Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1893)
- Date
- 1893-03-24
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Annas Leben, Herr Hirsch, da treten alle Bedenken zurück. Wir müssen Kalinsky die Behandlung überlassen, es Hilst nichts." Der alte Mann sas; stumm, ein Bild des Jammers, am Krankenbette seines Kindes; er konnte nichts thun als beten. Ittel bewährte sich wieder einmal in dieser Zeit. Sie vernachlässigte ihr Hans, ihr Geschäft, sic war immerwährend bei Anna. Sie durchwachte Nächte, sie that Alles, was die zärtlichste Mutter für ihr Kind hätte thun können. t Schluß folgt.) U Gin Jahr vor der Emanzipation. Realistisches Detail von einem Junggesellenfeste. Von Georg Minden. Ich will gleich von vornherein aufrichtig bekennen, daß, wenn ich von Zeit zu Zeit auf Beranlassung von Freund Karpeles einen Aufsatz für die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" schreibe, dies hauptsächlich geschieht, um mich dadurch bei der schöneren Hälfte des Hauses Jeschnrun in vortheilhaftes Licht zu setze». Diese Hoffnung ist aber bis jetzt völlig unerfüllt geblieben. Der erwartete koschere Lorbeerkrauz ziert mein Haupt noch immer nicht; ich habe sogar meine besten Freundinnen im Verdacht, das; die Lorbeerblätter in ihrem Haushalt eine sehr profaneVerivendung finden. Selbst meine mir sonst sehr wohlgesinnten Kousinen und Großkonsinen, von denen ich eine stattliche, ansehnliche Schaar besitze, weichen der Lektüre meiner Artikel mit anerkennenswerther Konsequenz ans. — Theilwcise machen sie geltend, daß ihnen ihre Dienstboten kündigen würden, wenn sie eine jüdische Zeitung hielten, theilweise wissen sic das Gespräch, sobald es jüdische Angelegenheiten streift, mit der Gewandtheit, die die Frau von Geist und Bildung anszcichnet, auf die „Freie Bühne", oder die „Ethische Gesellschaft", oder die Jcnerbestattnug, oder die Frauenemauzipation hinzulenkcn. Würdigt mich aber einmal eine Dame ausnahmsweise eines litterarischen Gespräches über die grüne Zeitung, so nimmt es gewöhnlich seinen Verlauf nach folgendem Schema: Sic: „Unterzeichnen Sie Alles, was Sie drucken lassen, mit Ihrem eigenen Namen, oder erscheint Manches auch anonym oder pseudonym?" Ich: „Wie kommen Sie zu dieser Frage, gnädige Frau?" Sie: „In der drittletzten Nummer stand der und der Aufsatz. Ist der von Ihnen?" Ich: „Des Aufsatzes entsinne ich mich wohl; ich fand ihn aber etwas langweilig. Ich weiß nicht, von wem er ist. Und da haben Sie mich im Verdacht?" Sie: „Ich fand ihn auch langweilig. Ich bin nur froh, das; er nicht von Ihnen ist." Daun habe ich gewöhnlich nichts mehr zu sagen und bringe meinerseits das Gespräch auf das boxende Känguruh. Aus Grund dieser Erfahrungen habe ich denn diesmal von vornherein auf die Theilnahme der Damenwelt verzichtet und eine Ueberschrift gewühlt, die jedes weibliche Wesen abschreckeu wird. Wenn es noch neugierige Frauen und Mädchen geben würde, so würde sie der Titel vielleicht gerade reizen. Aber dies Laster ist so selten geworden, day aus der nächsten Weltausstellung eine neugierige Dame i» der prähistorischen Abtheilung als besondere Merkwürdigkeit gegen Extraentrce gezeigt werden soll. d Also, meine Herren, was ich zu erzählen habe, ist Folgendes: Im Jahre 18«>9 stifteten unsere Großväter — für meine Person spreche ich dabei nicht bildlich, sondern realistisch — körperlich — leiblich — beinahe 200 an der Zahl zu Berlin einen Junggeselle:!