Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 flrojjc Herz des Judenthums. Und weil fromme, sittliche Freiheit gleichsam ein warmer Frühling ist in der Menschenbrust, der die Seele von dem Eis der Selbstsucht, von den Banden der Leidenschaften, von der Umklammerung der kalten Gehässigkeit befreit und erlöst, darum stellen wir an diesem Erinnerungsfeste unseres ehemaligen israelitischen Volksfrühlings in unseren herrlichen Festgebeien Gott unsere fernere Schicksale anheim; aller Groll ist vergessen, alle Feindschaft, aller Gram ist aus Israels Herzen gescheucht, alle Bitternisse der Vergangenheit und der Gegenwart sind versüßt durch den Freiheitskelch, der zukunftsfroh an diesem Feste perlt und schäumt: „So der König ist in unserem Kreise, giebt unsere Narde ihren Duft" — da ist in unserem Herzen der Trost und die Zuversicht in Gott.? Eine Generalversammlung deutscher Israeliten. V o n T r. I. K a st a n. Die Leidensgeschichte unseres Stammes und unseres Glaubens ist uralt und sie bleibt sich stets gleich; die Formen jedoch, unter denen sie in die Erscheinung tritt, wechseln je nach den allgemeinen Kulturzuständen der Völker. Man kann sagen, jedes Jahrhundert gebiert eine andere Form von Judeuhetze, und es gehört fürwahr ein unzerstörbarer Glaube an die unüberwindliche Macht der sittlichen Entwickelungsfähigkeit im Menschen dazu, um nicht schließlich zu verzweifeln. Dieser Glaube hat uns Israeliten aufrecht erhalten mitten in den schwersten Stürmen, die über uns im Laufe der Jahrtausende hereingebrochen sind, und dieser Glaube a» den sittlichen Fortschritt des gesa»nuten Menschengeschlechtes, dieses wahrhaft unveräußerliche Erbtheil unseres Stammes, wird uns auch die Roth der schweren Zeit, in welcher nur leben, ganz sicherlich überwinden helfen. Es wäre unserer ruhmreichen, freilich auch unserer thränenreichen Geschichte unwürdig, kleinmüthig zu verzage». Israels Wege sind nun einmal thränenschwer. Aber unser Trost liegt in der Geschichte unserer Entwickelung, in der Gewißheit, daß wir schon mit ganz anderen Gewalten fertig geworden sind, als mit dem zusammengelesenen Gelichter moderner Jndenhetzer. Auch für uns ist das Wort geschrieben: „Und die Pforte» der Hölle, das heißt der Bösen, werden dich, Israel, nicht überwinden!" Der Anblick, den die Gegenwart für uns darbietet, ist freilich ein sehr schmerzlicher und gar empfindlich sind die Kränkungen, denen unsere Glaubensgemeinschaft dermalen in Deutschland ausgesetzt ist, um so empfindlicher, je gesteigerter im Allgemeinen unser Ehrgefühl, unser Bewußtsein der Zugehörigkeit zu der Gesammtkultur des Zeitalters entwickelt ist. Von den Tagen Moses Mendelssohns und Gotthold Ephraim Lessings an bis auf unsere Zeit haben die deutschen Israeliten das Streben gezeigt, in immer stärkerem Maße Theil zu nehmen an der Entwickelung deutschen Geisteslebens. Wie nirgendwo anders aus Erden hat gerade in Deutschland solch eine befruchtende Wechselwirkrmg stattgefunden. Es ist kein Zufall, daß die Wiedergeburt der Wissenschaft vom Judenthum sich in Deutschland vollzogen hat. Die kritische Methode des deutschen Geistes, sie hat wie ein zündender Funke eingeschlageu in die jüdischen Köpfe und sie hat es bewirkt, daß die moderne Wissenschaft vom Judenthum auf die Wurzeln der deutschen Kritik im Allgemeinen zurückgeführt werden muß. Andererseits ist es ebenso wenig ein bloßer Zufall, daß gerade in denjenigen Gebieten menschlichen Schaffens, in denen sich das deutsche Gemüth am Edelsten entfaltete, nämlich in der! dichterischen und in der musikalischen Lyrik, deutsche Israeliten gleich- 1 falls so hervorragende Leistungen aufzuweisen haben. Es hatte eben! eine