Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1893)
- Date
- 1893-03-24
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Hirsch, ob durch die Macht des Gebetes gestärkt, ob dllrch eine Jdeenassiciation beeinflußt, daß in dem Augenblicke, wo er Gott anuefleht, irgend eine glückliche Lösung dessen, was ihn so tief bekümmerte, bevorstehe, ging im Gebetmantel, hoch aufgerichtet, fest lUlftretend, auf den Doktor zu. Er sah aus wie ein Seher! Kalinsky ward erschüttert; er streckte Hirsch seine Hand entgegen, >)irsch umspannte sie mit seinen beiden Händen und drückte sie fest. Er sprach nicht. Der Doktor fühlte, er müsse sprechen, denn Hirsch konnte ihm nicht ansehen, was in ihm vorgehe, er sagte: „Herr Hirsch, ich sehe es Ihnen an, Sie wissen Alles." Der alte Mann nickte. „Erlauben Sie, daß ich mich setze," fuhr der Doktor fort. „Ich will warten, bis Sie Ihr Gebet beendet haben." Kalinsky und Anna saßen sich nun gegenüber. Er sah sie an itit verzehrenden Blicken. Sie hatte sich über ihre Arbeit gebeugt, ne zupfte und zupfte jedes Blättchen in tausend kleine Stückchen, als iälte es, sie in Atome anfzulösen. Beide blieben stumm, er hatte ihr die Hand reichen wollen, aber ie schien es nicht zu sehen. Hirsch hatte sein Gebet beendet, er legte Tallit und Gebetriemen ab. Anna versuchte aufzustehen; sie meinte, sie sei im Stande, das stmmer zu verlassen, aber sie hatte es nicht gekonnt; sie schob an mn Tischchen, vor dem sie saß. Kalinsky sah sie bittend an. Auch Hirsch, durch das vernommene Geräusch aufmerksam geworden, errieth ihre Absicht und sagte: „Bleibe doch hier, Anna." Der Doktor war aufgestanden; er fing an: „Herr Hirsch! Ich oäre schon längst zu Ihnen gekommen, aber Pflicht und Ehre hatten s mir verboten, solange das — nach meiner Ansicht größere Hinwerniß bestand — das unseren oder vielmehr meinen Wünschen schweigen auferlegen mußte. Seit gestern weiß ich, daß Ihre Tochter geschieden ist, und nun, derr Hirsch, lassen Sie uns, wie es Männern geziemt, unsere Lage is Auge fassen, wir wollen bedenken und besprechen, und je keinen Widerstand erwartet. Bedenken Sie, Anna, machen Sie uns Beide nicht unglücklich, verurtheilen Sie uns nicht zu Unerträglichem. Wir können ja nicht von einander lassen. Wir lieben uns." „Ja, ich liebe Sie, ich weiß, ich fühle, daß ich Sie nie vergessen kann, ich weiß, ich habe ein trauriges, qualvolles, einsames Leben vor mir, vielleicht ein langes Leben, denn ich bin noch so jung, ich weiß, daß der Tod nichts ist gegen ein solches Leben, und dennoch nehme ich es auf mich, dennoch wiederhole ich, niemals! Ich kann dem nicht untreu werden, was ich hoch und heilig halte, so werde ich meiner Ueberzeugung mein zerstörtes Leben als Opfer darbringen." „Anna, denken Sie denn gar nicht an mich?" Eine Welt voll Liebe klang in diesem Vorwurf. „Gott helfe mir und Ihnen, ich kann nicht anders." Laut schluchzend warf sich Anna ihrem Vater an den Hals. „Mein armes, armes Kind! Gott segne Dich! Gott sei barmherzig und lasse Dir sein Antlitz leuchten!" Kalinsky war außer sich. „Nein, Anna, nein, es darf nicht, es kann nicht Alles zu Ende sein." „Es ist zu Ende," schluchzte Anna. Der Doktor stürzte hinaus. Einige Tage nachher hörte man, Anna Hirsch — wie sie nun jetzt wieder genannt wurde — liege schwer krank darnieder. So war Anna also