Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-24 · Heft 12 (24.3.1893) · p. Seite 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 12 (24.3.1893)
Date
1893-03-24
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3227999--49635-3271210
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

139 unabweislich dargethan zu sein; die von Ihnen nachgewiesenen lokalen I Beziehungen sind für Abraham wie für Jakob-Israel zu deutlich in die! Augen springend. Nachdem einmal dieser Standpunkt für die Beur-! theilung der Patriarchen-Lagen durch Sie ist geltend gemacht worden, j wird die wissenschaftliche Unterstützung diesen Standpunkt nicht wieder! verlassen oder verleugnen können; die sogenannte gläubige Betrachtung; derselben muß man freilich ihrer Wege gehen lassen. Eine andere Frage l aber ist es, ob alle Ihrer mit unverkennbarem Scharfsinn entwickelten i Annahmen in der wissenschaftlichen Erwägung sich werden geltend machen, i Meine Eigenthümlichkeit läßt mich gewöhnlich bei dem negativen Resultat stehen bleiben; so ist es nicht gewesen —ohne mich auf das Feld positiver Hypothesen zu versteigen. An Untersuchung der Patriarchen-Sagen bin ich niemals gerathen und Sie haben mir hierüber ein Licht ange- - zündet, für das ich Ihnen nur dankbar sein kann. Wenn es mir der leider gestörte Zustand meiner Gesundheit noch einmal wieder erlauben sollte, Berlin zu besuchen, so würde, Ihre persönliche Bekanntschaft machen zu können, für mich eine wahre Erquickung sein. Mit aufrichtiger Hochachtung zeichnet sich Ihr ergebener F. Voll. U FEUILLETON Kleinstadtleben. Erzählung von Ernestine Strelisky. (Fortsetzung.) Anna schwieg, Jitel fuhr daher fort: „Und wenn er nicht mehr hier ist, dann ist Dir geholfen, Du wirst ihn vergessen, jetzt scheint; es Dir wahrscheinlich, daß dies unmöglich sei, aber ich bin älter und j sage Dir, Dn wirst es können, Du bist ja auch noch so jung, ich j traue Dir zu, ich verlange von Dir, besser gesagt, daß Du alle Deine! Willensstärke, alle Deine Vernunft aufbieten sollst, und so wirst Dn > es auch fertig bringen, Du wirst sehen, was man muß, das! kann man auch mit einem festen Willen. Alles schon dagewesen,! liebe Anna." Jitel sprach noch lange und viel, sie entwickelte ein wahres : Talent in der Behandlung des Themas von Vergessenwollen, Ber- : gessenköunen, und vergaß, nur dabei, daß dem Menschen lieber- > menschliches zumuthen heißt, wenn von ihm verlangt wird, er solle Empfindungen durch Vernunft aufheben; das vermag die Vernunft aber nicht, weil Empfindungen unser eigenstes Wesen sind, weil wir Fleisch und Blut und Nerven haben. Jitel war daher sehr verwundert, als Anna, nachdem sie die! ganze Zeit geschwiegen, in die Worte ausbrach: „Sie meinen, ich sollte vergessen, ganz vergessen können an diese! Epoche meines Lebens, wie einen wüsten Traum soll ich Alles von * mir abthun können? Trotzdem ich es seit gestern deutlich fühle, daß mein Gefühlsleben ganz und gar in diesem Traum sich einge-; spönnen hat!" Jitel wurde aufgebracht. „Und ist es denn nicht ein wüster Traum, den Du da in Dein Leben hineinträgst? Du vergißt auch noch eine Hauptsache, Anna,; wir ereifern uns Beide Gottlob umsonst. Der Doktor denkt gar nicht 1 an Dich, denn sonst, weiß Gott, wozu Du im Stande wärst." 