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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-31 · Heft 13 (31.3.1893) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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mit zagem Herzen, an einige mir bekannte, sehr wohl situirte akademische Lehrer christlichen Glaubens, und was war das Resultat? Nur sehr wenige, leider Gottes, waren zu bewegen, armen bedrängten Juden zu helfen, so daß ich mein Vorhaben aus Mangel an Erfolg bald aufgeben mußte. Den zehnten Theil desien brachte ich zusammen, was ich für die nothleidenden Dorfbewohner erbettelt hatte. Da wundert sich noch die „Volkszeitung", wenn einmal ein Jude, der nichts weniger als „engherzig konfessionell" war, nur seinen Glaubensgenossen ein Legat zuwendet! Kein Blatt, nicht blos ein antisemitisches, bin ich fest überzeugt, wird irgend etwas Bemerkens- oder gar Tadelnswerthes darin finden, wenn ein christlicher Testator sein Vermögen nur zur Unterstützung von Christen vermacht. Meiner Ansicht nach muß jeder Jude nur dem zustimmen, was die „Allgem. Zeitung des Judenthums" am Schlüsse des Leitartikels vom 7. d. M. „Jüdische Legate" ausführt. Es ist nicht blos ein Gebot der Selbsterhaltung, sondern auch der Selbstachtung, wen» wohlhabende Juden vor Allem und zuerst ihren Glaubensgenossen Unterstützungen angedeihen lassen. So, wie die Dinge jetzt liegen, würden unsere Armen elend zu Grunde gehen, und der zu seiner Fortbildung mittellose Jude zum Paria der Gesellschaft hinabsinken. wenn dieser und jener nur auf die Hilfe unserer nichtjüdischen Mitbürger angewiesen wären. U Mr. Hall Caine. Bon S. R. Landau. Es war dies im Monat August und ich weilte zufällig in Krakau. Die Cholera näherte sich immer mehr der österreichischen Grenze und mit banger Angst erwartete man, was man trotz der größten Vorsichtsmaßregeln nicht abhalten konnte. Und doch sprach Alles nur von einem Engländer, der in Krakau eingetroffen, um das Leben der Juden, hauptsächlich der orthodoxen, genau zu studiren, Denkmäler zu besichtigen, mit ihren Ceremonien und Gebräuchen näher bekannt zu werden. Es war ja ein Engländer — und dieses erklärte seine Neugierde. Nicht mächtig einer andern Sprache außer der englischen, mußte er sich eines Dolmetschers bedienen, und durch Intervention maßgebender Personen wurde ihm ermöglicht, die gewünschten Beobachtungen zu machen. So hat er einem Beschneidungsfeste, einer Hochzeit und einem Begräbnisse more judaico beigewohnt, und beim Tische eines wegen seiner großen Wohlthätigkeit zum Nassi von Jerusalem ernannten, streng Orthodoxen hatte er Gelegenheit, das „unverfälschte" lecho-daudi und den „Kidusch“ zu hören. Auf diese Weise mit den wichtigsten rituellen Gebräuchen der Juden bekannt, beschloß er, seine Reise .der Polen nach Rußland fortzusetzen. Weder die strengen sanitären Maßregeln, noch die stark grassirende Epidemie, die immer mehr Opfer verschlang, konnten den Reisenden zurückhalten — ihn führte ja eine höhere Mission, für die er bereit, sein ganzes Sein einzusetzen, bereitwillig auch der Gefahr trotzte. Dieser Mann war Mr. Hall Caine. Auf dem Kontinent wenig bekannt, zählt er in London nicht nur zu den fähigsten und angesehensten Schriftstellern, sondern auch zu den wärmsten Judenfreunden. Einer der Veranstalter des Guide-Hall-Meetings, mochte er vielleicht nicht ganz an die Schilderungen der Zustände in Rußland geglaubt haben. Diesem feinen, weichen Gemüth schien es unglaublich, daß ein europäischer Staat einen Theil seiner „Staatsbürger" in solch brutaler Weise behandelt, und unter dem Eindrücke der Skepsis hat sich Mr. Caine entschlossen, durch Autopsie, durch Studium von Land und Leuten sich selbst eine eigene Meinung zu bilden. Ob