Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228000--49656-3271232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
151 Häscher des Polizeimeisters bringen ihn gleich vor diesen, wo er erfährt, er dürfe nicht mehr hier wohnen. Dies ist der Lohn für den langen, aufopfernden Militärdienst. Von einem solchen Soldaten ließ sich Mr. Caine seine Erlebnisse niederschreiben und las sie in seinem Vortrage vor. Peinliche Stille herrschte im Jewish Workmans Klub, nur grainverzehrte Schatten der psychischen Autodafes, unheimliche Gestalten der „varüest Russia“ huschten vorbei. Und die hier standen, sie sahen nur „das geschriebene Bekenntniß der offiziellen Unmenschlichkeit und Brutalität". Nach der Ansicht Caines haben die Juden-Verfolgungen in Rußland mehr einen wirthschaftlichen und politischen als einen religiösen Charakter. Der moderne Antisemitismus, der das Kleid des Flagellanten und Kreuzfahrers in das moderne „wissenschaftliche" eines National-Oekonomen umgeändert und aus dem mittelalterlichen „Christusmörder" einen Ausbeuter, ein unproduktives Individuum geschaffen, ist dank der russischen Journalistik auch hier eingedrungen. Freilich der von den Russen so hoch geachtete Anhänger der klassischen National-Oekonomie Leroy-Beaulieu war hierbei nicht ihr Muster. Der fanatische, ungebildete Pöbel jedoch wird gegen die Juden gehetzt, und bei dem von oben protegirten Judenhasse können die asiatischen Ausbrüche der Volkswuth kein Wunder nehmen. Selbst der Metropolit von Moskau machte in einem Interview dem Herrn Caine kein Hehl daraus. „Die Juden — erklärte er — werden nur verfolgt, weil sie Christum verfolgten. Dies wäre nicht der Fall, wenn sie sich zu Christi Lehren bekehren würden, denn nur derjenige ist ein wahrer Christ, der so handelt, wie er wünscht, daß Andre handeln." Durch die Paraphrase des Kant'schen Sittengesetzes ist wohl am besten die Stellung des in Rußland omnipotenten Klerus charakterisirt, worin sie nur ihrem obersten Chef und Vorbild, dem Ober-Prokurator Pobedenoszow folgen. Und doch sind die Juden große russische Patrioten. Mr. Caine erinnert daran, daß im Jahre 1812 die Juden in Moskau, obwohl große Anhänger Napoleons I. und voll Dankbarkeit für die ihren Glaubensgenossen in seinem Reiche gewährten Rechte, sich doch freiwillig entschlossen, ihr ganzes Hab und Gut zu opfern, um ihr Vaterland zu retten. Mit Freuden kommen sie auch jetzt allen ihren Pflichten als „Staatsbürger" »ach, obwohl sie gar keine staatsbürgerlichen Rechte haben. Caine hätte auch, da er ja gerade in der letzten Zeit in Rußland war, auf die jüngste ägyptische Plage in Rußland verweisen können, wo die jüdischen Aerzte mit Gefahr ihres Lebens Andersgläubigen Hilfe leisteten und oft diese ihre „Nächsten" vor der Wuth der Connationalen derselben schützen mußten. In einem zweiten Vortrage, den Mr. Caine in der „Chovevei Zion Association" hielt, beschäftigte er sich ausführlich mit der positiven Lösung der Judenfrage in Rußland. Er hatte bereits im „Scapegoat“ diese Frage eingehend behandelt unb gelangt zui» Resultate, daß nur durch Gründung von jüdischen Ackerbau-Kolonien in Palästina der beste Ausweg und das gründlichste Heilmittel zu finden sei. Dem großartigen Werke des Barons Hirsch besondere Anerkennung zollend, sieht er in der Kolonisation Palästinas das Produkt der wirthschaftlichen Selbsthilfe, die auch dem Volksgeiste Rechnung trägt. Er selbst bekennt sich als ein eifriger Anhänger dieser Bestrebungen, als ein „Rover ok Zion", und ist entschlossen, in Begleitung des Herrn Elkan Adler im Frühjahr eine Reise nach Palästina anzutreten. So bildet denn