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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-24 · Heft 12 (24.3.1893) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 12 (24.3.1893)
Date
1893-03-24
Page
Seite 144 (sequence 12)
Language
German
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144 Eine Revolution. (5rzählung aus einem kleinen rheinischen Städtchen. Was denkst Tu Dir, lieber Leser, nicht Alles bei dieser Ueberschrift! Siehst Du vielleicht im Geiste schon Barrikaden aufgebaut, hörst vas Geknatter der Gewehre, den dumpfen Ton der Kanonen? Beruhige Dich, ich will Dir von einer friedlichen Revolution erzählen; ganz ohne Blutvergießen geht es ab, und selbst die nervöseste Leseriii, die eifrig den feuilletonistischen Theil dieses Blattes nachschlägt (denn Leitartikel lesen die Damen prinzipiell nicht) und sich schon schaudernd hinwegwaudte, darf ruhig weiter lesen. Du erinnerst Dich noch des alten Schulklopfers im freiwillig gewählten Ghetto unseres Städtchens! Was bedeutet der Menschenauflauf vor einem Kleiderladen in dieser Straße? Es ist Sabbath Bormittag; die Schul ist aus und mit behaglichem Schritte, denn heute hat Niemand etwas zu thuu, wandern Männlein und Weiblein ihrem Heini zu, wo ein gutes Frühstück, die schöne knusperige Ehalle (anderwärts Barches genannt) neben dem Kidduschwein ihrer harrt. Fast alle Lüden der Straße sind geschlossen, denii ein Kaufladeii reiht sich hier an den andern, und noch nie wäre cs einem jüdischen Besitzer derselben eingefallen, Samstags Waare feil 31t bieten. Doch siehe da! Will die Welt aus ben Fugeil gehen? Avrom Bildstock hält feinen Ladeil geöffnet. Lustig fiattern die davor hängenden Arbeiterhosen iiud Drillich- Jackeii in Wilide unb scheinen den, wie erstarrt vor dem Laden stehendeii Juden zu sagen: „Seht, unser Herr hat sich voll alten Borurtheileii eillallzipirt! Was liegt lins an Eurem Schabbes! Das; Geschäft geht so wie so schlecht geiiug, und da sollen wir uns heute 1 in den dunklen Laden einschließen lassen, wo wir mit unsern Reizen i so mauchen Verkäufer anlocken können." Ja, das Geschäft ging; freilich schlecht genug nnb Avrom sagte sich: „Das niuß anders werden." Er war ein weitgereister Mann, hatte sich schon bis Anlerika durchgeschnorrt mid fam vor einiger Zeit mit einer kleinen Summe, die er sich auf geheimnißvolle Weise errungen, zurück in sein Heimaths- ■ städtchen, wo er ein Kleidergeschäft begann. Er rechiiete mm darauf, daß Samstags Markttag nn Städtchen sei. daß die größten Geschäfte j geschlossen und die Bauern, die ihre Butter und Eier gegen baares! Geld iliiigetauscht, freildig die Gelegeiiheit ergreifen wiirdeu, ihre I Einkäufe bei ihm zu luacheii. Aber er hatte seine Rechnung ohiie! den Wirth gemacht. Dichter unb dichter schaarte sich die Menge, die die Synagoge verließ, um feinen Laden. Erst ein Geflüster, ein! immer lauter werdendes Gemurmel; Worte wie: der Goi, der Schnorrer, der (ich deiike all die Leserinnen und schreibe nur die letzte Silbe „Hund" hin) luerben laut. Die junge Welt bricht sich Bahn und bildet nun eine undlirchdrillgliche Phalanx, so daß weder Jemand aiis dem Hause heraus, lioch iils Haus hinein kann. „Hier bleiben wir stehen, und weuii es bis zuni Abend wäre, bis der Kerl seinen Laden schließt," jo ertönt es aus den kampflustigen Reihen.; „Der soll uns unfern Schabbes stören, die Ruhe unserer Straßen rauben! Soll uuserm Städtchen seinen guten Ruf, als das frönnnste im : Rheinland nehmen! Das dulden wir nun unb nimmer!" Hinter dem Schaufenster sieht man einen Augenblick ein rothhaariges mit Sommersprossen besätes Gesicht ängstlich auf die Straße lugen! 