Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 3üt)ftlt» Leitartikel: Bor dem Feste. Eine Peßtickbetrachtuna. Bon Dr. Ludwig Pick. -- Eine Generalversammlung deutscher Israeliten. Von Dr. I. Käst an — Zum Kapitel der jüdischen Legate. Von Dr. I. Babad. — Mr. Hall Caine. Von S. R. Landau. — Das Buch Daniel und dessen Einfluß aus die Folgezeit. Von.Prof. Dr. H. Steinthal. — Feuilleton: Ans Deutschlands großen Tagen. Von S.^Steinberg. — Kleinstadtleben. Erzählung von Ernestine Streliskv. (Schluß.) — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Rastenburg. Posen. Breslau. Frankfurt a. M.. Friedberg i. H.. Nürnberg, Floß. Prag. Pest. Warschau. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. Vor dem Feste. Berlin, 29. März. Ruch frommer Büter Sitte müssen auch wir in diesen Tagen noch eine Fülle von Chomez fortschaffen, um das Peßachfest würdig feiern zu können. Die Ereignisse der letzten Woche sind allen imsern Lesern bis in die kleinsten Details durch die Tagesblätter bekannt geworden. Wir sind also in der erfreulichen Lage, dieselben von einem höheren Standpunkte als der Zinne der Partei-Leidenschaft betrachten zu können. Ein Strafgericht ohne Gleichen in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus hat der deutsche Reichstag heute vor acht Tagen über den Chorführer des Radau-Antisemitismus abgehalten. Noch zittert die Erregung über die Verleumdungen, welche jener Mann gegen die Regierung, gegen das Parlament und natürlich auch gegen die Juden auszusprengen suchte, in den Gemiithern nach. Die Politiker beschäftigen sich mit der Tragweite derartiger sozialer Erscheinungen; die Psychologen versuchen, den Gehirnzustand des Mannes zu analysire». Alle aber sind darin einig, daß es etwas Unerhörtes ist, was dieser Führer unserer Feinde zu unternehmen gewagt hat. Wir könnten uns der Vergeltung freuen, die in dieseni Vorgang zum Ausdruck kam. Aber solche Freude liegt uns fern, wir halten es mit dem alten Bibelwort: „Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht!" Aber Niemand kann uns ein Gefühl aufrichtiger Genugthuung darüber verwehren, daß die sittliche Idee der Menschheit, die von unser» Gegnern so oft verrathen und verleugnet wird, wieder einmal vor allem Volk zu ihrem Rechte gekommen ist. Ja es war ein großes und erhabenes Kaiserwort, daß es sich hier nicht um eine Frage der Politik, sondern der Si tt lich keit handle, über die ja in Deutschland, Gott sei Dank, alle Parteien einig sind! Und in diesem Sinne betrachten wir auch die Ereignisse der letzten Tage. Die überschwänglichen Hoffnungen aber, welche von manchen Seiten daran geknüpft wurden, vermögen wir nicht zu theilen. Es ist wahr, die Herren von der Rechten schüttelten ihre Rockschöße und rückten recht weit von ihrem Liebling ab. Selbst die Freunde und Schüler verleugneten den Meister. Aber was ist damit gethan. Nur in der Methode hat sich der Meister vergriffen, nur in der Form ist er ein anderer als seine Partei- und Gesinnungsgenossen, — in der Sache sind sie sich Alle gleich! Da ist nicht einer besser als die Andern, da stehen sie Alle auf gleichem Boden, der vom Standpunkt der Sittlichkeit, nicht von dem der Politik, jedem unbefangen Denkenden als ein niedriger und verwerflicher erscheinen muß. An demselben Tage, an welchem das parlamentarische Strafgericht im Reichstage über den antisemitischen Führer erging, beantragten im Herrenhause eine Anzahl hochgeborener Herren, die Petition des Vorstandes des deutsch-sozialen Reform-Vereins zu Strehlen in Schlesien „um staatliche Prüfung der jüdischen Geheimgesetze" der Regierung zur Prüfung und Berücksichtigung zu überweisen. Und die