Mr. Hall Caine einen Ersatz für den unvergeßlichen Lawrence Oliphant, den Mann, der ohne Ruhe und Rast sich stets für die leidenden Juden einsetzte, den Träger eines höheren Humanitätsgedankens, den Freund Israels. Eine erhabene Gesinnung, ein Stück von jenem stets für die höchsten Ideale der Menschheit kämpfenden Geiste eines Beaconsfield und eines Palmerston durchglüht die Reden Caines, und mit Recht durfte der Vize-Präses der „Chovevei Zion Association“ Herr Pra g in seiner Dankrcde darauf antworten: „Es ist eine kleine Oase in dieser Wüste der Judenhetze und des Judenhasses (Jew-baiting and Jew-hating), einen Mann von so hohem Bildungsgrade und einer solchen sozialen Stellung zu finden, der so warm für unser Volk fühlt und bereit ist so viel zu opfern, um dessen Verhältnisse genau kennen zu lernen." Bas Buch Banrel und dessen Ginssuß auf die Folgezeit. Von Prof. Dr. H. Steinthal. Das Buch Daniel ist das jüngste unter den biblischen Schriften. Es ist jünger als Esther, jünger als die Bücher der Chronik und die sich an dieselben anschließenden Bücher Esra und Nehemia, kennt aber die maktabäische Erhebung noch nicht. Also mag es aus den Jahren von 200—164 v. Chr. stammen. Schon dieser späte Ursprung des Buches kann uns die genauere Betrachtung desselben besonders nahe legen. Tenn sehr kurz nach besten Abfassung muß der Kreis der heiligen Schriften abgeschlossen sein; und nicht nur hat keine noch spätere Schrift mehr Aufnahme gefunden, sondern auch die Sprüche des Josua ben Sirach, der etwa um dieselbe Zeit schrieb, wurden, obwohl sehr geachtet, viel gelesen und zitirt, doch nicht mehr für so würdig befunden, um Theile des heiligen Buches bilden zu können. Man stellte also hohe Anforderungen an die kanonischen Bücher; und wenn noch ein paar Jahrhunderte darüber diskutirt ward, ob nicht einige von den anfgenomnienen Büchern wieder ausgeschieden werden sollten, wie Kohelet, das hohe Lied und die Sprüche Salomo's, Esther, ja, wenn man sogar an der Autorität des Propheten Ezekicl zu rütteln wagte: so hören wir nicht, daß man jemals Daniels Würdigkeit angezweifelt hätte. In der griechischen Uebersetzung der Bibel hatte die Verehrung Daniels solche Höhe erreicht, daß man denselben als Propheten sogleich nach Ezekiel stellte, und man muß zugestehen, daß er hier eine nicht unsachgemäße Stellung gefunden hat. Unsere Maßora aber hat einen besteren philologischen Takt bewiese», indem sie denselben in die dritte Abtheilung der heiligen Schriften gesetzt hat, in welcher Bücher sehr verschiedenen Inhalts, wie Psalmen und Kohelet, vereinigt sind. Daniel wird ja auch nirgends Na bi genannt; er führt einen nur ihm verliehenen Beinamen, den wir wohl am besten „vielgeliebter Mann" übersetze». Ihm wird eine göttliche Offenbarung, weil er, wie der Engel sagte (9,23), eine „Kostbarkeit" sei. Ezekiel (14, 14) nennt einen Daniel neben Noah und Hiob als Muster eines Frommen der Urzeit und (28, 3) als einen Weisen, dem das jedem Anderen Verborgene enthüllt ist. Dieser von Ezekiel erwähnte Daniel kann nicht der Held unseres Buches sein; nirgends auch wird gesagt, daß dieser Held selbst der Verfasser des Buches sei. Der Umstand, daß Daniel in einigen Kapiteln sich selbst als Erzähler durch Ich einführt, kann nichts beweisen, da im vierten Kapitel auch Nebukadnezar auftritt und sich durch Ich bezeichnet. Lassen wir die Frage vom Verfasser so lange ruhen, bis wir das Buch nach seinem Inhalt genau durchgenommen haben. Für meine erste und hauptsächlichste Pflicht in dieser Stunde halte ich es, Ihnen die hohe Bedentnng und de» ganz eigenthiimlichen Charakter dieses Buche? vorznsühren.