Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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153 Schrift au: Mene mene lekel upharsin; — mene, gezählt: gezählt! hat Gott Deine Regierung und macht ihr ein Ende; lekel, gewogen: gewogen bist Du aus der Wage, und bist zu leicht befunden; plmrsin, theilende: getheilt wird Dein Reich und gegeben dem Meder und Perser. — Dies ist das Mene-Tekel, das zum i fliegenden Worte geworden ist. Noch eine Erzählung (Kap. 4) enthält unser Buch, der wohl oft! genug nur spöttisch gedacht wird: Nebukadnezar ward wahnsinnig und dem Thiere gleich; er ward aus der menschlichen Gesellschaft; ausgestoßen, lebte unter den Thieren wie diese und bekam sogar thierische Gestalt. Auch ernste Forscher konnten sich diese wunderj lichc Erzählung nur dadurch erklären, daß dieselbe eigentlich gegen den verhaßten Antiochus Epiphanes gemünzt sei, von dem das Gej rächt ging, daß er zeitweise wahnsinnig gewesen sei. Eine genügende! Erklärung kann ich hierin um so weniger finden, als erstlich diese j Begebenheit aus dem Leben Neblikadnezars uns in unserem Buche | zweimal erzählt wird, und beide Male, einmal kurz und gelegentlich,! einmal ausführlich in einem bebändern Kapitel, mit demselben hohen! religiösen Ernst und derselben sittliche» Strenge, welche das ganze Buch durchwehen. Zweitens aber ist auch der Erfolg der hier er-! zählten Begebenheit ein besonders hoher, wie ich sogleich zeigen werde. j Dergleichen kann sich wohl an ein Gerücht im Bolke anlehucn, aber! nicht durch ein solches geschaffen sein und darf nicht als bloße Satire, als Spottgedicht, aufgefaßt werden. Der Kern, der das Ganze hervorgebracht hat, scheint mir in der Frage zu liegen, welche die Männer jener Zeit wohl beschäftigen konnte, nämlich in der Frage: ivie konnte der Prophet Jeremia (25, 9. 27, 6. 48, 10.) den Zerj störer des Tempels, des Gotteshauses in Jerusalem, einen „Knecht j Gottes" nennen? Hierauf antwortete man: ja, er war ein Knecht Gottes, er hatte Gott als den alleinigen Herrn anerkannt, nachdem er in einer fürchterlichen Strafe die Allmacht Gottes an sich erfahren satte. Waren es sonst die Frommen, die ihren Glauben trotz des! mgedrohten Todes fest hielten: so ist es hier das Urbild der Bos-! »eit und Gottesleugnung, Nebukadnezar, der schließlich den LVN ne Heiligung des göttlichen Namens bewirkt. Insofern bildet diese Erzählung die Spitze des erzählenden Theils unseres Buches, und da n derselben auch ein Traum und dessen Deutung durch Daniel mit- ' vielt, so macht sie den Uebergang zu dem andern Theil des Buches, ,n den Visionen. Nebukadnezar selbst wird erzählend eingeführt (Kap. 4) und er eginnt: „Gruß allen Völkern der Erde. Ich geruhe, die Wunder >nd zu thun, welche der höchste Gott an mir gethan, Er, dessen Eich ewig ist, und dessen Herrschaft über alle Geschlechter." So nssen wir sogleich, worauf Alles hinausgeht. Nebukadnezar erzählt ' inen Traum. Er sah einen Baum von wundervoller Pracht mitten ' uf der Erde, an den Himmel reichend; das Gethier des Feldes igerte in seinem Schatten, in seinen Zweigen wohnten die Vögel : er Luft, von seinen Früchten lebten sie Alle. Das war, wie wir! - ns sagen, der B'Vn fV der Lebensbaum »ach heidnischer Vorstellung, rr das Symbol des alle Lande mit Menschen und auch Thieren j 1 -7, 6) beherrschenden Königs Nebukadnezar. Da stieg ein Engel! rab vom Himmel und rief mit Macht: „Hauet den Baum um! uir die Wurzel lasset in der Erde . . . auf daß alles Lebendige er- »ne, daß der Höchste über das Köuigthum der Menschen herrsche." Eaiüel gab die Deutung des Traumes, und