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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-24 · Heft 12 (24.3.1893) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 12 (24.3.1893)
Date
1893-03-24
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
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140 moralische Gefühl möge diese Menschen entschuldigen, aber es muß unbedingt darauf Rücksicht genommen werden." Um also Anna vor Beleidigungen zu schützen, mußte einstweilen jeder Verkehr unter ihnen abgebrochen werden. Der Doktor mutzte ihr Recht geben. Er blickte auf Anna, die so matt dalag. Jitel errieth ihn. „Wenn Anna Ihrer Hilfe bedürfen sollte, dann tritt alles Andere zurück, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich in diesem Falle Sie holen lasse." Eine Woche war vergangen, der Arzt ließ sich bei Hirsch nicht sehen. Der alte Mann quälte Anna mit Fragen, warum der Doktor nicht komme? Ob man nicht um ihn schicken solle. „Denn", sagte er, „es ist mir ein Bedürfniß geworden, mit ihm zu sprechen, ich muß Dir sagen, Kind, ich fühle etwas wie Sehnsucht nach ihm. Weißt Du, ich glaube, wenn der Doktor von hier fortgehen sollte, würde kein Mensch dies mehr bedauern als ich; so sehr habe ich mich schon an ihn gewöhnt, daß mir diese Woche nur deshalb so lang vorkommt und mir so langweilig vergangen ist, weil er mir fehlt." „Vater!" schrie Anna auf. „Was ist Dir, Kind?" „Nichts, Vater." Das Vibriren in der Stimme, den Tonfall, mit dem Anna das Wort „Vater" wie hilfeflehend gerufen, hatte Hirsch mit dem bei Blinden ungewöhnlich scharf ausgeprägten Gehörsinn erfaßt, er wurde unruhig, er fragte wieder. „Kind, was hast Du! Sprich, wann hättest Dll je mir etwas verheimlicht? Ich sehe Dich leider nicht, aber ich suhle, daß Dich etwas bewegt. „Pater!" schrie Anna noch einmal und warf sich an seine Brust. Wie ein Blitz erhellte es plötzlich seinen Geist, er drückte Anna an sich. „Niein Kind! Mein unglückliches Kind, Tu liebst ihn, und er liebt Dich wieder, deshalb kommt er nicht, o, er hat Recht. Seit wie lange weißt Du es denn? Seit wann wisset Ihr es! O wie glücklich Deine Mutter, daß sie das nicht erlebt." „Pater, brich mir nicht das Herz," sagte Anna. „Ich bleibe bei Dir, ich dm Dein Kind, wir wissen erst seit einer Woche, wie es um uns steht, wie es um mich steht, seitdem Jitel zuletzt hier gewesen, und seitdem ist er auch nicht mehr gekonunen, Vater! Vielleicht hätte ich es noch vermocht, vor Dir zll schweigen, aber ich will, ich muß von Max getrennt werden." „Ttt hast recht, mein Kind! Ich habe nur in diesem Augenblicke nicht daran renken können, aber noch heute muß die Scheidung durch unseren Advokaten eingeleitet werden; denn auch den Ehebruch in Gedanken, den Ehebrilch im Herzen verdammt unsere heilige Religion." Es vergingen noch einige Wochen, Kalinskh war nicht gekommen, auch Jitel hatte ihn nicht ioieder gesehen. Anna ging herum wie im Traume, ihr Zustand war nur insofern erträglicher geworden, als sie nicht mehr nöthig hatte, vor ihrem Vater sich zu verstellen. Ter alte Mann befand sich in einer bedauernswerthen Lage. Er lieble sein Kind, er Hütte es gern glücklich gesehen -- wußte er ja doch, daß Anna in ihrer Ehe unglücklich gewesen, — aber wie sollte er es möglich machen. Wenn er auch sein Leben freudig für sie