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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-31 · Heft 13 (31.3.1893) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 »eil, daß arlamenl, i Talmud bten Ober Form »s besteht, hat uns, ins dabei kdel des ihrer der die von c Stätte fromme blos mit n Hildesmit den r unserer ves alten den viele n Finger, ens! Die so rufen ung, das über sie doch zu ) nicht in ehr unser en Duft." wir diesen »geschaut, »gt. Und ltniß als »d", mit nn" verrt? Aus Grund- Liebe bezusichert. würdigen - unserer mter den und Ber tiefsten strahl der cten Joch en Glanz;en, eines »irdigung eit dieser : Israels Unglück, Reichthum und Armuih, Ueberfluß und Mangel, sie sind die bestell Prüfsteine des inenschlichen Charakters. Wer im Glück nicht über- , müthig wird, im Reichthum nicht stolzirt, im Ueberfluß sich nicht I überhebt und sein Herz nicht verhärtet, wer im Unglück nicht verzagt, in der Armuth sein sittliches, freies Menschenthum bewahrt und im Mangel hofft und strebt und vertraut, das ist ein guter, edler, fein angelegter Charakter. Nichts aber vermag den menschlichen Charakter mehr zu gefährden, zu verderben und zu verwildern als die Sklaverei, jene Unterdrückung mit eiserner Hand, die jede freie menschliche Regung in dem Unterdrückten ertödtet. Solche Sklaven verfaßen gelvöhnlich in die tiefste Niedrigkeit, sie sinken zur Verthiertheit hinab, werden niedrig, gemein, blutdürstig, grausam und rachsüchtig. Wenn nun solche plötzlich zur Freiheit gelangen, wenn sie die Ketten zerreißen : lind ihre Fessel sprengen, dann ist von solchen zügellosen Horden Alles zu befürchten, daun sind diese Sklaven eines der Schrecknisse, unter denen, wie die Schrift sagt, die Erde erzittert: Die ungewohnte Freiheit steigt ihnen zu Kopfe, macht sie trunken, und in diesem wilden Taumel werfen sie sich mordend und brennend über ihre ehemaligen Zwingherren und Peiniger her. — Die mehrhundertjährige beispiellose Sklaverei, unter welcher Israel j in Aegypten zu leiden hatte, sollte man meinen, wäre vollauf genügend! gewesen, dasselbe, wenn es ursprünglich noch so gute sittliche Anlagen besaß, bis in den Grund zu verderben, zu verwildern und zu demoralisiren. Aber was sehen wir in Israel in dem Momente, da plötzlich der i goldene Morgen der Freiheit über seinem Haupte hängt? Was thut I es, nachdem ihm sein Joch abgeworfen, seine Ketten gebrochen werden?! Was unternimmt es gar, als es seine Peiniger, die Aegypter, im! tiefsten Unglück, in äußerster Verzweiflung erblickt, da wie die Schrift berichtet, in einer unglücklichen Nacht ganz Aegypten von Wehgeschrei erfüllt war, da in jedem Hause ein Todter gewesen? Hat Israel diese unglückliche Lage des Landes etwa benutzt, um über seine z nun schwachen, unglücklichen Peiniger mordend und plündernd, rachej glühend und verwüstend herzufallrn? Andere wären vielleicht, zumal j bei einer so großen Anzahl von vielen hunderttausend wehrfähigen Männern, mit Feuer und Schwert durch das ohnmächtige Land gezogen und hätten sich, was die Aegypter von Israel anfänglich grund-! los befürchtet haben, zu Herren des Landes geinacht! Aber was sehen! wir statt dessen in Israel? Sie hielten sich in strenger, gesitteter j Zucht von Allem zurück, was auch nur den Schein erwecken konnte, als sollte ein Gewaltakt gegen die Aegypter unternommen werden. „Ihr aber, Keiner gehe mis der Thür seines Hauses," so lautete die Ordre für die Nacht der Befreiung! Es sollte ihnen dadurch jeder Aufj lauf und jede Zusammenrottung unmöglich gemacht werden, sie sollten i so vor jeder Ausgelassenheit des Freiheitsrausches, vor jeder Rache, vor! der Entflammung der Leidenschaften bewahrt bleiben. Aber ihre erste! und vornehmlichste Sorge war die Familie. Der ebräische Mann, der bis dahin unter der grausamen Behandlung, unter der schweren Arbeit geseufzt um das Weib, das daheim im tiefen Gram ihr Leben; vertrauert, um die Kinder, die in Düsterkeit und Elend aufwuchsen,! das jüdische Weib, das vom tiefen Schmerze ergriffen war über die! rauhe Knechtung des Mannes, über die Kinder, die ohne väterliche | Leitung in Trübsal aufwuchsen, sie fanden sich jetzt in der Stunde der Befreiung im Glücke freudiger Umarmung, sie waren einander I wiedergegeben, wiedergeschenkt. Ihre