es traf Alles ein. Einst, nach zwölf Monden, wandelte Nebukadnezar auf dem Söller seines alastes umher und sprach: „Dies da ist das große Babel, das ich gebaut zum Sitze des Königthmns durch die Stärke meiner Kraft, Ruhme meiner Herrlichkeit." Das übermüthige Mort war kaum - "ein Munde entflohen, da kam eine Stimme vom Himmel: „Dir! wird gesagt, König Nebukadnezar, Deine Herrschaft ist von Dir gewichen, ausgestoßen wirst Du aus der Gemeinschaft der Menschen, und mit den Thieren des Feldes wirst Du wohnen." Und so geschah es i» selbigem Augenblicke. Nach Verlauf der Zeit aber, so erzählt Nebukadnezar, kam ihm der Verstand wieder und er ward wieder König. Er schließt: „Nun verehre ich den Herrn des Himmels; dessen gesammtes Thun Wahrheit, und dessen Wege Recht sind, und die in Hochmuth wandeln, kann er erniedrigen." Diese Anerkennung Gottes ist religiös noch tiefer als die des Darius. Dieselbe Erzählung, aber in Kürze, ohne den Traum, nur das Schicksal Neblikadnezars und dessen Sinnes-Aenderung, also den Kern heraushebend, hat Daniel auch in der Anrede an Belsazar vorgetragen, als er ihm die wunderbare Schrift deutete: „Du aber, mein Sohn, hast Dich nicht gedemüthigt, obwohl Du das Alles aus dem Leben Deines Vaters wußtest. Darum ist Dein Untergang beschlossen." (Schluß folgt.) ¥ FEUILLETON h®- Aus Deutschlands großen Tagen. Skizze von S. SteinbergE) Unser allverehrter Kompagnie-Chef, Hauptmann v. B. ein strammer aber peinlich gerechter Offizier, liebte es, bei paffender Gelegenheit seiner vicljührigen Erfahrung folgenden Allsdruck zu geben: „Die Juden sind entweder sehr schlechte oder sehr gute Soldaten. Eine Durchschnitts-Mittelmäßigkeit giebt es bei ihnen nicht. Der jüdische Rekrut ist leicht oder gar nicht zu erziehen." Zum letzten Male vernahm ich diesen, zunächst befremdenden Ausspruch während der Mobilisiruug unseres Regiments zum Kriege von 1870/71. In dieser Zeit der hehren Begeisterung, wo jedes ehrliche Soldatenherz in heiliger Vaterlandsliebe mächtig gegen die Rippen pochte, ein inniges, gemeinsames Empfinden jeden, auch den leisesten llnterschied mit elementarer Gewalt verbannte, da unterbrach plötzlich eine schrille Diffonanz die seelische Harmonie in unserer Kompagnie. Ein jüdischer Kamerad, der Einjährig-Freiwillige L.war erkrankt. Nach eingehender Untersuchung seitens des Stabsarztes lvurde der Kranke für Felddienst »ntanglich erklärt und dem Ersatzbataillon überwiesen. Die Mannschaft bedauerte lebhaft das traurige Mißgeschick des vom Kampfe mit dem Erbfeinde ausgeschlossenen Kameraden. Der erwähnte unliebsam berührte Mißton ging von dem überspannten Unteroffizier B. . . . aus, der sich zu der allgemein verletzenden Behauptung hinreißen ließ: „Der Jude sei nur feige und wolle sich drücken." Wie schmerzlich diese Kränkung die verhältiiißmüßig große Anzahl der jüdischen Glaubensgenossen unserer Kompagnie und ganz besonders den Schreiber dieser Zeilen berührte, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. War er doch ebenfalls bei der letzten Revision für „Felddieust" untauglich erklärt und erhielt erst auf seine flehentlichen Bitten vom Bataillonskommandeur Major v. G. die beglückende Erlaubniß, „auf eigene Verantwortung" mit ins Feld ziehen zu dürfen. Bei Gelegenheit einer privaten Unterhaltung uüt unserem Hauptmanne nahm ich Veranlassung, das unstatthafte Benehmen des Unteroffiziers zu melden. Augenscheinlich hatte der graddenkende Chef den Schwerpunkt jener beleidigenden Aenßerung erkannt; dennoch blieb er in seiner väterlich-wohlwollenden Weise bemüht, mich 9 Nachdruck verboten.