hingegeben hätte! Er hütete sich, irgendwie einzugreifen und wiederholte nur immer wieder: „Gott wird uns führen, er wird uns den rechten Weg zeigen, vertrauen wir auf ihn, mein Kind." Einige Zeit war wieder verstrichen, es ereignete sich nichts. Die Leute merkten, daß Kalinskh nicht zu Hirsch ging, sie konnten jedoch nicht herausfinden, was diese Wandlung der Dinge veranlaßt hatte. „Ob er wohl die Jüdin schon satt habe?" sagten die Einen verächtlich. In der Gemeinde aber waren sie versöhnlich gestimmt und meinten, es sei doch ein jüdisch Kind, sie habe gewiß allein eingesehen, daß sie zu Nichts führen kann, diese Freundschaft mit dem Doktor. Aber warum hat Anna gerade jetzt die Scheidung verlangt? Denn das war kein Geheimniß geblieben. Weil, sagten die Klugen, Max wahrscheinlich derjenige gewesen ist, der auf Scheidung gedrungen hat. Und ihm konnte man es ja nicht verdenken. Die Scheidung war auch inzwischen vollzogen worden. Zelkis hatte bei seinen Freunden das Noblesse oblige gelernt, er hatte keine Einwendungen gemacht, hatte Anna ihr Heirathsgut herausgegeben. Im Grunde war er es zufrieden, daß es so gekommen. Ä Am Sonntag Vormittag, zu der im kleinen Städtchen üblichen Besuchszeit, sah man Dr. Kalinskh, im Cylinder — der dort nur bet ganz besonderen Gelegenheiten getragen wird — dem Hause Hirschs zuschreiten. Gleich bildeten sich kleine Gruppen auf der Straße, gleich steckte man die Köpfe zusammen, allerlei Hypothesen wurden aufgestellt. „Was bedeutet dieser feierliche Aufzug? Was hat er vor?" „Man wird überhaupt in der letzten Zeit gar nicht klug aus ihm, er ist nicht mehr so freundlich mit uns, er kommt, schreibt sein Rezept und geht gleich wieder!" „Früher hat er auch gesessen uitb etwas gesprochen, jetzt ist er eigentlich ganz seltsam." „Ob er wohl etwas erfahren hat von dent, was man in der Stadt gesprochen? Und wenn auch, wie kann es aber ihn verdrießen, wenn wir über Anna Schlechtes sagen?" „Ueber ihn hat doch kein Mensch ein böses Wort gesprochen." „Und wer kann es denn ihm wieder erzählt haben?" „Uebrigens hat ja erst neulich Herzel erzählt, daß der Doktor m gar nichts weiß, so ist ja unser Herumrathen ganz umsonst; wer weiß, was ihm im Kopfe steckt, er ist ja auch nur ein Mensch und kann auch seine Sorgen haben wie wir." Die guten Leilte erregten sich selber, beruhigten sich auch selber das verstanden sie sehr gut. Aber man wollte warten und sehen wie lartge der Doktor bei Hirsch bleibt, denn dann konnte man einiger maßen feststellen, ob er einen freundschaftlichen oder Krankenbesuä gemacht habe. ' Die Leute thaten so, als gingen sie spazieren, schielten aber nur nach dem Hause. Hirsch, in immerwährender Sorge um sein Kind, hatte schlech geschlafen, er war des Morgens noch lange im Bett geblieben um verrichtete erst jetzt leise sein Morgengebet. Anna saß an einem Tische und entnahm immer wieder ein* Blume dem Glase, das vor ihr stand und zupfte nervös di Blätter ab. Beide waren überrascht, als des Doktors Stimme laut grüßend im Zimmer plötzlich gehört ward. Anita stand nicht auf, sie erwiederte nicht den Gruß, sie formte es nicht. In der einen Hand die halbzerzupste Blume, in der andern einige Blätter, saß sie da bleich, angstvoll die Angen auf Kalinskh gerichtet, als wäre sie. erstarrt.

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