wahrscheinlich am Sonntag schon krank gewesen, als der Doktor hinging, aber zu Hirschs geht er immer noch viel schneller als zu andern Leuten, denn er hatte sich nicht einmal Zeit genommen, einen anderen Hut aufzusetzen. Das dachten und sagten die Leute und das war gut. Die Kränkungen, die Aufregungen, die die letzten Wochen für Anna gebracht, hatten ihre Gesundheit unterwühlt. Nur die Ueberzeugung von Kalinskys Liebe, die Hoffnung auf eine glückliche Lösung, die sie still hegte, hatten Anna noch aufrecht j gehalten. Sie wußte zwar nicht, in welcher Weise sich die Lösung! zu denken; aber wenn man liebt, wünscht, hofft man. . Kalinskys Wunsch, daß sie Christin werde, sein Ausspruch, daß! er sie unmöglich zu seinem Weibe machen könne, wenn sie Jüdin! bleibe, hatten ihr klar gemacht, daß nun Alles aus sei, daß jede her wir zu einem glücklichen Abschlüsse gelangen, desto mehr Glück üt uns Alle." Hirsch zog ihn zu sich aufs Sopha. „Bitte, sprechen Sie, ich will Ihre Meinung hören." „Herr Hirsch, daß ich Sie ebenso verehre, wie ich Ihre Tochter rebe, brauche ich Ihnen vielleicht nicht zu sagen, denn auch ich emsinde, was Sie für mich fühlen. Ich würde Ihnen mit Freuden jedes Opfer bringen, sogar zum »öchsten, zu dem der Selbstverläugnung, wäre ich für meine Liebe m Stande. Aber ich gehöre nicht mir allein, ich habe eine Mutter, ch habe Geschwister! Ich kenne Euch. Mir seid Ihr lieb, mir seid Ihr ans Herz gewachsen, ich möchte Euch gar nicht anders haben wollen. Wie soll ich aber meiner Mutter — verzeihen Sie — eine Jüdin >ls Tochter zuführen? Das ist ganz undenkbar, ganz unmöglich! Und so sehr ich Ihre Tochter liebe, ich kann sie doch nicht zu meinem Weibe machen, so lange sie Jüdin ist. Ich weiß nur einen Ausweg für mein Glück, für unser aller Glück: Anna soll Christin werden." Hirsch zitterte an allen Gliedern. „Niemals," rief Anna fest. Kalinsky fuhr erschrocken herum. „Anna! das von Ihnen? Bei Ihrer Anschauungsweise, bei Ihrem gebildeten Verstand habe ich Hoffnung zerronnen. Als der Doktor gegangen war, hatte Anna noch versucht, sich aufzuraffen, sie wollte darüber Nachdenken, wie sie ihr Leben einzurichten habe. Die Gedanken schwirrten aber in ihrem Kopfe, sie sah ihr ferneres Leben schreckenerregend vor sich. Die Menschen, die durch ihr Gerede ihr so viel Schmach angethan, diese Stadt, Alles erschien ihr beängstigend, Hassenswerth. Ihre Gedanken verwirken sich, sie fieberte, sie wußte nichts von sich. - Hirsch, in seiner Verzweiflung, schickte zu Jitel. Er erzählte ihr, was Kalinsky gesprochen, und bat, da er in seiner Hilflosigkeit nichts thun könnte. Jitel möchte alles für die Pflege Nöthige herbeischaffen und einen Arzt aus der benachbarten Stadt kommen lassen, der die Behandlung Annas übernehme. Diesem widersetzte sich Jitel, sie sagte: „Bis jetzt weiß Niemand außer uns, was hier vorgegangen. Herzel führt die Leute an der Nase herum. — Nehmen wir aber einen anderen Arzt, dann führen wir gerade das herbei, was wir verhüten möchten, was wir unter jeder Bedingung verhüten müssen. Und wir geben dadurch dem Gerede erst recht neue Nahrung, und dann ist's auch unausführbar. Wie wollen Sie täglich einen Arzt, der stundenlang fahren muß, hierher kommen lassen? Das kann man wohl thun zu einer einmaligen Konsultation, doch nicht täglich. Es handelt sich jetzt um