er wohl das Napoleonische Wort: „Cherchex le Russe, et vouz trouverez le Tartare“ kannte? So beschloß er denn nach der „Darkest Russin" zu reisen, unbekümmert um die Strapazen der Reise und die gegen den Westen heranrückende Cholera. Ein neuer George Kenaan des geistigen und religiösen Sibiriens, wollte er nicht nur das Uebel selbst, sondern auch die Motive an Ort und Stelle untersuchen und irgend ein Heilmittel ausfindig machen; andererseits aber die russischen Juden, ihre Eigenthümlichkeiten, ihr Leben und ihr Treiben, ihre Weltanschauung und ihre geistigen Bestrebungen näher kennen lernen. Im Dezember 1892 kehrte Mr. Hall Caine nach London zurück und legte hier in zwei höchst interessanten Vorträgen die Resultate seiner Reise und seines Studiums nieder. Bereits früher hat die Zeitschrift „Scapegoat“ (Sündenbock) einzelne Nachrichten über seinen Aufenthalt in Rußland gebracht, und kein Wunder, wenn der erste Vortrags-Abend im Jewish Workmen’s Club, bei dem Chief- Rabbi Dr. Adler den Vorsitz führte, von einem zahlreichen Publiknm besucht war, das hinkam, voll Begierde, ein authentisches Urtheil über die russischen Zustände zu hören. Was Mr. Caine dort erzählte, ist im Großen und Ganzen nicht neu, er brachte nur frische Illustrationen in die Galerie des jüdischen Märtyrerthums, aber der warme Ton, der edle Hauch, der über die ganze Rede wehte, das tiefe Empfinden für die Leiden jener Opfer, die plötzlich ihrer Heimath beraubt, gleich ihren Ahnen von vor vier Jahrhunderten den Wanderstab ergreifen müssen, die besondere Sympathie und Verehrung, die der Vortragende für das Judenthum bekundete, und schließlich seine Persönlichkeit selbst, dies Alles gab der Rede eine besondere Weihe und riß das Publiknm zu frenetischem Beifall hin. In der Einleitung finden wir eine genaue Schilderung des kulturellen und intelektuellen Niveaus der jüdischen Bevölkerung in Rußland, sowie auch sehr bemerkenswerthe historische Daten über die Bestrebungen der verschiedenen Zaren, die darauf hinzielten, die Juden zur Beseitigung der „Pejes" und des „Kaftan" zu zwingen. Wie seit Peter dem Großen die ganze „Civilisation" in Rußland nur eine äußere Tünche war, so waren auch rücksichtlich der Juden die Zaren bestrebt, sie nur in ihren äußeren Lebensgewohnheiten, in Kleidung und Sprache den anderen Bewohnern des Landes gleichzustellen; von einer Erhöhung ihres geistigen Niveaus, ihrer Bildung war keine Rede. Kaiserin Katharina und Alexander I. haben den Juden gestattet, die äußern Abzeichen einer Exklusivität zu tragen, doch seit Nicolaus beginnt wiederum der „Uniformirungszwang". Mr. Caine hatte selbst in Rußland viel zu leiden; er verkehrte j ja mit Juden, besuchte Synagogen, war ein Fremder, und so mußte er sich darauf gefaßt machen, daß ihn stets zwei Geheimpolizisten begleiteten. Die Berichte George Kenaans scheinen die russische Regierung wachsam gemacht zu haben, sie hütet jetzt sorgsam ihr Land, damit nur keine Nachricht über die wahre Behandlung ihrer Bürger in die Welt gelange. Bis vor Kurzem waren alle ausgedienten jüdischen Soldaten berechtigt, im ganzen russischen Reiche ihren ordentlichen Wohnsitz zu nehmen und ein Gewerbe zu betreiben. Wem der schwere, an physischen Entbehrungen so reiche, oft sogar mit Hunger verbundene Militärdienst im russischen Heere, der ja das Doppelte der Dienstpflicht in andern Staaten beträgt, bekannt ist, wird dieses „Privilegium" für ein gewiß verdientes betrachten, und doch besteht es nur auf dem Papiere. Nach fünf bis sechs Jahren kommt der Mann in seine Geburtsstadt zurück, er will sich zuerst mit seinen Angehörigen freuen, bis er an das Weitere denkt. Er war aber zu lange abwesend, und die

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