Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Im ersten fiopitcl wird eine bloße Erzählung gegeben. Nebutädnezar befiehlt, Iliiiglinge uns den königlichen Hüuiern und den fürstlichen Geschlechtern seines Reiches und so auch des Volkes Israel, als Edelknaben znm Dienste im Palaste des Königs heranznziehen. An diesem Behnfe sollten sie zuvor in Schrift und Sprache der Chaldäer unterrichtet werden, drei Jahre lang, und während dieser Zeit sollte» sie aus der königlichen Küche mit Speise und Trank aufs Beste verpflegt werden. So kanten Daniel, Chananja, Mischael und Asarja an den königlichen Hof und sollten mit den andern Jünglingen in gleicher Weise genährt werden. Daniel aber mit seinen jüdischen Genossen mochte die ungesetzliche Speise nicht und erbat sich vom Schloßverwalter die Gunst, sich nur mit Gemüse sättigen zu dürfen und Wasser statt des Weines zu trinken, lind nach Verlauf von drei Jahren wurden die Jünglinge dem König vorgestellt, und die jüdischen erschienen körperlich schöner und gesünder und in allein Wissen kundiger als alle anderen. Daniel aber verstand sich außerdem auf Gesichte und Träume. Charakteristisch in dieser Erzählung ist die strenge Beobachtung der Speisegesetze und sogar das Verbot des von Heiden konrmenden Weines, während solche Strenge in der Masse des jüdischen Volkes noch nicht üblich war. Noch weniger tvird das dreimalige Debet des Tages mit der Wendung des Gesichts nach Jerusalein, wie Daniel nach der Erzählung eines folgenden Kapitels es verrichtete, im Volke damals schon stehender Gebrauch gewesen sei». Beides ward erst in der talmudischen Zeit feste und allgemeine Sitte in Israel. Ich verfolge nun zunächst die andern Erzählungen, die in unserem Buche enthalten sind. Im dritten Kapitel wird erzählt, Nebukadnezar habe ein Götzenbild errichten lassen, zu dessen Einweihung alle Fürsten und Beamte des Reiches eingeladen wurden, mit dem Befehle, auf das durch die Musik gegebene Zeichen vor dem Götzen niederzuknien. Die drei Juden Chananja, Mischael und Asarja, welche drei Provinzen zu verwalten hatten, und ebenfalls zum Feste der Einweihnug geladen waren, halten den Befehl des Königs nicht beachtet und waren nicht niedergefalleu vor dem Götzen. Das ward dem König in gehässiger Weise hinterbracht. Er forderte sie vor und fragte sie, ob es ihr bewußter, wohl überlegter Vorsatz sei, dem Gotte des Königs nicht zu dienen und vor dem Bilde nicht niederzufallen. Wenn dem so wäre, würde er sie in den feurigen Ofen werfe» lassen; und wer wäre wohl der Gott, der sie retten würde. Sie antworteten (ich übersetze wörtlich V. 16-18): „Wir sind nicht in Verlegenheit um die Antwort, die wir Dir zu geben haben. Siehe, unser Gott, dem wir dienen, vermag uns aus dem feurigen Ofen zu erretten und tvird uns, o König, aus Deiner Hand erretten. Wenn aber auch nicht, so sei Dir zu wissen, daß wir Deinen Göttern nicht dienen und das von Dir errichtete Bild nicht anbeten werden." Das tvar eine klassische Antwort voll Ruhe, ohne Trotz, in fester Gottergebung; und schon diese Verse allein machen es erklärlich, daß nie ein Bedenken gegen die Heiligsprechnng des Buches Daniel aufkam. — Hochgeehrte Anwesende, Sie kennen die Erzählung und wissen, was weiter folgte. Die Frage, ob sich das wirklich zugetragen habe, verzeihen wir dem Kinde; dem Boshaften anttvorten wir: nicht einmal, tausendmat ist solches geschehen in der Geschichte des jüdischen Volkes; und obwohl die Juden auf den Scheiterhaufen geworfen, verbrannten, waren wir doch nie um die Aullvort verlegen: „Gott wird helfen; und wenn auch nicht, Götzen beten wir nicht an." — Ich muß aber noch hiuzufügen, wie der Erzähler abschließt. Rebukadnezar sprach: „Gepriesen sei der Gott, der seine Diener rettete, die auf ihn vertrauten und de» Befehl des Königs übertraten und ihren Wib Preisgaben, daß sie nicht