erste und vornehmlichste Sorge war: tvck 7^2 das Vaterhaus; die Pflege der langentbehrten Familienfreuden und des gemüthlichen, ungestörten Familienlebens. Also nicht die trüben Leidenschaften, nein, die reinen, lautern; Gefühle der Familieniunigkeit und der schönen, edlen Lebensideale hat die Freiheit im Kreise Israels erweckt. Daran erkennen wir den guten, lebensfähigen Kern, der in Israel vorhanden ist, an j diesem gesitteten Betragen dieses Voltes zu einer Zeit, die gar zu verlockend war, um alle die gemeinen Triebe der Menschenbrust zu entflammen; an diesem gesitteten Betragen, welches das eigentliche Wesen im Volkscharakter Israels offenbart, erkennen wir deutlich, daß schon in jenen uralten Zeiten, wo Israel die göttliche Lehre noch nicht empfangen hatte, also daß schon in seinem Naturell, in seiner guten Anlage der wahre Gottesgeist gewaltet und das; dieser webende Gottesgeist in seiner Mitte die schöne nimmer welkende Blume hoher Sittlichkeit erzeugt. Deutlich lesen wir es daher im Geiste und es drängt sich uns gleich beim Anblick Israels auf seinem Auszuge aus Aegypten, da es den ersten Schritt auf seiner geschichtlichen Laufbahn thut, das Wort des hohen Liedes auf die Zunge: „So der König ist in seinem Kreise, giebt meine Narde ihren Duft" — so der Gotlesgeist der frommen Tugend ist in Israels Mitte, da blüht die würzreiche Narde seines eigentlichen Grundcharakters glanzreich und segenspendend hervor. Dem gesitteten Grundwesen nach sind wir, wie wir es an unsern Vorfahren in Aegypten erkannt, dieselben geblieben; auch heute nach Jahrtausenden, begrüßen wir das Erinnerungsfest der Befreiung gerade so fromm gesittet und weihevoll wie unsere Vorfahren, da wir an den geweihten, stimmungsvollen Sederabenden zu einem gemüthsreichen Familienleben uns vereinigen, um die Peßachfeier mit kindlichfrohem, vertrauensvollem Sinn zu begehen. An diesen schönen, von der Religion hell erleuchteten, vom Würzhauch reinen Familienlebens getragenen Abenden fühlt sich Jeder von der Empfindung durchströmt: So Gott, der König, ist in unserem Kreise, giebt unsere Narde ihren Duft, sehen wir unsere Häuser von Vertrauen gehoben, von religiöser Freude verschönt, von Tugendsinn im häuslichen Kreise gekrönt. Gleich unsern Vorfahren begrüßen wir das Befreiungs-Fest in frommgesitteter Weise, und wie sie zu keinem Gewalt- und Racheakte gegen ihre Peiniger sich haben hinreißen lassen, sondern all das Bittere, das sie erfahren, Gott anheimgestellt und sich ihren menschlichsittlichen Aufgaben in der Familie gewidmet, so thun wir es auch heute noch. Wir lesen in unseren Familienkreisen die Haggada, die Geschichte unserer ehemaligen bitteren Schicksale, die uns von Menschenhänden bereitet wurden, und kein Wort des Fluches, der Verwünschung und der Verbitterung kommt dabei über unsere Lippen. Und wenn es ein Mal doch darin heißt, das; Gott „die Heiden strafen möge," so ist dies ein Aufschrei aus dem Gefühl brennender Schmerzen, die Israel zugefügt worden; aber selbst mitten in diesem Schmerzensausschrei hat es nicht blos das eigene gefährdete Leben, das „Verzehrtwerden Jakobs" seitens der Feinde im Auge, sondern vor allem andern deren Mangel an Gottesfurcht, an Glaube» und Sittlichkeit, auf deren Bestand Recht und Ordnung und wahre Menschlichkeit beruhen. Dieser fromme Geist edler Mäßigung und Selbstbeherrschung ist gleichsam der Frühthau auf dem Haupte Israels, von welchem der Psalmist singt: „Wie aus dem Schooß des Morgeuroths wird dir der Thau deiner Jugend," der Frühlingsthau, den weder die Jahrtausende verschwinden machen, noch die rauhen Stürme des Mißgeschickes verwehen, noch die heißen Gluthen großer Leiden wegschmelzen konnten. Die innere sittliche Freiheit und die Menschenliebe haben Israel jung, geschmeidig und elastisch erhalten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"; „Liebet den Fremdling" — dieses Gebot der Menschenliebe, selbst gegen den ehemaligen herzlosen Peiniger, wie es heißt: „Verabscheue nicht den Aegpyter," wie es den einzig wahren Gesichtspunkt einer sittlichen Welt- und Lebensanschauung bezeichnet, so zeugt es zugleich für das weite, für alle Menschen, für Recht und Tugend, für Glauben und Sitte schlagende

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