hochgeborenen Herrn: verschmähten es nicht, trotz der energischen Gegenreden des Freiherrn von Schorlemer-Alst, des Regierungsvertreters Geheimrath Althoff und besonders des Oberbürgermeisters Struckmanu aus Hildesheim, den Antrag der Petitionskommission dennoch anzunehmen. Nun denn, wir meinen, daß zwischen den Behauptungen, die jener gegen Regierung und Parlament, und den Aussprüchen, die diese über das Judenthum und den Talmud mit einer auch nicht durch die geringste Sachkenntniß getrübten Objektivität gewagt haben, wirklich nur ein Unterschied in der Form und in der Methode besteht. Aber sei dem, wie dem wolle. Seitdem das Herrenhaus besteht, weht in seinen Räumen eine judenfeindliche Luft. Sie hat uns, Gott sei Dank, nicht zu schaden vermocht. Und es erfüllt uns dabei mit hoher Genugthuung, daß es nicht der hohe Adel des Landes, nicht die Vertreter der Wiffenschaft, nicht die Führer der großen Städte, sondern nur die edlen Landjunker sind, die von jeher den Haß gegen das Judenthum von dieser Stätte aus verkündet haben. Und diese Männer nennen sich fromme Christen! Wären sie es in der That, und nicht blos mit dem Wort, so hätte die Rede des Oberbürgermeisters von Hildesheim einen tiefen Eindruck auf sie machen müssen, die mit den Worten schloß: „Wir dürfen nie vergessen, daß der Stifter unserer Religion ein Jude war, daß die jüdischen Schriften des alten Testaments auch uns heilig sind, daß wir Christen die Juden viele Jahrhunderte geknechtet und verfolgt haben. Darum keinen Finger, der antisemitischen Bewegung Vorschub zu leisten." Vergebens! Die Herren waren und blieben anderer Meinung. Nun denn, so rufen wir diesen frommen Männern ein Bibelwort in Erinnerung, das vor mehr als dritthalbtausend Jahren gleichsam prophetisch über sie ergangen ist: „Berathet ihr nur immerfort — es führt doch zu nichts. Haltet ihr nur weiter eure Reden, — sie gehen doch nicht in Erfüllung; denn mit uns ist Gott, der Herr!" Und mit diesem Vertrauen auf Gott wollen wir nunmehr unser Peßach-Fest feiern. Eine Pestachdetrachtung. Von Dr. Ludwig Pick, Rabbiner in Pyritz. im}?,) 'TU la'DlM “[bttW NV „Sobald der König ist in seinem Kreise, giebt nieine Narde ihren Duft." Unsere alten Talmudweisen haben das hohe Lied, dem wir diesen Spruch entnommen, unter dem Bilde eines Brautliedes angeschaut, welches das innige Verhältniß zwischen Gott und Israel besingt. Und was bestätigt und bezeugt deutlicher dieses innige Verhältnis; als gerade das gegenwärtige Fest, welches die „starke Hand", mit welcher Gott uns geschützt und den „ausgestreckten Arm" vergegenwärtigt, mit dem er die Feinde von uns abgewehrt? Aus allen unseren Festgebeten klingt daher das Hohelied als Grundton heraus, in welchem wir die ewige hingebungsvolle Liebe bekunde» und Gott seinen ewigen väterlichen Schutz uns zusichert. Gott, unser König, war in seinem Kreise in jener denkwürdigen „Nacht der Bewahrung", in dem eng geschloffenen Kreise unserer Vorfahren, als Tod und Verderben rings um sie her unter den Aegyptern wütheten, er war im Kreise seiner Armen und Bedrängten, die nun nach der mehrhundertjährigen Nacht der tiefsten körperlichen und Seelenleiden auf den verheißenen Morgenstrahl der Freiheit harrten, er war in ihrem Kreise, als sie, vom harten Joch befreit, sich nach ihren Familien scharten, um den herrlichen Glanz eines neuen ungewohnten und ungekannten Tages zu begrüßen, eines Tages glücklicher Schicksalswendung aus Noth und Entwürdigung zu freiem gesitteten Menschenthum. Aber bei Gelegenheit dieser glücklichen Schicksalswendung zeigt sich der Grundcharakter Israels in einem schöne» 'wrtheilhaften Lichte. Denn Glück und Unglück,