irgend einen Gott anbetete» außer ihren Gott." Eine ganz ähnliche Erzählung, wie die eben betrachtete, liefert das sechste Kapitel. In der eben vorgeführten ivar Daniels mit keiner Silbe gedacht, worauf ich zurückkommen werde; nun wird er unter dem König Darins in dieselbe Versuchung gebracht, wie jene drei unter Rebukadnezar. Darius hatte drei Fürsten ernannt, denen die Verwalter seiner Provinzen Rechenschaft ablegen sollten. Unter jenen dreien war auch Daniel, und er zeichnete sich durch Einsicht und Treue so aus, daß er die Gunst des Königs im höchsten Maße genoß. Bei den hohen Beamten allen aber erregte er Neid und Haß; und da sie wohl einsahen, daß sie dem Daniel nichts anhaben könnten, wenn ihnen nicht sein Gottesdienst Anlaß fließt: so bestürmten sie den König, er möge doch gebieten, wer binnen dreißig Tage irgend eine Bitte stelle an einen Gott oder an einen Menschen außer an den König, der solle in die Löwengrube geworfen werden. Ohne Rücksicht hierauf stieg Daniel auf den Söller seines Hauses, welcher auf der nach Jerusalem gewandten Seite offen tvar, und betete hier nach seiner Gewohnheit. So übertrat er den Befehl des Königs, nicht heimlich, sondern ganz öffentlich. So ward Daniel in die Löwengrube geworfen, während ihm der König zurief: „Dein Gott, den Du anzubeten nie ablüssest, er errette Dich." Das Ende ist Ihnen, hochverehrte Anwesende, bekannt. Indessen inuß ich doch wieder den Schluß der Erzählung hervorheben. Während Nebukadnezar in Anerkenuliug der Gottesfurcht der drei Freunde befohlen hatte, daß Niemand in seinem Reiche den Gott Israels lüstern dürfe, weil er der mächtigste aller Götter sei: so ergeht der Befehl des Darius, viel weiter greifend, dahin, „daß mau im ganzen Reiche den Gott Daniels fürchte und verehre; denn er ist der lebendige und ewig seiende Gott, dessen Reich nicht zerstört wird, und dessen Herrschaft bis ans Ende. Er löset und errettet und thnt Zeichen und Wunder | im Himmel und auf Erden. Er hat den Daniel erlöst aus der j Gewalt des Löwen." So ist der Sinn dieser Erzählungen durchaus klar: es sollte das Bewußtsein gestärkt werden, daß der Jude niemals dem Befehl eines Königs Folge leisten dürfe, welcher gebietet, einen Götzen oder de» König selbst anzubeten. Die Wirkung solch treuen Festhaltens an der Lehre Gottes werde sein, daß auch die Könige und alle Völker den Gott Israels als den einzigen wahren anerkennen werden - der DtPn imp.! Noch eilte dritte Erzählung enthält unser Buch, (Kap. 5), welche ' von dem größten englischen Dichter unseres Jahrhunderts und mW' von unserem Heinrich Heine in einer Ballade bearbeitet wurde. — Der König Belsazar gab seinen Fürsten ein großes Gelage; und als sie im lustigsten Zechen waren, befahl er, die goldenen und silbernet Gefäße herbeizuhvlen, welche sein Vater Nebukadnezar aus de» Tempel zu Jerusalem weggenommen hatte, daß daraus tränken de: König und seine Großen, seine Gemahlinnen und seine Kebsweiber Die Gefäße aus dem Gotteshanse tvurde» gebracht, mau trank Weit und sang Loblieder auf die Götze». Plötzlich erschienen Finger eine; Menschenhand und schrieben dem Leuchter gegenüber auf die Wan! des Saales, und der König sah die Hand, welche schrieb. Da er blaßte der König, zitterte am ganzen Körper und seine Kniee schlüget an einander, und er schrie nach den Weisen Babels, ob einer von ihnen diese Schrift lesen und ihm deuten könne. Niemand der mochte es. Ans den Rath der Königin-Mutter, welche in Folge de: Aufregung in den Saal gekommen war, wird Daniel geholt, der unter Belsazar ganz vergessen tvar. Daniel sagte zum König: weil Du Dich nicht gedemüthigt hast vor dem Herrn des Himmels, und hast die Geräthe seines Tempels entweiht und singst Loblieder den Götzen, den Gott aber, in dessen Hand Dein Odem ist und bei dem j Tein ganzes Schicksal steht, nicht verehrst, so kündigt Dir diese