Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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149 sorgen Das wäre das Verkehrteste von Allem, was geschehen könnte. Die Verfassung kennt nur Vertreter des gesammten Volkes und keinerlei Vertreter irgend welcher Sondcrinteressen. Wir würden durch eine derartige Jntereffenvertretnng die moralische Stärke unserer Position innerhalb der Allgemeinheit ganz beträchtlich herabmindern. Es handelt sich in diesem ganzen Kampfe nicht sowohl um jüdische als vielmehr um Rechtsinteressen, und zwar um Rechtsinteressen allererster Art. Freilich sind wir Israeliten an der Geltendmachung dieser Interessen vor allen übrigen Staatsbürgern betheiligt. Alle diejenigen Mitglieder unserer Parlamente, denen die Parteileidenschast nicht den Sinn für das Recht getrübt, sind die geborenen Vertreter unserer israelitischen Interessen, insofern dieselben staatsbürgerlicher Art sind, und insofern dieselben durch die Machenschaften unserer Gegner als gefährdet erscheinen. Allein es giebt für uns Israeliten außer den staatsbürgerlichen Rechten, deren Schmälerung die Bestrebungen einzelner Parteien bezwecken, noch andere Jntereffen, die uns lediglich als die Zugehörigen zu einer scharf ausgesprochenen Glaubensgenossenschaft betreffen. Für die Geltendmachung dieser Interessen müssen wir selber eintreten. Hier kann und soll kein Anderer für uns eintreten. Hier müssen wir selber auf uns stehen und offen vor das deutsche Volk hintrete» und ihm sagen, was wir inmitten der deutschen Volksgemeinschaft sind und zu bedeuten haben, und was wir zn fordern gewillt und berechtigt sind. In öffentlicher Versammlung, in welche wir Israeliten unsere Vertrauensmänner hineinsenden, soll allsgesprochen werden, >vie die Zustände innerhalb der israelitischen Glaubensgenossenschaft Deutschlands beschaffen sind. Aus derartigen, von kundigen und unbefangenen Männern gegebenen Darstellungen werden sich mit Nothwendigkeit allerhand Refornivorschläge ablciten lassen, deren Durchführung alsdann weiteren Generalversammlungen überlasse» werden muß. Unseres Dafürhaltens sollten die maßgebenden Männer unter den Israeliten Deutschlands nicht zögern, die zur Zusammenberufnng einer solchen Generalversammlung erforderlichen Vorarbeiten in Angriff zu nehmen. Es ist hohe Zeit, daß etwas geschehe, daß die Gleichgiltigkeit oder die Resignation, welche sich bereits vieler Kreisen unserer Glaubensgenossenschaft bemächtigt haben, einer erfrischenden Thatenlnst, einer befreienden Arbeit für die bedrohte Gesammtheit Platz machen. Wie die Dinge bei uns nnn einmal liegen, sind sogar die von unserer Glaubensgemeinschaft abgefallenen Glieder an diesen unseren Kämpfen betheiligt, und es ist eitel Selbsttäuschung, dieses leugnen zn wollen. Mögen unsere Worte einen lauten Widerhall finden in allen Herzen unserer deutschen Israeliten! Möge es nns beschieden sein, noch in diesem Jahre von den Verhandlungen der ersten Generalversammlung deutscher Israeliten Kunde zn erlangen. An geeigneten Männern, auf jener Generalversammlung ein gewichtiges Wort vernehmen zn laffen, fehlt cs uns wahrlich nicht. Ist aber daran zu zweifeln, daß ernste, beherzigenswerthe Worte, von solch hervorragender Stelle verkündet, nicht auch willigen Eingang in die Herzen und Gemüther unserer Glaubensgenossen finden werden? Aber nicht blos auf die deutschen Israeliten, nein, auch auf das gesammte deutsche Volk wird eine derartige Kundgebung zweifellos ihre gute Einwirkung ausüben. Darum rufen wir nochmals unseren Männern in Israel zu: Tretet zusammen und verkündet allem Volke, was wir in Deutschland sind und was wir sein und bleiben wollen. d Zum Kapitel der