- Verein, dem sie den klangvollen Namen „Magine reim", nach d-r damaligen Aussprache Moginey reyi'in, b. h. „Wappenschild d, r Genossen" beilegten. Sie verpflichteten sich — nicht etwa nicht u freien, — sondern sich gegenseitig im Fall der Noth, besonders bei Krautheit und Verarmung beizustehen und zu helfen. Als materielle Grundlage dieses ideellen Zweckes diente ein Mouatsbeitrag von 4 Grosch >: Courant, und die im Gesellschaftsarchive noch vorhandenen, peinlich genau geführten Kassenbücher registriren Monat für Monat, wann Einer mit der Zahlung im Rückstand geblieben, oder wenn er, wic vom Jahre 1814 Samuel Bleichröder, der Begründer der Weafirma, regelmäßig auf 3 Monate pränumerando gezahlt, oder gar, wic der Direktor der Gesellschaft, Philipp Hellborn, seinen Monat - beitrag freiwillig auf 1 Thlr. 8 Gr. erhöht hat. Bis zum Schluffe des Jahres 1813 werden sämmtliche Büch;. Protokolle und Kassenjonrnale mit hebräischen Lettern geführt natürlich befindet sich die erste Seite rechts, nach unfern Begriff >: hinten. In Folge des Juden-Emauzipationsedikts von 1812 wur, beschlossen, deutsche Lettern — und wie nachträglich deklarirt wirr geeignetenfalls auch lateinische zu benutzen. Am Sylvester 18M werden alle Bücher umgedreht und von links au weiter geführt, l-r die beschriebenen Seiten in der Mitte zusammen treffen. Aus dem Gesellschaftsarchiv, das natürlich reiches kulturgeschickliches Material birgt, habe ich für heut ein dünnes Aktenstück au gesucht, das — wie viele andere — augenscheinlich in späterer Z-a von einer des Hebräischen unkundigen Hand verkehrt in den Aktendeckel hineingeheftet ist und die Bezeichnung führt: „Acta der Gesellschaft moginey reyi'in betreffend das Gastiua-I im August 1811 (Nr. 122)." (Letztere Nummer bezieht sich auf das Aktenstück, nicht auf d - Gastmahl). Zunächst findet sich ein Cirkular des Vorstandes, in welch, :: zu einem (startenfest cingeladen und die Subkription ü 1 Thlr. 4 (■ eröffnet wird. Einige zeichnen bis 5 Thaler. Dann folgt d-c „Schema einer Einladungskarte," welches lautet: „Herrn . . . lad n wir zum Kaffee und Abendbrod auf Sonntag den 4. August in , Neuen Friedrichstraße Nr. 35 Nachmittags um 4 Ilhr hierdurch eit „Die Vorsteher m'dielirali magine reim." (Alles außer b; : Datum und den Zahlen mit jiidischen Lettern.) Die Karte hat Format und Größe einer heutigen Visitenka , und ist mit einem gepreßten Rand verziert. Daun folgt die Tischordnnng: „Jeder Vorsteher „bewirthe t (d. h. hatte die Aufsicht über) 11 Gäste." Der Vorsteher Aharon l> r L. bar G. — seinen deutschen Namen habe ich trotz seines gern nischen Berufs nicht ermitteln können — „hatte die Aufsicht iU r das Bier". NJi. „Das Prüsentircn des Kaffee war willkürlich." Dann folgt die Abrechnung nebst den Quittungen. 1. i> „ Psd. Taback .1 Thlr. 12 Gr. — 2. Der erste Transport Bier . . . 4 „ 12 „ — 3. Lichter 4 Pfd.2 „ — „ - 4. 1 Quart feinen Kümmel und 1 Quart Zitron.2 „ 16 „ — 5. 6 Dutzend Visitenkarten.1 — „ — 6. Der zweite Transport Bier.4 „ 2 „ — 7 5 Dutzend Pfeifen. 1 „ 6 „ — 8. An Madam Simon und Madam Beer zur Besorgung sämmtlicher Speisen laut Spezialkonto.124 „ 13 „ 9. Für die Reinigung des Lokals .... 1 „ 4 „ 1<> 2 Aufwartsfrauen bei Zubereitung der Speisen und am Tage der Zudeh (lstastmahl) zum Scheuern des Geschirrs re. . 4 „ - „