1 Merkwürdig, daß Anna dieser Gedanke noch nicht gekommen! war. Jitels Hinweis, daß Kalinsky gar nicht an sie denke, wirkte i ernüchternd. „Verzeihen Sie, ich ließ mich hinreißen, Sie Habens j mich mir wiedergegeben, ich weiß, wie gut Sie es mit mir meinen, ich danke Ihnen!" Noch saßen die Freundinnen neben einander, die Aeltere ganz gegen ihre Gewohnheit noch immer eifrig redend, die Jüngere still zuhörend, als man einen raschen Tritt vernahm. Anna sprang auf, auch Jitel war aufgestanden, auch sie gerieth außer sich, — der Doktor trat ein. Annas zitternde Gestallt, ihre tiefe Blässe, Jitels verlegenes Wesen: er übersah mit einem Blick die Situation, die er sich aber nicht zu deuten wußte, er blickte von Einer zur Andern, was war hier geschehen? Er ging auf Anna zu. „Sind Sie krank?" Sie verneinte. Er wollte ihr den Puls berühren, sie zog ihre Hand zurück, er war sehr bleich geworden. „Was geht hier vor? Seit wann befindet sich Anna in solchem Zustande?" wandte er sich an Jitel, es war das erste Mal, daß er Anna in ihrer Gegenwart so nannte. Jitel hatte sich gefaßt. Oder war ihre Ruhe nur scheinbar, aber genug, sie schritt gemessen auf den Doktor zu, reichte ihm die Hand und sagte: „Ich erblicke darin eine Fügung Gottes, daß Sie gerade jetzt gekommen sind, Herr Doktor! Meine mütterliche Liebe entschuldigt mich, wenn ich spreche, und um Annas willen, die Sie gewiß schätzen, werden Sie es hoffentlich den Leuten auch nicht nachtragen, was sie reden." Sie erzählte nun, wie die Lästerzungen seine Besuche bei Hirsch verdächtigten, wie Annas guter Ruf mit Füßen getreten wurde, so daß sie sich nicht mehr aut die Straße dürfe sehen (affen, wenn sie nicht beleidigt werden wolle, wie Annas ganzes Leben nunmehr vernichtet sei. Sie sprach eindringlich und appellirte schließlich an seinen Edelmutt), bat, er möchte so handeln, daß Altern Die Spitze abgebrochen werden könne; sie spielte auf seine Entfernung vom Städtchen an. Während dieser Auseinandersetzung war Anna unter des Doktors Blick, den er auf sie gerichtet hielt, imnrer bleicher geworden, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten, sie fiel hin. Der Arzt lief erschrocken und erfreut auf sie zu : „Anna, Anna, auch Sie lieben mich!" Er hielt sie in seinen Armen, feine Lippen berührten ihre Stirn. Anna schlug die Augen auf und blickte ihn wie verklärt an. Jitel war dazwischengetreten. „Um Gotteswillen! Was thun Sie? Sollen die Leute Rech! behalten? Bedenken Sie, Anna ist eine Jüdin, ist eine verheirathete Frau!" sagte sie ganz entrüstet. Kalinsky sah sie bittend an uub sagte: „Frau Brühl, Sie sind Annas Freundin, so sind Sie nun auch meine Freundin. Sie haben gesehen, was hier vorgegangen. Unsere Gefühle fiub stärker als wir, ich wußte schon längst, wie es um mich stand, ich kämpfte wie ein Mann, glauben Sie es mir; aber ich konnte nicht aus dein Herzen reißen, was sich da hineingewachsen hatte und feste Wurzeln geschlagen, es ist ein guter Theil meines Jchs, es ist mein eigen, das könnte nur mit meinem ganzen Sein zugleich anfhoren, aber ich wollte Annas Ruhe nicht stören, ich hatte Mühe genug, mich nicht zu verrathen, durch kein Wort, und in meinen Allgen hat Alllla llicht gelesen, wie sehr ich sie liebe. — Unsere Lage ist aber vielleicht gar nicht so verzweifelt, wie sie uns erscheint," setzte er etwas muthiger hinzu. Aber Jitel llnterbrach ihn, sie bat, er nlöchte gehen unb solle in den nächsten Tagen, in den nächsteil Wochen nicht toinmen. Mail solle erst ruhiger zil werden versuchen, überlegen, prüfeil! „uild," setzte sie zum Doktor gewendet, hinzu, „Sie wissen gar nicht, zll loetcheil Ungeheuerlichkeiten unsere Leute fähig fiitb, wenn eine Frau ans der Gemeinde gegen unsere heiligen Satzungen, gegen Tradition und anerzogene Grundsätze sich vergeht. Das bei uns so sehr allsgeprägte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.