innigste Durchdringung dieser beiden von Haus aus gemüthsverwandten Elemente stattgcfunden. Der den deutschen Israeliten innewohnende Geist schien gleichsam nur der Erlösung aus dem! Banne zu harren, um sich sofort mit dem ihm verwandten deutschen j zu verbinden, sich mit ihm zu durchdringen. Es giebt kein zweites! Beispiel in unserer ganzen Geschichte; auch in Spanien nicht. Eine j geistige Durchdringung der beiden Elemente, wie in Deutschland seit | beinahe anderthalb hundert Jahren, hat dort nicht stattgefunden. Es würde natürlich den Nahmen eines Zeitungsartikels weit überschreiten, wollte man diesen Gedanken ins Einzelne durchführen. Die Andeutung mag daher genügen. Trotz alles Lärmens einer großen Zahl antisemitischer Tageshelden ist und bleibt es eine unbestreitbare völkerpsychologische Wahrheit, daß deutsche und jüdische Denk- und Empsindungsweise i» tiefstem Grunde einander verwandt sind. Wer weiß, ob nicht gerade in dieser Menge von Berührungspunkten der! wahre Grund der Abneigung gefunden werden mag. Vielleicht gilt; das Gesetz von der Abstoßung gleichnamiger Pole auch in der! moralischen Welt.! Doch sei dem, wie ihm wolle. Die empfindliche Kränkung, welche 1 die gegenwärtige Bewegung für uns deusche Israeliten hat und haben! muß, liegt aber in dem Umstande, daß wir wissen, wir sind eines! Geistes mit dem deutschen Volke und daß man trotzdem eine; Scheidewand aufrichten will, um uns hinter die Zeit von Moses! Mendelssohn zurückzudrängen. Denn das und nichts Anderes ist das Ziel unserer erbitterten Feinde. Sic wollen uns unser» Antheil an 1 dem Kulturleben des deutschen Volkes rauben, den mißgönnen sie uns . mehr noch als die vermeintlich unermeßlichen Schätze einiger jüdischer Großkapitalisten und Großhändler. Aber diesen unseren Antheil an > dem unzerstörbaren deutschen Idealismus werden wir uns nicht rauben lassen! Auch der deutsche Idealismus zeigt ja dermalen einige recht . bedenkliche blind gewordene Stellen. Aber das wird vorübergehen, und wenn er dann wieder in seiner die gesammte Welt umspannenden! Klarheit und Helligkeit leuchtet, dann wird es auch mit dem Nacht-! gespeust der Judenhetze in Deutschland vorüber sein. Allein wir dürfen diesem Entwickelungsprozeß gegenüber nicht in Unthätigkeit verharren; wir dürfen diesen Zeitpunkt nicht einfach! mit verschränkten Armen erwarten. Vielmehr ist es unsere Pflicht, den Kampf gegen unsere Feinde mit allen erlaubten Mitteln aufzunehmen. Thun wir dies, so erfüllen wir nicht nur eine Pflicht gegen uns selber, sondern auch gegen die Allgemeinheit. Denn der Kampf, den unsere Feinde uns aufgedrungen, ist ein Kanipf um die Behauptung eines nach unsäglichen Mühen endlich errungenen Rechtes, nämlich des Rechtes der staatsbürgerlichen Gleichheit der Bekenner aller Religionen! Dieses Recht ist ein kostbares Gut des gesummten deutschen Volkes und nicht blos der deutschen Israeliten. Dieses Recht muß ein unveräußerliches, ein unantastbares bleiben. Und dafür zu sorgen, daß dem so sei, das ist unsere Aufgabe in dieser schweren Zeit. Indem wir also für die Behauptung eines errungenen Rechtes unsere moralischen und geistigen Kräfte einsetzen, treten wir zugleich in einen Kampf um das Recht überhaupt ein. Wir erfüllen somit ein allererstes Gebot der allgemeinen Sittlichkeit. Hierüber kann unseres Dafürhaltens nicht der mindeste Zweifel bestehen. Wohl aber gehen die Meinungen über die Mittel aus einander. wie dieser Kampf zu führen sei. Man hat hie und da uns den Rath gegeben, daß es nothwendig sei, für eine Vertretung spezifisch jüdischer Interessen in den Parlamenten der Einzelstaaten, also vornehmlich in Preußen, und in dem deutschen Reichstage zu