höchsten Hingabe, welche Menschen fähig sind, begeistert. Ungeahnt rasch zeitigte die Aussaat im ernsten gemeinsamen Feldleben die reichsten Früchte. Es war, als ob die jüdischen Soldaten sich gelobt hätten, ihre Dankbarkeit durch die That zu beweisen. Ein doppeltes Pflichtgefühl stählte ihre Nerven bis zur äußersten Anstrengung und befähigte sie, alle Kriegsstrapazen Schulter an Schulter mit ihren christliche» Kameraden ebenbürtig zu überwinden. Wie immer, so siegte auch hier der belebende Geist über die physische Schwäche. Wohl haben wir auf Eilmärschen, sei es in der erstickenden Gluth des Sommers, sei es zur kalten, erstarrenden Winterszeit, jüdische Kameraden verloren, aber sie haben sich, wie es pflichtgetreuen Soldaten geziemt, bis zum letzten Athemzuge mitgeschleppt. Ein schwaches Zeichen unserer innigsten Dankbarkeit erhielt unser Hauptmann schon in der ersten Nacht vor dem Feinde. Unsere Kompagnie war während der Dunkelheit auf Feldwache gezogen und lag naturgemäß erregt in den Schützgraben vor Metz. Nach erwartungsvollen Augenblicken überschüttete uns der Feind mit einem Kugelregen, der Jeden zwang, sich so tief wie möglich niederzulegen Um die Bedeutung des Angriffs zu ermessen, war eine Patrouille tnc- Vorterrain erforderlich. Die erste Aufforderung des Hauptmanns zu: freiwilligen Patrouille blieb unbeachtet. Als aber die vibrirend: Stimme des Alten zum zweiten Male ertönte, da hätte ich um keiner. Preis der Welt in der sicheren Deckung bleiben können. Mag ei: anmaßend erscheinen, aber wahr bleibt es dennoch, wie elektrisir war ich empor gesprungen und rief freudebewegt: „Hier, Herr Haupt mann." „Wer ist das?" klang es unwirsch zurück. Kaum hatt ich vorschriftsmäßig nieinen Namen genannt, als mir im freudigen Tonfall die scherzhafte Entgegnung wurde: „Na ja, also. Das Hab ich auch von Ihnen nicht anders erwartet." Wer denkt bei solche: Auszeichnung noch an Gefahr? — Nachdem ich diese erste Aufgab zur vollen Zufriedenheit des Kommandeurs erfüllt hatte, ward mi: in schwierigen Fällen stets die Ehre zu Theil, die Patrouillen zu führen. Einer unbezwinglichen Lust, viel Glück und ein wenig klarein Menscheiiverstand verdankte ich allezeit die erhoffte Lösung der viele: mir ertheilten interessanten Aufträge, von welchen ich nur einen einzigen flüchtig berühren möchte. In der Schlacht von le Man hatte unsere Division die Aufgabe, die Höhen von Monfort zu nehmei Da eine Erstürmung große Opfer erfordert haben würde, so entschlo sich das Generalkommando zu einer Umgehung der feindliche. Stellung. In der Nacht des 10. Januar 1871 wurde ich mit zwei Mann zu unserem Major befohlen. Es galt, das linksseitige Terrain bizum Eisenbahndamm abzusuchen, die Stellung des Feindes möglich'! genau zu erforschen und auf die Straßen und Wege, welche dur!> die Schluchten führten, zu achten. Nach dreistündigem angestrengt:! Marsche traf ich mit meinen beiden leider verwundeten Kamerad:! wieder ein und wurde sofort zum Brigadegmeral v. K. .. gefüh:. Vorschriftsmäßig, wie wir es erlernt, machte ich kurze und bestimm >' Meldung, die den General ersichtlich angenehm berührte. „Also, me h Sohn," begann prüfend der Koinmandeur, „wie weit seid Ihr 'ra gekommen?" „Wie befohlen, Herr General, bis zum Eisenbahndann: das Würterhäuschen am Walde ist stark besetzt." „Na, dann tri 0 erst mal einen Cognac, — den hast Du ehrlich verdient." Währeo der Bursche mir die willkommene Labung reichte, unterhielt sich l > General mit seinem Stabe und wandte sich dann wieder zu mir >: :t der Frage: „Kannst Du Karte lesen?" „Zu Befehl, Herr General " „dann bezeichne mal mit diesem Bleistift Euren Marsch ganz genau Nachdem das geschehen und alle weiteren Fragen ihre Erledig» gefunden hatten, wurde ich mit freundlichen Worten entlassen. T i Tage nach der Einnahme von le Mans erschien der beliebte Gene >> vor unserem Bataillon mit der Weisung: „Bitte, Herr Major, las » Sie mal den schwarzbärtigen Gefreiten von der . . . Kompag :f vortreten." Klopfenden Herzens stand ich vor der Front. „Es s-ä ganz genau gestimmt, mein Sohn," meinte der General vergilt! » „ich danke Dir nochmals," und zum Major gewendet, sprach > mehrere Male den Kopf neigend: „wenn Die wollen, dann sind :c zu Allem zu gebrauchen." — Im Felde da gilt allein der Mann. Niemand frägt nach d:> kirchlichen Bekenntniß des strammen Soldaten, hier entscheidet n r seine Leistung. In den ernsten Tagen des Krieges, wo es sich » das Wohl und Wehe des Vaterlandes handelt, da erkennt Jeder - Nichtigkeit der konfessionellen Unterschiede. Welcher Kampfgenosse b» wohl im verheerenden Feuer daran gedacht, ob sein Nebenma. -> Lutheraner, Katholik oder Jude sei? Der Anblick des Todes erwcU absolut gleiche, im Wesen der Menschen begründete Regungen. v-' habe während der sümmtlichen Kämpfe unseres Bataillons nieiimu