1 „Komm nur heraus," so tönt es mi draußen, „hier stehen Käufer in Masse, sie wollen Dir heimzahleu mit einer Münze, die auch am! Schabbes umgehen darf." Und drohend erhoben sich die geballten! Fäuste der hoffnungsvollen Jugend. Langsam unb allmählich wandern j die alteren, bedächtigeren Genieiudenntglieder nach Hause, kopfschüttelnd j und achselzuckeud. Aber die Garde bleibt fest. Bon der manuell I Frühlingssouue begünstigt, steht sie schon über eine Stmlde vor dem! Hause. Ta kommen zwei Büllerlein daher mit ihren Kiepen auf dem! Rückeil. Wie sie die Menge sehen, stehen sie still. „Nu säh on oaner dä Avrom an. Druckes," sagt der Eine zum Andern, „bä Kä! hüt am Schabbes singe Lade op."x) „Nä. Pitter," antwortete bei Zweite, „fit schlächt hätt' ich mer denn doch nit fürgestellt, ich goii:, nit horin und waade bis Marge, do hätt der Leib (ein andere' jüdischer Kaufmann) singe Lade opp." Die Bauern waren so g^ wohnt daran, daß die Juden den Sabbath auf ihre Art heiligte:, daß sie ganz entrüstet ob der Schandthat weiter gillgen. Der Avrou der abermals ängstlich hinausgeschaut, vernahm die Unterhaltung der Beiden. Da mußte ihm wohl klar werden, daß er mit seiner Sabbathschündung nichts erreichte, und siehe da: die grauell Vo rhänge des Schaufensters fielen sachte herunter, ein Arm streckte sich aus der Hausthür, der die draußen hängenden Jacken und Hosen eiuzog, und ein lautes Hurrah der Wachehaltenden ertönte. Als nun die kampfbereite Schaar sah, daß sie ihren Zweck erreicht, eilte s-e jubelnd heim und rief frohlockend: „Der Kerl wird seinen Laden nicht mehr am heiligen Sabbath öffnen!" Und sie behielten Rech:. Er wagte es nimlner, sich von der schöllen Gewohnheit zu emanzipireu: er lnußte freilich nicht lange nachher seinen Laden für immer schließen und waildert wohl wiederum schnorrend im Lande lnnher. Aber wenn diese Geschichte auch schon lange, lange her ist, noch immer sind am Sabbath die Geschäfte unseres Städtchens fest geschlossen: sogar die Sonntagsruhe, die die reichen Einnahmen, welche der Land bewohner des Sonntags sonst stets brachte, versiegell läßt, vermag es nicht, all der frommen Sitte 31t rütteln, und ich glaube, daß bei einem abermaligen Versuche eines kühnen Neuerers die alte Lyuck justiz sofort wieder ailsgeübt würde. R. U Sprechsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! In stummer 10 Ihrer sehr geschützten Zeitung haben Sie ein >1 'Artikel „Die zahme Türkei" von B. Trb . . g, der nicht unwidersprochen bleiben darf, da er auf falschen Voraussetzungen falsche Schlüsc aufbaut. 1 Herr Trb . . g bringt eine Nachricht, wonach in Palästina und Syrien kein Jude Haus oder Grund erwerben dürfe ilnd stellt bi. ’o Maßregel gleich mit den Ausweisungen des barbarischen Rußlai \ Diese Gleichstellung zu finden, bedarf es wohl einer phänomenalen Geiftc - schärfe. Hausbackener Menschenverstand wird finden, daß eine Maßreg!, die fremden Juden, Bürgern anderer Staaten, den ferneren Erweck' von Land verbietet, den eigenen Bürgern jeder Religion denselben ai r gestattet, sich sehr vortheilhaft von den Maßnahmen Rußlands uni scheidet, die Hunderttausende eigener Bürger in die Fremde vertreib 2. Die Hauptsache aber ist: Die ganze Nachricht ist, wie -i nach sehr zuverlässigen Privatbriefen authentisch versichern kann, ru' Zeitungsente Ein Verbot, wie das berichtete, ist gar nicht ergang - Fallen damit die Voraussetzungen des Artikels, so darf ich es i;:;i wohl erlassen, Ihre Leser mit dem Nachweis zu belästigen, daß auch Schlüsse falsch sind, die aus den falschen Voraussetzungen gezogen werdi. Sollte indeß Herr B. Trb . . g damit nicht zufrieden sein, so lade ich ihn ein, mit mir vor welchem Forum immer darüber zu disputir Ich bin überzeugt, daß auch Herr Trb . . g, wenn er nur e,'t einen Liefern Einblick in die Sachlage gewonnen, ein ebenso warn r Freund und Verfechter der Kolonisation Palästinas durch Juden werd-.n wird wie Ihr sehr ergebener Willy Bambu l) Rheinischer Dialekt. Nun sieh einmal einer den Avronl cui, Heime: . der Kerl hält am Sabbath seinen Laden auf. Nein, Peter, so schlecht hüuc ich mir ihn nicht vorgestellt, ich gehe nicht hinein und warte bis morgen, da hat der Leib seinen Laden auf. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauch Witz in Berlin.

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