jüdischen Legate. Bon Dr. I. Babad in Greifswald. Im „Berliner Tageblatt" vom 14. März d. I. Rc. 134 (3. S. unter dem Strich) war Folgendes zu lesen: „Eine neue Stipendien- Stiftnna wird an der Berliner Universität demnächst in Kraft treten. Es handelt sich um das Legat des am 12. Mai 1867 verstorbenen Alterthumsforschers Eduard Gerhard. Derselbe hatte mit seiner Gattin in einem wechselseitigen Testament bestimmt, daß nach dem Tode der Frau Geheimrath Gerhard ein Kapital von 22,500 Mk. der Universität als Legat zufallen solle. Die Wittwe des Gelehrten ist nunmehr gestorben, so daß die Eduard Gerhard-Stiftung jetzt ins Leben tritt. Sie soll dazu dienen, den in Preußen studirendc» jungen Männern christlichen Glaubens, welckie dem philosophischen oder archäologischen Fache — Aegyptologen und Orientalisten nicht ausgeschlossen — sich widmen, eine Unterstützung während ihrer Studienzeit zu gewähren". Dieses Legat nun, ist, wie man sieht, zu einer Zeit gestiftet worden, als das Wort „Antisemitismus" noch gar nicht geprägt war, als so manches damals „altliberale" Blatt, das seit fünfzehn Jahren mit vollen Backen in die Posaunen der Antisemiten bläst, wie z. B. die „Schlesische Zeitung" in Breslau und die „Köl-! nische", nicht höher schwuren als aus Lasker. : Ich weiß nun nicht, ob der „Reichsbote" die obige Nachricht gebracht hat. Ich bin aber fest überzeugt, daß, wenn es geschieht, er! diesen rührenden Beweis „christlicher Liebe" völlig in Ordnung finden wird, während ihm die Stiftung des kürzlich verstorbenen Geheimen Medizinalraths Dr. W. Cohn zur Ausbildung jüdischer Handwerkslehrlinge ein Beweis ist, daß „das Jndenthum nicht blos eine Religion, sondern eine Nationalität ist". Wenn die Herren, die gar j nicht genug ihre „christliche Liebe" rühmen können, auf deutschen Universitäten und anderen Lehranstalten doch Nachfragen wollten, wie viele von Nichtjuden ausgehende Stipendien die Bestimmung ent- : halten „ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung"! Die; Zahl dieser ist verschwindeird gering im Vergleich zu denen jüdischer Stipendien, die jeneri Zusatz enthalten. Und doch triefen die Herren Antisemiten sowohl strenger als leichter Observanz nur so von „christlicher Liebe". Hier ein Beispiel einer solchen aus meiner eigenen Erfahrung. Vor drei Jahren herrschte in einem, unweit von hier gelegenen, stark bevölkerten, aber armen Dorfe mehrere Monate hindurch eine furchtbare Typhusepidemie, die viele Frauen und Kinder ihrer Ernährerberaubte. Die Noth war groß, und da bat mich — cs war kurz vor Weihnachten — ein mir befreundeter christlicher Arzt, der allein die Kranken dort behandelt hatte, in seinem und im Namen des mir wohlbekannten, streng orthodoxen, dortigen Pastors, Superintendenten H., in meinem Bekanntenkreise an der hiesigen Universität eine Sammlung von Geld, Kleidungsstücken, Wüsche :c. zn veranstalten, zur Bescheerung der Armen und Nothleidenden des Dorfes, wozu ich mich natürlich sofort bereitwilligst erklärte. Ich brachte auch, ohne mich irgendwie rühmen zu wollen, eine ganz artige Summe zusammen, die der gleich war, die der Arzt in seinem Bekanntenkreise gesammelt hatte; der Pastor dankte mir zwar in einem sehr freundlichen Schreiben, was ich übrigens gar nicht für nöthig hielt, denn ich bin erst Mensch und dann Jude, er hielt es aber — charakteristisch genug — nicht für nöthig, mich, wohl aber den christlichen Arzt, zur feierlichen Bescheerung einzuladen. Da war ich natürlich doch der Jude! Ungefähr ein Jahr darauf war in allen Zeitungen die Bitte ergangen, für unsere, aus Rußland vertriebenen Glaubensgenossen Gelder beizusteuern und zn sammeln. Ich wandte mich nun, freilich